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Der Norden Katastrophenwinter 1979: Als Panzerfahrer bei Geburten halfen
Nachrichten Der Norden Katastrophenwinter 1979: Als Panzerfahrer bei Geburten halfen
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12:33 14.02.2019
Lüneburger Heide: Bergepanzer auf dem Weg zu eingeschneiten Fahrzeugen. Quelle: dpa
Holste

Für Gisela Ehlers war es vor 40 Jahren eine dramatische Nacht. Februar 1979, ganz Norddeutschland wurde von eisigen Stürmen mit Schnee zugeschüttet. Und sie lag in einem engen, kalten Panzer und sollte ein Kind zur Welt bringen. Die Panzerfahrt war der verzweifelte Versuch, die Gebärende aus dem Örtchen Hellingst im Kreis Osterholz-Scharmbeck in ein Krankenhaus zu bringen. „Es war lausig, lausig kalt“, erinnert sich die 64-Jährige heute. Ihr Dorf sei damals von meterhohen Schneewehen abgeschnitten gewesen, sagte Ehlers der Deutschen Presse-Agentur.

Schneechaos hielt Teile Norddeutschlands in Schach

Der Norden Deutschlands durchlebte in jenen Tagen Teil zwei des Wetternotstands, der als „Schneekatastrophe“ in die Geschichte eingegangen ist. Über den Jahreswechsel 1978/79 hatten die weißen Massen erst Schleswig-Holstein zugedeckt. Nun im Februar häufte der Sturm von Osten tiefen Schnee über den Norden von Niedersachsen und die Küste der benachbarten DDR.

Der Bahnverkehr brach zusammen. Straßen wurden unpassierbar. Stundenlang mussten frierende Autofahrer auf der blockierten Autobahn A7 ausharren. Ganze Dörfer hatten keinen Kontakt zur Außenwelt. In manchen Orten wurden Lebensmittel knapp. Vom 13. bis 18. Februar herrschte im Nordwesten von Niedersachsen Katastrophenalarm. Nur die Kinder freuten sich, die tagelang schulfrei hatten.

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Als Hannover im Schnee versank

Kein Durchkommen für Hilfskräfte

Zu den werdenden Eltern Ehlers in Hellingst kam kein Krankenwagen mehr durch. „Das war unmöglich“, sagt Gisela Ehlers. Ehemann Carl-Heinz rief beim Katastrophenschutz an. Doch für einen Hubschrauberflug war das nächtliche Schneetreiben zu dicht.

Hilfe kam wie vielerorts in jenen Tagen von der Bundeswehr. Aus der Kaserne in Schwanewede kämpfte sich ein gepanzerter Mannschaftstransporter nach Hellingst durch und nahm das Paar an Bord. Dann ruckelte der Panzer eine Stunde lang in der eigenen Spur mühsam zurück auf die halbwegs passierbare Bundesstraße B 74.

Gisela Ehlers (l) mit ihrer Tochter Anica, die sie im Panzer zur Welt brachte. Quelle: dpa

Und dort auf der Kreuzung, noch im Panzer wurde Tochter Anica Ehlers geboren. „Mein Mann war eine große Hilfe“, erzählt Gisela Ehlers. Er sei immer ruhiger geworden, je bedrohlicher die Lage wurde. An der Kreuzung wartete auch schon ein Krankenwagen mit dem Dorfarzt. Der wickelte das gesunde Neugeborene in seine warme Jacke. Dann ging es ins Krankenhaus in Osterholz-Scharmbeck. „Ich war bang, aber es ist alles gut gegangen“, sagt die Mutter im Rückblick.

Das Militär als Hebamme

Auch an anderen Orten spielte das Militär Geburtshelfer, und die Schützlinge der Soldaten werden jetzt 40 Jahre alt. Aus Sarve in der Wesermarsch eskortierte ein Bundeswehr-Konvoi eine Hochschwangere ins Krankenhaus von Nordenham. Die Ärztin Behlke Mohrmann ist ebenfalls ein Schneebaby. Ihre Mutter steckte vor der Geburt im Dörfchen Buchholz (Kreis Rotenburg/Wümme) fest. „Auf den Wiesen waren massive Schneeverwehungen“, erzählt die Tochter heute.

Niedersachsen, Wilhelmshaven: Straßenszene mit einem Jeep der Bundeswehr auf verschneiter Straße. Quelle: dpa

Bauern aus dem nahen Tarmstedt bahnten sich mit Treckern einen Weg, der Schwangeren konnten sie aber nicht helfen. Schließlich fuhr ein Panzer der damaligen niederländischen Garnison in Seedorf die Frau zum Kaiserschnitt ins Krankenhaus. Mohrmann heute über ihre Mutter: „Sie hat eigentlich immer gedacht: Das wird schon!“

Der Schnee blieb im Frühjahr 1979 lange liegen. Als es taute, gab es viele Überschwemmungen. Seitdem hat es im Norden Deutschlands nicht mehr so lange geschneit, die Winter sind milder geworden.

Aber bei vergleichbarer Wetterlage sei eine neue Schneekatastrophe nicht ausgeschlossen, heißt es im niedersächsischen Innenministerium in Hannover. Das hätten in diesem Januar auch die starken Schneefälle in Bayern und Österreich gezeigt. Seit 1979 sei der Katastrophenschutz verbessert worden. Das Ministerium ruft aber auch die Bevölkerung auf, sich für große Notfälle zu wappnen: Einen Vorrat an Trinkwasser, Lebensmitteln und Medikamenten zu halten.

Multimedia-Spezial: Die Schneekatastrophe 1978/79

Als es für 86 Stunden nicht mehr aufhörte zu schneien. Ein Multimedia-Spezial.

Von RND/dpa

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