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Der Norden So hippe Hotels soll es bald im Harz geben
Nachrichten Der Norden So hippe Hotels soll es bald im Harz geben
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00:16 09.09.2017
Zielgruppe Großstädter, die mit dem SUV zum Biomarkt fahren: Geplante Baumhäuser in Bad Harzburg. Fotos: Moers Quelle: Moers
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Braunlage

In einer leer stehenden Modeboutique, zwischen Oma’s Kaffeestube und Gelas Frisörsalon plant Peter Menne im Herzen Braunlages die Zukunft der Stadt. Moderne neue Ferienanlagen sollen die Touristen in den Harz locken.  Die Jalousien zugezogen, wohl auch, um neugierigen Blicken von Touristen und Einheimischen zu entgehen, sichtet der junge Hamburger Investor Architektenentwürfe für eine neue Ferienanlage im Harz. Sie scheinen kaum von dieser Welt.

Auf Stelzen gebaute Holzkuben mit gläsernen Fensterfronten und luxuriösem Lounge-Interieur fügen sich trotz ihres futuristischen Designs fast organisch in die Waldlandschaft ein. „Cabins“ nennt Menne diese Baumhäuser, die sich in seinen ersten Skizzen für das Ferienresort Revugia finden. 25 Millionen Euro will das Unternehmen Tidevand im kommenden Jahr in die Anlage in Braunlage investieren. 15 solcher spektakulären Ferienwohnungen sollen im Wald oberhalb des Kurparks entstehen - dazu ein Haupthaus mit circa 50 Zimmern und Suiten und noch ein paar kleinere Baumhäuser.

Ähnliche Ideen gibt es für Bad Harzburg: Dort sollen die runden Baumhäuser „Octagon” vom kommenden Jahr an junge Familien in das Sonnenresort Ettershaus locken. 14 Häuser, jeweils um einen Baum herum gebaut. Das Preisniveau ist gehoben: Voraussichtlich ab 200 Euro die Nacht in Bad Harzburg, zwischen 150 und 350 Euro in Braunlage. „Wir wollen ein Design-Highlight schaffen, das auch den Feuilleton-Leser aus München in den Harz lockt“, erklärt Menne sein Konzept, das nichts mehr zu tun hat mit den 40-Euro-inklusive-Frühstück-Pensionen, die noch heute für die typische, etwas morbide Harz-Romantik stehen.

Seine Zielgruppe hat Menne klar vor Augen. „Das sind wir selbst“, sagt der Unternehmer lächelnd. Mit „wir“ meint er eine neue Generation von Harz-Touristen. „Großstädter, die fest im Sattel sitzen“, erklärt er. Präziser: „Diejenigen, die sich in der Stadt wieder Schrebergärten mieten und mit dem SUV zum Biomarkt fahren.“

„Absolut wettbewerbsfähig“

Tatsächlich hat der Wandel begonnen. Im vergangenen Jahr wurden im Westharz 4,2 Millionen Übernachtungen gezählt, das sind 10,6 Prozent mehr als noch fünf Jahre zuvor. Die Zahl der internationalen Gäste ist in dem Zeitraum um 14,8 Prozent gestiegen. „Der Westharz ist wieder die Lokomotive für den Gesamtharz“, sagt Manfred Zeiner, der den Boom der Region im Tourismusbarometer 2017 des Sparkassenverbands Niedersachsen belegt. „Solide“ und „absolut wettbewerbsfähig“ sei der Westharz.

„In den vergangenen vier, fünf Jahren haben wir einen regelrechten Investitionsschub erlebt“, erklärt der Experte des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts für Fremdenverkehr (dwif). Dazu gehören der Neubau von 26 großzügigen Ferienhäusern in Torfhaus (9,5 Millionen Euro), der Umbau der Villa Ettershaus in Bad Harzburg, früher ein Erholungsheim für Siemens-Mitarbeiter, zu einem Wellness-Spa-Resort mit gehobenem Anspruch (18,2 Millionen Euro), die Eröffnung des Harz­resorts Das Schierke am Brocken (25 bis 30 Millionen Euro) und zahlreiche markante Bauprojekte in Braunlage.

„Die Verkrustung ist aufgebrochen. Hier ist eine Aufbruchstimmung zu spüren, die ansteckt“, freut sich Braunlages Kämmerin Martina Peine, bei der inzwischen täglich Anfragen für Bauflächen auf dem Schreibtisch landen. In ihrer Amtsstube treffen zwei Realitäten aufeinander, die das Leben in der Region maßgeblich bestimmen. Der Revitalisierung des Tourismus stehen klamme Haushalte und eine „katastrophale“ demografische Entwicklung gegenüber.

„Haushaltsloch“ steht unter einer Grafik von drei kleiner werdenden schwarzen Kreisen, die Peine an ihren Aktenschrank geklebt hat. Mit der Schlagzeile „Braunlage ist pleite“ gelangte die Stadt 2015 unfreiwillig bundesweit in die Medien. Abwanderung, Überalterung (der Einwohner und Touristen), ein niedriges Lohnniveau und eine im Bundesvergleich enorm hohe Quote verschuldeter Privathaushalte nehmen den kommunalen Haushalten im Westharz die Luft zum Atmen. Heruntergekommene Pensionen, leer stehende Flaniermeilen und der Eindruck, ganze Ortschaften seien gewissermaßen in einer Zeitblase gefangen, prägen seit Jahren das Image der Region.

Geld aus Fördertöpfen

„Heute sehen Sie überall Baustellen, wenn Sie durch die Stadt fahren“, schildert Peine den Wandel. Dank Städtebauförderung entstand gerade für 2,1 Millionen Euro ein neuer Stadtplatz. Ein Investor aus der Wedemark hat die alte Post und das Traditionshotel Zur Tanne aufgekauft, um an ihrer Stelle Luxus-Ferienchalets anzubieten. Auch das Land Niedersachsen engagiert sich bei der Modernisierung und fördert ein zweites Bauprojekt der Investoren Menne und Seela mit 1,3 Millionen aus EU- und Bundestöpfen für regionale Wirtschaftsförderung. Die Villa Ettersberg in Bad Harzburg wird mit 2 Millionen Euro bezuschusst.

„Die Investoren kommen aus dem Raum Hannover, Hamburg oder Berlin. Dort erleben sie gestresste Menschen, die sich in der Natur erholen wollen“, erzählt Kämmerin Peine. „Achtsamkeit und Wald, das ist unser Thema“, bestätigt Investor Menne die Einschätzung. Schon heute prägt an den Wochenenden die Generation der mountainbikenden und wandernden Stadt-Abenteurer zwischen 25 und 50 Jahren das Stadtbild in Braunlage. „Der Ort muss und wird sich entsprechend mit dem Resort entwickeln“, zeigt sich Menne überzeugt.

Bis es allerdings so weit ist, müssen die Investoren noch dicke Bretter bohren. Für das Revugia wollen die Entwickler vier Hektar des Kurparks im Flächennutzungsplan umwidmen. Ein Vorhaben, das die Alteingesessenen als Angriff auf die Identität und Natur ihres Harz­idylls werten. „Da stehen wichtige Entscheidungen bevor“, sagt Peine und meint damit die sich andeutenden harten Auseinandersetzungen in den kommunalen Gremien.

Für den Westharz knüpft sich an jede Investition auch ein Stückchen Hoffnung. „Der Tourismus ist hier der einzige wirklich wichtige Wirtschaftsfaktor“, sagt Peine und blickt auf das schwarze Haushaltsloch an ihrer Wand.

Stetes Wachstum

Der Tourismus in Niedersachsen hat 2016 zum dritten Mal in Folge steigende Übernachtungszahlen verzeichnet. Mit 3,5 Prozent lag das Wachstum im Vorjahr über dem Bundesdurchschnitt (plus 2,5 Prozent). Obwohl der Westharz in fünf Jahren um 10,6 Prozent zugelegt hat, liegt die Region damit landesweit längst nicht an der Spitze. Das Oldenburger Land verzeichnet seit 2011 einen Zuwachs von 23,7 Prozent und damit das stärkste Plus.

Ostfriesland meldet eine Steigerung um 14,1 Prozent, die Nordseeküste von 11,4 Prozent. Die Regionen Hannover (plus 6,4 Prozent) und Hildesheim (4,9 Prozent) liegen eher am unteren Ende der Skala. Auf den Ostfriesischen Inseln stagnieren die Zahlen weitgehend (plus 2,6 Prozent).

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