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Der Norden So fühlt es sich an, die Enkelin eines Mörders zu sein
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00:17 14.09.2017
„Wir sind aus demselben Grund hier“: Buchautorin Carola Rudnick (v. li.), Gisela Bhatia und Uwe Marienberg auf dem Friedhof Nordwest in Lüneburg.  Quelle: Carolin George
Lüneburg

„Ich bin Gisela Bhatia geborene Bräuner.“ Der Satz, mit dem sich die Frau mit den kurzen grauen Haaren vorstellt, klingt wie eine ganz gewöhnliche Vorstellung. Doch das ist es in diesem Fall nicht. Denn die 67-Jährige sagt diesen Satz mehr als 70 Jahre, nachdem mindestens 300 bis 350 Kinder und Jugendliche in Lüneburg ermordet und viele Hundert Frauen und Männer gegen ihren Willen unfruchtbar gemacht wurden: unter der Verantwortung von Max Bräuner, dem Direktor der ehemaligen Landes-Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg. Der Mann war Giselas Großvater. Der Großvater, auf dessen Schoß sie als Kind mitunter saß.

Anlässlich einer Gedenkfeier für die Opfer der damaligen Anstalt ist Gisela Bhatia jetzt nach Lüneburg gereist - und ist dort mit einem Mann zusammengetroffen, aus dessen Familie vier Menschen zwangssterilisiert worden sind.

Menschen wurden aussortiert

Was heute die Psychiatrische Klinik Lüneburg ist, war im Dritten Reich ein Ort, an dem nur leistungsfähige Menschen Fürsorge und Pflege bekamen. Es war ein Ort, an dem Menschen andere Menschen aussortiert haben: Nach menschenverachtenden sogenannten rassehygienischen Maßstäben des Nationalsozialismus sollten Erbkrankheiten und Behinderungen quasi erbbiologisch ausgelöscht werden, damit nur noch gesunde, „nützliche“ Menschen in Deutschland geboren werden. Dafür haben Ärzte und Pfleger in Kliniken wie Lüneburg sogenannte „minderwertige“ Kinder getötet und die vorsorgliche Sterilisation von Erwachsenen angeordnet - das alles geschah unter der Ägide von Max Bräuner.

Als Anfang der Sechzigerjahre zum zweiten Mal gegen Max Bräuner wegen der Beteiligung an Mord und Euthanasie ermittelt wurde, da hieß es in der Familie Bräuner, man solle den „armen alten Mann doch in Ruhe lassen“. Das erzählte Gisela Bhatia, als sie jetzt den Ort besuchte, an dem ihr Großvater ab 1934 getan hat, was bis heute wie eine dunkle Wolke über der Familie hängt, wie sie es beschreibt. „Alles, was vor 1945 war, war tabu.“

Gisela war 17 Jahre alt, als ihr Großvater starb. 50 Jahre später entschied sie sich, darüber zu sprechen, was Max Bräuner getan hat: in der Öffentlichkeit und mit einem Mann, dessen Verwandte von Ärzten der Landes-Heil- und Pflegeanstalt als „schwachsinnig“ eingestuft wurden, und zwar vor allem wegen ihrer kommunistischen Haltung. Sie durften nicht heiraten und wurden gegen ihren Willen unfruchtbar gemacht.

Uwe Marienberg an diesem Tag zu treffen war ihr nur wegen eines intensiven inneren Prozesses möglich, erzählt Gisela Bhatia. „Als ich vor einem Jahr schon einmal hier war, war ich froh, dass niemand wusste, wer ich bin: die Nachfahrin eines Täters.“ Denn die übrigen Gäste der in Lüneburg jedes Jahr stattfindenden Gedenkfeier sind üblicherweise Nachfahren von Opfern.

Das Buch über
Täter und Opfer

Die Biografie von Max Bräuner und den Mitgliedern der Familie Marienberg hat die Historikerin Dr. Carola Rudnick in einem gerade erschienen Buch beschrieben: „Schwachsinn wurde hier nicht festgestellt. Zwangssterilisation in Lüneburg“. Zehn Studierende der Leibniz-Universität Hannover und 78 angehende Lüneburger Pflegekräfte haben dafür 1200 Akten ausgewertet. Im Buch geht es neben den Opfern von Zwangssterilisationen vor allem auch um die Täter. Die Historikerin sagt: „Ohne die Täter verstehen wir die Taten nicht.“

Den Lüneburger Ärzten und Richtern, hat sie bei ihren Recherchen herausgefunden, ging es gar nicht immer um die große NS-Politik. Viele waren einem Leistungs- und Fortschrittsdenken verfallen, und oftmals ging es auch einfach nur um Ruhm, Anerkennung und Karriere.

Carola Rudnick ist es auch, die das Zusammentreffen von Gisela Bhatia und Uwe Marienberg initiiert hat. cg     

Sie haben etwas gemeinsam

So unterschiedlich ihre Biografien auch sind, eines haben Gisela Bhatia und Uwe Marienberg gemeinsam, und das hat die beiden über jeden scheinbar noch so großen Gegensatz ihrer Biografien verbunden: das Schweigen ihrer Vorfahren und Verwandten über das, was es da an ungeklärten Fragen in der Familiengeschichte gibt. „Mein Vater war Hitlerjunge und Kriegsfreiwilliger“, erzählte Uwe Marienberg. „Wenn im Fernsehen etwas über das Dritte Reich lief, hat er geschimpft und ausgeschaltet. Noch heute bin ich der Einzige in der Familie, der sich mit dem Thema beschäftigt.“ Die beiden Nachfahren sprachen ohne Berührungsängste miteinander - weil es ihnen mit dieser Erfahrung genau gleich geht.

Gisela Bhatia hat ihren Besuch in Lüneburg nach einer schmerzhaften, anstrengenden Vorbereitung schließlich als befreiend empfunden. Mit Uwe Marienberg empfand sie den Umgang „solidarisch, normal und entspannt“, sagte sie im Nachhinein, denn ihr war sehr schnell klar geworden: „Wir sind aus demselben Grund hier. Weil wir es wichtig und richtig finden, die Wahrheit zu bezeugen, damit diese schrecklichen Dinge nie wieder geschehen und die Würde des Menschen tatsächlich unantastbar ist.“

fMax Bräuner wurde nie belangt

Max Bräuner war in der Provinz Hannover dafür verantwortlich, dass das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses befolgt wurde. Er begutachtete Patientinnen und Patienten nach ihrer sogenannten „Minderwertigkeit“ und schulte Mitarbeiter der Sozialämter und Kirchengemeinden.

Seit 1934 war Bräuner ärztlicher Richter am Erbgesundheitsgericht Lüneburg entschied er über Sterilisationen, Kastrationen und Abtreibungen. Als Richter war er für mindestens 380 Sterilisationen verantwortlich.

1936 wurde er Ärztlicher Direktor der Landes-Heil- und Pflegeanstalt. 1941 beteiligte er sich an der Verlegung von 480 erwachsenen Anstaltsinsassen in die Tötungsanstalten Pirna-Sonnenstein und Hadamar. Seit Einrichtung der sogenannten „Kinderfachabteilung“ im Jahr 1941 machte er sich schuldig am Tod von Hunderten Mädchen und Jungen, die sich „normenabweichend“ verhielten, eine Behinderung hatten oder in ihrer Entwicklung verzögert waren. Ab 1943 starben unter seiner Verantwortung Hundert Psychiatriepatienten ausländischer Herkunft.

Belangt worden ist Max Bräuner dafür nie. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover wurden 1949 eingestellt. Nach einem Geständnis der Morde wurde die Verfolgung der Straftaten aus gesundheitlichen Gründen ausgesetzt. Bräuner wurde als Mitläufer eingestuft und erhielt bis zu seinem Tod 1966 seine volle Pension. cg     

von Carolin George

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