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Der Norden Verstehen Sie dieses Denkmal?
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00:56 20.11.2015
Das neue Denkmal in Göttingen. Quelle: dpa
Göttingen

Mit Geschenken ist das so eine Sache. Nicht jedes stößt auf ungeteilte Begeisterung. Die Stadt Göttingen hat jetzt ein solches Präsent erhalten. Am Donnerstag wurde das 40  Tonnen schwere Geschenk im Beisein von etwa 150 Zuschauern auf dem Göttinger Bahnhofsvorplatz offiziell ausgepackt. Begleitet von Pfiffen und Protestrufen kam unter dem schwarzen Tuch der Stein des Anstoßes zum Vorschein: Ein 2,50 mal 4,1 mal 4 Meter großer Granitsockel mit der Inschrift „Dem Landesvater seine Göttinger Sieben“. Das Denkmal erinnert an die sieben Göttinger Professoren, die 1837 gegen die Aufhebung der Verfassung durch König Ernst August protestierten und deswegen entlassen wurden.

In der Bevölkerung ist das Denkmal sehr umstritten. Als vor eineinhalb Jahren erste Pläne bekannt wurden, gab es eine Flut von Leserbriefen in der Lokalzeitung. „Unansehnlicher Klotz“, ätzten manche. Am meisten regten sich die Kritiker darüber auf, dass neben den Namen der sieben couragierten Göttinger Professoren auch der Name der Bildhauerin Christiane Möbus in den Granit eingemeißelt ist. Die 68-jährige Objektkünstlerin hatte das Denkmal bereits in den Neunzigerjahren im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs für den Platz vor dem Landtag in Hannover entworfen. Die Jury entschied sich damals für die Skulpturengruppe von Floriano Bodini. Nach Ansicht des früheren Leiters des Sprengel-Museums in Hannover, Ulrich Krempel, war dies keine besonders gute Wahl: Das Ensemble sei „wenig geliebt und kaum verstanden“, sagte er bei der Enthüllung in Göttingen.

Dass der Entwurf von Christiane Möbus nun in Göttingen realisiert wurde, geht auf eine Initiative von privaten Stiftern zurück, die nicht namentlich in Erscheinung treten wollen. Sie haben die rund 500 000 Euro teure Skulptur finanziert und jener Stadt geschenkt, in der die Göttinger Sieben gewirkt haben. Innerhalb des Rates gab es heftige Diskussionen darüber, ob man dieses Geschenk annehmen sollte – schließlich muss die Stadt für die Unterhaltungskosten aufkommen. Im Juli 2014 stimmte der Rat „nach langer leidenschaftlicher Debatte mit denkbar knapper Mehrheit“ zu, wie Göttingens Oberbürgermeister Rolf Georg Köhler anmerkte.

Kritiker monieren, dass das Denkmal reichlich erklärungsbedürftig sei und man viel wissen müsse, um seine Symbolik verstehen zu können. Form, Farbe, Material und Größe sind identisch mit dem Sockel des Reiterstandbildes König Ernst Augusts vor dem Bahnhof in Hannover – doch nicht jeder, der am Bahnhof in Göttingen vor dem leeren Sockel steht, kennt auch das Denkmal in Hannover. Eine weitere Anspielung bleibt dem Betrachter verborgen: Oben auf dem Sockel befindet sich eine Bronzeplatte mit den Fußspuren eines Pferdes. Um dies sehen zu können, müsste man eine hohe Leiter anlegen.

Original und halbe Kopie: Verschieben Sie den Balken in der Mitte der Bilder, um die Ernst-August-Statue in Hannover und das Göttinger Denkmal zu vergleichen

Christiane Möbus habe den König vom Sockel gestürzt, ohne dass der Originalskulptur ein Schaden entstanden sei, meinte der Kunsthistoriker Ulrich Krempel. Dass das Denkmal nun in Göttingen stehe, sei auch eine spöttische Geste gegenüber der Landeshauptstadt und eine „kühle künstlerische und intellektuelle Watsche“ gegen das Ensemble am Landtag. Wer Anmaßung oder Hybris vermute, weil die Künstlerin auch ihren Namen einmeißeln ließ, irre sich. Christiane Möbus führe damit die Skulptur ins „Hier und Heute“. Oberbürgermeister Köhler kann mit dem Denkmal gut leben. Es stehe Göttingen gut an, die Erinnerung an das Aufbegehren gegen Willkür wach zu halten. „Ein leeres Denkmal als Stein des Anstoßes ist der Demokratie angemessen.“

Auf alle Fälle reizt es zu kreativen Aktionen. Kaum war das Denkmal enthüllt, fügten Protestierer einige weitere Inschriften mit Kreide hinzu. Flüchtlinge seien in Göttingen willkommen, schrieben sie. Schon jetzt laufen Wetten, wann die ersten Graffiti auftauchen.

Von Heidi Niemann

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