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Der Norden Wenn Schüler im Unterricht wirklich abheben
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08:14 02.09.2017
Liegerad mit zwei Sitzen: Lehrer Boris Maretzke und seine Schülerin Silke Freier machen sich startklar. Quelle: Lindner
Hameln

Der Weg zu den Wolken führt durch den Keller. Im Untergeschoss der Pestalozzischule in Hameln hängt in einem früheren Lagerraum ein Ding von der Decke, das aussieht wie ein Kindersitz für Erwachsene. Darüber Seilzüge, darüber wiederum ein Beamer. Und vorn die Leinwand. Alles zusammen ist ein Flugsimulator. Mit diesem Gerät bringt Boris Maretzke seinen Schülern das Fliegen bei - zunächst als Trockenübung. Aber wenn sie das können, geht es wirklich los: Dann heben sie ab.

Boris Maretzke ist 34 Jahre alt und seit fünf Jahren Lehrer an der Pestalozzischule. Das ist eine ganz normale Grund- und Oberschule bis Klasse zehn. „Wir fühlen uns aber Pestalozzi und seiner Pädagogik für Kopf, Herz und Hand durchaus verpflichtet“, sagt Rektor Uwe Wilhelms-Feuerhake.

Sogar ein Windkanal

Kopf, Herz und Hand: Das passt zu Boris Maretzke. Ursprünglich hatte er Fluggerätemechaniker werden wollen. Maretzke kommt aus Bremen, sein Vater arbeitete bei Airbus. Als der Junge sieben wurde, bekam er einen Rundflug spendiert und war fortan der Fliegerei verfallen. Als er dann bei Airbus in die Lehre ging, ließ das Management gerade eine Linie auf den Hallenboden pinseln, um für die Azubis den Weg fürs Schraubenholen zu markieren. „Ich laufe nicht auf vorgezeichneten Wegen“, sagt Maretzke trocken. Er kündigte und wurde Lehrer. In jedem Schulbewerbungsgespräch nach dem Studium stellte er seine Pläne vor, eine Art Fliegerklasse ins Leben zu rufen. Meist bekam er Antworten wie: „Wir schauen mal.“ In Hameln sagten sie: „Machen wir.“

Im Keller lässt Boris Maretzke die Schüler papierfliegerähnliche Gebilde aus Styropor schneiden, dann werfen sie sie und halten eine Holzplatte unter die Tragflächen. Aufwind entsteht, der Flieger bleibt in der Luft. „So wird Physik anschaulich“, sagt der Lehrer. Er verfügt sogar über einen Windkanal für Experimente zur Luftströmung - und besagten Simulator. Das ist ein simples Windows-Programm, der Pilotensitz ist ein ausrangierter Gleitflieger-Sitz. Und weil man die Ultraleichtflugzeuge, mit denen Boris Maretzke fliegt, per Seilzug steuert, hat er in einer aufwendigen Eigenkonstruktion den Joystick für den Simulator so mit Schnüren und Flaschenzügen hergerichtet, dass man vor der Leinwand exakt so wie im Flieger in den Gurten hängt und steuert.

Liegerad mit Sitzen

Schüler der neunten und der zehnten Klasse belegen die Flieger-Kurse von Boris Maretzke, zehn bis zwölf sind es pro Jahrgang, teilweise kommen sie von der befreundeten Wilhelm-Raabe-Schule in Hameln. Geflogen wird auf dem Flugplatz Rinteln, mit einem dort geliehenen Fluggerät. Eigentlich ist das nur ein dreirädriges Liegerad mit zwei Sitzen vorn und einem Propeller hinten, betrieben von einem Zweitakter, alles an einen 35-Quadratmeter-Gleitschirm gehängt. „Man merkt alles damit, jede Luftbewegung“, sagt Maretzke. „Man riecht die Thermik.“ Die normalen Kleinflugzeuge, „diese Blechdosen“, die seien nicht so seins, sagt der Lehrer.

Silke Freier sieht das ähnlich. Fliegen mit dem Ultraleichtflugzeug sei „megaschön“, erzählt die 15-Jährige, die in die zehnte Klasse der Pestalozzischule geht. Das Gefühl, mit 40 oder 50 Stundenkilometern in 150 oder 200 Metern Höhe durch die Luft zu gondeln, das sei, „als wenn der Tag nicht begonnen hat“, sagt sie. „Man muss an nichts denken.“ Obendrein kommt noch Bauchkribbeln dazu.

Neue Ziele entdeckt

Silke Freier hat den Flugunterricht jetzt im zweiten Jahr belegt und traut sich heute mehr zu als früher. Andere Mädchen würden das alles vielleicht für ein Jungs-Hobby halten. „Aber für mich ist es ganz normal.“ Silke Freier setzt sich jetzt auch andere Ziele als zuvor. Nicht mehr Realschulabschluss und Ausbildung - sie will Abi machen und studieren und Lehrerin werden.

Solche Entwicklungen bei seinen Schülern sind für Boris Maretzke die schönste Bestätigung für seine Arbeit. Und wenn sie dann, nach seinen Vorbereitungen, auch tatsächlich an einer regulären Flugschule den Flugschein machen wollen, freut er sich noch mehr. Jetzt möchte er nur noch ein paar Firmen finden, die die Anschaffung eines eigenen Fluggeräts für die Schule sponsern. Dann muss er nicht mehr das Rintelner Modell leihen. Dann kann er auch mal auf einer Wiese mit den Schülern starten. Kostenpunkt: 10.000 Euro. „Das ist es wert“, sagt der Lehrer.

Von Bert Strebe

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