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Der Norden Deutschland ehrt Nazi-Jäger Fritz Bauer
Nachrichten Der Norden Deutschland ehrt Nazi-Jäger Fritz Bauer
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07:30 29.06.2018
Fritz Bauer war einer der Helden der jungen Bundesrepublik. Er brachte Auschwitz vor Gericht und konfrontierte die Deutschen mit ihrer NS-Vergangenheit. Vor 50 Jahren starb der hessische Generalstaatsanwalt. Quelle: epd/Fritz Bauer Institut
Niedersachsen

In der Nacht zum 1. Juli 1968 wird Fritz Bauer tot in der Badewanne seiner Wohnung aufgefunden. Der plötzliche Tod des hessischen Generalstaatsanwalts kurz vor seinem Rentenalter sollte die Verfolgung der sogenannten Euthanasie-Morde in der Nazi-Zeit zunichte machen, die Bauer energisch betrieben hatte.

Doch dem unerschrockenen Juristen war es fünf Jahre zuvor gelungen, mit den Frankfurter Auschwitz-Prozessen auch international ein Zeichen zu setzen. Nach jahrelanger Verdrängung der millionenfachen Verbrechen der Nationalsozialisten unternahm das Land der Täter in den bis 1965 dauernden Verfahren zumindest den Versuch, den Völkermord an den Juden strafrechtlich aufzuarbeiten.

Als oberster Staatsanwalt in Hessen hatte Bauer das Verfahren bundesweit an sich gezogen - gegen alle Widerstände. „Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland“, soll Fritz Bauer einmal gesagt haben. Der Generalstaatsanwalt musste sich mit Richtern und Staatsanwälten aus der Nazizeit herumschlagen, die nach 1945 weiter im Staatsdienst verblieben und oft seine Arbeit sabotierten.

Generalstaatsanwalt in Niedersachsen

Der am 16. Juli 1903 in Stuttgart geborene Fritz Bauer stammte aus einer deutsch-jüdischen Kaufmannsfamilie. Er war von seiner Biografie her einer der wenigen Unbelasteten im Justizapparat der Bundesrepublik. Schon als 17-Jähriger hat er sich in der SPD engagiert. 1930 wird er mit 26 Jahren jüngster Amtsrichter Deutschlands. Drei Jahre später kommt er nach der Machtübernahme der Nazis in Haft. 1936 flieht er nach Dänemark und später nach Schweden. Mit Willy Brandt gründet er dort eine Exil-Zeitschrift.

1949 kehrt Bauer in seine Heimat zurück, um ein demokratisches Justizwesen mit aufzubauen. Er wird Generalstaatsanwalt in Niedersachsen. 1956 holt ihn Hessens Regierungschef Georg August Zinn (SPD) in dieser Funktion nach Frankfurt.

Vorbereitung des Ausschwitz-Prozesses

In den Jahren darauf lässt er von seinen Mitarbeitern über 1000 Zeugen vernehmen und bereitet den Auschwitz-Prozess gegen die SS-Wachmannschaften vor. Er gibt den Israelis auch den entscheidenden Tipp zum Aufenthalt von Adolf Eichmann. Der ehemalige SS-Obersturmbannführer, der die Massendeportationen der Juden in die Vernichtungslager organisiert hatte, wurde 1960 vom Geheimdienst Mossad 1960 aus Argentinien entführt und zum Prozess nach Jerusalem gebracht.

Bauer ging es dabei nicht um persönliche Rache, sondern um Aufklärung. Er galt als überzeugter Anhänger eines humanen Strafrechts, das nicht mehr auf Vergeltung beruhen sollte. Die Ursachen für Auschwitz sah er vor allem im autoritären Charakter der deutschen Gesellschaft und der mangelnden Zivilcourage.

Letztlich war sein Kampf vor Gericht aber eher von symbolischer Bedeutung. 8000 Deutsche waren allein in der einen oder anderen Weise vor Ort an den Auschwitz-Verbrechen beteiligt. Von deutschen Gerichten sind lediglich 40 strafrechtlich belangt worden. Auch der Auschwitz-Prozess in Frankfurt endet mit relativ glimpflichen Strafen, weil sich die Täter zu Befehlsempfängern erklärten.

Privat war das Leben für Bauer, ein schwäbelnder Kettenraucher mit grauer Mähne und großer Hornbrille, nicht einfach. In der Nachkriegszeit konnte er weder sein Judentum ausleben noch seine homosexuellen Neigungen, da dies damals in Deutschland noch unter Strafe stand.

Würdigung seines Mutes und seiner Energie

Nach seinem Tod geriet Bauer erst einmal in Vergessenheit. Erst als sich Deutschlands Gesellschaft und Politik Jahre später ohne Wenn und Aber zur Wiederaufarbeitung der NS-Geschichte bekannte, wurden Mut und Energie des Staatsanwalts entsprechend gewürdigt. 1995 wird in Frankfurt von Stadt und Land das inzwischen renommierte Fritz-Bauer-Institut gegründet, das sich der Erforschung der nationalsozialistischen Massenverbrechen widmet.

Gleich mehrere Spiel- und Fernsehfilme haben sich in den vergangenen Jahren mit Leben und Wirken des „Nazi-Jägers“ beschäftigt. Bauer hätte sich sicherlich nicht träumen lassen, dass 50 Jahre nach seinem Tod die Auschwitz-Tonbänder aus dem von ihm initiierten Prozess zum „Gedächtnis der Welt“ gehören. Das hat die UNESCO vor wenigen Monaten beschlossen.

An diesem Sonntag (1. Juli) wird zum 50. Todestag in einem Gedenkakt an Bauers Wirken in der Frankfurter Paulskirche erinnert. Dort hatte vor 170 Jahren auch die erste demokratische Nationalversammlung der Deutschen getagt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, selbst Jurist, wird ebenfalls anreisen.

Von RND/dpa

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