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Der Norden Ein Ende des millionenfachen Kükentötens ist in Sicht
Nachrichten Der Norden Ein Ende des millionenfachen Kükentötens ist in Sicht
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00:15 04.02.2018
Millionen Küken werden jedes Jahr getötet.  Quelle: dpa
Hannover

Forscher und Firmen werkeln seit Jahren an dem Problem, noch weitaus länger echauffieren sich Tierschützer und Verbraucher darüber: In der industriellen Landwirtschaft sind männliche Hühnerküken dem Tod geweiht, kaum dass sie aus dem Ei gekrochen sind. Jetzt nähern sich gleich zwei Lösungen des Problems der Serienreife an: Sie helfen, das Geschlecht des Kükens vor dem Schlüpfen zu ermitteln.

Der Sachverhalt existiert, seit sich die Nahrungsmittelproduktion in Deutschland vorwiegend an Effizienzkriterien orientiert. Aus befruchteten Hühnereiern krabbeln naturgemäß weibliche wie männliche Küken. Allerdings kann die industrielle Landwirtschaft die männlichen kaum gebrauchen. Weibchen finden Verwendung als Legehennen oder werden als Grillgut oder Suppenhuhn gemästet. Männchen aber legen keine Eier, und nicht mal mästen kann man sie in dem gewünschten Umfang. Sprich: Hähnchenhaltung rentiert sich nicht. 

7 Millionen tote Küken am Tag

Das hat dazu geführt, dass in Deutschland jedes Jahr zwischen 45 und 50 Millionen männliche Küken nach dem Schlüpfen aussortiert und anschließend geschreddert oder mit Kohlendioxid getötet werden. 27 Millionen davon ereilt dieses Schicksal in Niedersachsen (wo aber zumindest das Schreddern schon seit 2011 verboten ist). Weltweit sind es 2,5 Milliarden Hähnchenküken, die sterben, weil sie das falsche Geschlecht haben. Das entspricht 7 Millionen Tieren pro Tag.

„Das ist ja ein ethisches Grundsatzproblem“, sagt Friedrich-Otto Ripke. Und es müsse „so schnell wie möglich“ vom Tisch: Der Tierschutz verbietet es, Tieren ohne triftigen Grund vermeidbare Schmerzen zuzufügen. Ripke, CDU-Mitglied und früher Staatssekretär im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium, ist heute Präsident des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft.

Er ist „dankbar“, dass das bald ein Ende haben kann, weil sich zwei Verfahren, mit denen man das Geschlecht des Kükens noch im Ei bestimmt, in der Endphase der Erprobung befinden. Ripke rechnet damit, dass die ersten Apparate bis Ende des Jahres in den ersten Ei-Brütereien stehen könnten. Nicht in allen, noch nicht in jeder kleinen Firma – aber der Anfang wäre gemacht. 

Das eine Verfahren beruht auf einer spektroskopischen Analyse eines Lichtstrahls, die andere Methode arbeitet mit einer Flüssigkeitsentnahme. Hinter der einen Prozedur steht die Firma Agri Advanced Technologies; sie gehört zu dem Agrar-Firmenimperium von Erich Wesjohann aus Visbek im Kreis Vechta. Dessen Bruder Paul-Heinz Wesjohann wiederum steht der PHW-Gruppe vor, der größten deutschen Geflügelverwertungsfirma („Wiesenhof“) ebenfalls aus Visbek. Das andere Verfahren wird von einer Tochter der Kölner Rewe-Gruppe vorangetrieben.

Umsetzung wird dauern

Wichtig für die Firmen, die die Eier bebrüten lassen, ist, dass hohe Kapazitäten möglich sind. 100.000 Eier pro Tag müssten schon drin sein, sagt Friedrich-Otto Ripke. Der Geflügelverbandschef warnt aber vor zu hohen Erwartungen: Es werde dauern, bis die Technologie in allen Brutbetrieben einsatzbereit sei, die ganze Betriebslogistik hänge an den Analysen, außerdem wisse niemand bisher genau, wie teuer die Maschinen würden.

Notfalls müsse man kleinen Firmen mit Ausnahmegenehmigungen über die Übergangszeit hinweghelfen oder die Anschaffung der Geschlechtsbestimmungsapparate finanziell fördern, etwa über Innovationsunterstützung von der EU. Im Übrigen gebe es durchaus noch Nachfrage nach männlichen Küken, etwas in Zoos oder bei Greifvogelhaltern.

Ripke verweist auch auf manche Vermarktungsansätze, bei denen ein etwas höherer Preis fürs Ei genommen und damit die Mast der „Bruderhähne“ gegenfinanziert wird. Aber solche Modelle, sagt er, erreichten bislang nur einen geringen Marktanteil, weil zudem das Fleisch der Hähnchen nicht so schmecke, wie es die deutschen Verbraucher gewohnt seien. 

Was passiert mit den aussortierten Eiern? Die gehen beispielsweise in die Tierfutterherstellung. Ei wird auch in der Medizin benötigt, etwa bei der Insulinproduktion, oder in der Kosmetikindustrie als Bindemittel. Eventuell, sagt Friedrich-Otto Ripke, könnten solche Eier, wenn sie sehr frühzeitig aussortiert würden, sogar noch in Eiprodukten der Lebensmittelindustrie Verwendung finden.

In jedem sei Fall Deutschland das erste Land, das die neuen Technologien einführe, betont der Verbandspräsident. Was auch das niedersächsische Landwirtschaftsministerium begrüßt: „Es ist eine gute Nachricht, dass das bald möglich ist“, sagt ein Sprecher. „Der jetzige Zustand war ethisch nicht haltbar.“ 

Das Geschäft mit Hahn oder Henne

Was ist im Ei? Ein Hahn oder eine Henne? An Methoden, das vor dem Schlüpfen der Küken herauszufinden, wird seit längerem geforscht. Die ersten Ansätze entstanden an den Unis Leipzig und Dresden, das Bundeslandwirtschaftsministerium förderte die Arbeiten mit 5 Millionen Euro. 

Vor ein paar Jahren begannen sich Industrie und Handel für das Thema zu interessieren. Im Vordergrund stehen nicht nur Tierschutz und Ethik: Sind die Verfahren einsatzbereit, winkt ein weltweites Milliardengeschäft.

Die eine Methode, die von der Visbecker Agrarfirma EW-Group vorangetrieben wird, basiert darauf, dass ein Laser ein Loch in ein befruchtetes Ei schneidet, worauf ein Lichtstrahl auf eine Ader am Dotter geworfen wird. Mithilfe eine Spektroskops kann man die Art und Weise der Streuung des Lichts messen und damit das Geschlecht des Kükens bestimmen. Anschließend wird das Loch wieder zugeklebt. Positiv an diesem Verfahren ist, dass es schon am vierten Tag nach der Befruchtung Ergebnisse liefert, problematisch ist der Aufwand mit Loch-bohren und Loch-verschließen.  Die EW-Group verkündet: Ersteinsatz im Herbst 2018.

Das andere Verfahren wird von einer Firma namens Seleggt verfolgt, einer Tochter der Kölner Rewe-Gruppe. Sie verkündet die Serienreife für spätestens Ende des Jahres.  Hier wird das Ei mit einer dünnen Nadel angestochen und etwas embryonale Harnflüssigkeit entnommen, die man untersucht, ähnlich wie bei einem Schwangerschaftstest. Fachleute sagen, die Methode sei schnell und effizient. Die Bestimmung ist erst ab dem neunten Tag möglich. Der Embryo soll, wie ein Rewe-Sprecher sagte, durch das Verfahren nicht beeinträchtigt werden und keinen Schmerz empfinden.

Von Bert Strebe

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