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Der Norden Baltrum fahndet nach einem Strandkorb
Nachrichten Der Norden Baltrum fahndet nach einem Strandkorb
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00:17 15.07.2018
„Das hat es hier noch nie gegeben“: Vermieter Tobias Dittmer ist ratlos, wie solch ein schwerer Strandkorb gestohlen und möglicherweise von der Insel geschafft werden konnte. Quelle: Fotos: Schulte (4), Ostfriesland Tourismus
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Baltrum

Am Strand von Baltrum ist die Aufregung groß. Der Polizeibericht des Tages hat sich über das Internet schnell verbreitet: Ein weißer Strandkorb mit rot-weiß gestreiftem Futter und der Nummer 700 ist über Nacht vom Hundestrand verschwunden. Strandkorbvermieter Tobias Dittmer steht vor einem Rätsel. „Das hat es hier noch nie gegeben“, sagt der Gemeindeangestellte und schüttelt den Kopf. Wie könnte der sperrige Korb denn von der Insel geschafft werden, doch wohl nicht mit der Fähre? Und wie ist er – ohne eine Schleifspur zu hinterlassen – , aus der ersten Reihe weggeschafft worden? Dittmer und sein Kollege haben Strand und Dünen gründlich abgesucht. Auch die Flut hat keinen Korb an den Strand gespült. An einem der Körbe demonstriert der Verleiher, wie schwer so ein Ding ist: Mehr als 90 Kilo, da braucht es vier, fünf Mann, um ihn wegzutragen. Und wo sollte man das sperrige Diebesgut auf der kleinen Insel verstecken? Das fiele doch auf, wenn in Nachbars Garten plötzlich ein Strandkorb – mit übersprühter Nummer – auftaucht.

Auf Baltrum geht man zu Fuß

Den Scherz, der Name Baltrum bedeute „Da bist du ,bald rum’“, bekommen die Insulaner immer wieder zu hören. Zwar kann man sich sogar auf der kleinsten Ostfriesischen Insel verlaufen, die Straßen im Ort tragen keine Namen. Gerade die Überschaubarkeit – gepaart mit vielen Angeboten der Kurverwaltung – lockt nicht zuletzt Familien mit kleinen Kindern auf die Insel; das fällt schon auf der Fähre auf. Versteht sich, dass auf den paar Quadratkilometern keine Autos erlaubt sind. Hier geht man zu Fuß.

Die skurrile Strandkorb-Episode macht deutlich, dass es auf Baltrum eigentlich friedlich zugeht. Inselpolizistin Heike Cleve hat mit schwerer Kriminalität auf früheren Dienststellen in Braunschweig und Salzgitter zu tun gehabt – auf Baltrum noch nicht. Hierhin hat sich die 56-Jährige Anfang Dezember versetzen lassen. „Das ist hier eine andere Nummer als an Land“, sagt die Beamtin. „Man passt hier aufeinander auf und guckt, was der andere macht.“ Auf der Insel wird sie mit harmloseren Delikten wie Beleidigung oder mal einer Schlägerei konfrontiert. Der ruhigere Job hat einen Haken: Nur in der Saison reist von Land für jeweils vier Wochen ein „Hilfssheriff“ an. Für die Inselpolizistin gilt außerhalb ihres eigenen Urlaubs: 24 Stunden Bereitschaft, sieben Tage die Woche.

Kriminalfälle sind auch Ulrike Barows Geschäft. Die gelernte Buchhändlerin, die auf Baltrum und im Winter in Leer lebt, horcht auf, als sie vom Strandkorbklau hört. Jedes Jahr schreibt Barow einen Inselkrimi und sucht daher immer nach Anregungen. Ihre „Baltrumer Badezeit“ spielt nur 200 Meter vom aktuellen Tatort entfernt, bei den Rettungsschwimmern der DLRG. In ihren in leichtem Ton verfassten Büchern lässt die 65-Jährige einen übereifrigen Inselpolizisten ermitteln, es geht durchaus gewalttätig zu. „Hinter jeder Düne hier liegt schon ein Toter von mir,“ scherzt die Autorin. Einen literarischen Anspruch habe sie nicht. Aber bei ihren Lesungen lobten die Zuhörer Unterhaltungswert und Lokalkolorit der bisher elf Romane. „Durch die Baltrum-Krimis kennen wir schon jeden Stein“, habe ihr mal jemand vom Festland gesagt, bevor er die Insel je betreten hatte. Auch die Inselbewohner hätten sich zum Glück noch nie beschwert.

Der Kaninchenkrieg

Oft greift Ulrike Barow Themen auf, die die Baltrumer umtreiben. Der „Baltrumer Kaninchenkrieg“ dreht sich um die Inselkaninchen, die sich im Dünensand ihre Höhlen buddeln – und deren Löcher unachtsame Spaziergänger gelegentlich zum Stolpern bringen. Im Buch liefern sich die „Proniggels“ als Kaninchenfreunde und die Gegeninitiative ,,Rettet unsere Pflanzenwelt“ einen mörderischen Kampf. Tatsächlich ärgern sich viele Gartenbesitzer über die ungebetenen Besucher, die einigen Schaden anrichten.

„Die Inselbewohner kommen und bitten mich, Kaninchen zu schießen“, verrät Jann Bengen, der stellvertretende Hegeringsleiter der Insel. Mit entsprechenden Sondergenehmigungen darf er sich mit einem Kleinkaliber in die Gärten begeben. „Das macht nur leise Piff“, sagt Bengen. Die Anzahl der Kaninchen wird darüber hinaus durch Gesellschaftsjagden in den Dünen, zielgerichtete Einzeljagden im Deich- und Schutzdünenbereich sowie durch Krankheiten reguliert, da es auf Baltrum keine Beutegreifer wie Fuchs oder Marder gibt.

Neben dem Aspekt des Küstenschutzes produziert die Jagd auf Kaninchen auch ein hochwertiges lokales Lebensmittel. So findet die Kaninchenkeule oder das zart gebratene Rückenfilet auf der Speisekarte von Jann Bengens „Strandburg“ ihre Liebhaber. „Das ist bestes lokales Bio-Fleisch“, sagt der Hotelbetreiber.

In der Serie der Baltrum-Krimis kommt eine für die Insel bedeutende Gruppe nur am Rande vor: Ein Wattführer wurde noch nicht zum Opfer oder Mörder gemacht. Ulrike Barows Mann Hansjürgen führt Besucher seit vierzig Jahren bei Ebbe durch das Watt südlich der Insel. Wer drei Stunden durchhält, kann mit ihm oder einem anderen der fünf Wattführer den 4300 Meter Luftlinie entfernten Hafen Neßmersiel ansteuern. Häufiger dreht der 72-Jährige jedoch eine eineinhalbstündige Runde mit Familien. „Nur vor Baltrum liegt so festes Sandwatt, dass sogar Kleinkinder barfuß mitlaufen können“, sagt er.

Kinder erkunden das Watt

An diesem sonnigen Nachmittag machen sich 49 Frauen, Männer und Kinder ab drei Jahre mit ihm auf den Weg. Hansjürgen Barow zieht Wattwürmer aus dem nassen Sand und führt Herzmuscheln vor, die sich mit ihrem Fuß eingraben. „Ich will zeigen, wie schön die Natur ist“, sagt der Wattführer. Damit meint er alle Lebewesen, nicht nur „süße“ wie die beliebten Seehunde mit ihren Kulleraugen, an deren Bänken die Fähre auf dem Rückweg von Baltrum vorbeifährt. 300 Robben leben inzwischen dort. Wie den Fischern, die sich am großen Schollenbedarf der Tiere stören, missfällt dem Wattführer, dass die Heuler in der Seehundstation Norddeich aufgepäppelt werden. „Da greift der Mensch in die Natur ein“, meint er. „Das passt nicht zum Nationalpark.“

Auf der anderen Inselseite muss Strandkorbvermieter Tobias Dittmer an diesem Tag wieder einige Schwarzsitzer zur Kasse bitten, die es sich in den grundsätzlich offenen Körben bequem gemacht haben. Zum verschwundenen Strandkorb ist ihm noch etwas eingefallen: „Vielleicht haben Jugendliche in den Dünen damit ein Feuer gemacht.“ Der – reale – Inselkrimi bleibt bis zum Abend ungelöst.

Baltrum

Die kleinste der bewohnten Ostfriesischen Inseln ist nur 6,5 Kilometer lang. Auf Baltrum leben rund 500 Einwohner. Die Insel ist autofrei und kann gut zu Fuß erkundet werden. Einen Fahrradverleih gibt es hier nicht. Kutschen übernehmen den Lieferverkehr. Der Ort besteht aus Westdorf und Ostdorf. Vom Fähranleger sind es nur wenige Hundert Meter bis zum Westdorf – vorbei am Nationalparkhaus.

Das Angebot der Kurverwaltung richtet sich besonders an Familien mit jüngeren Kindern. Diese wissen neben dem Sandstrand zu schätzen, dass man sich auf Baltrum nur schwer verlaufen kann. Ausweichmöglichkeiten bei schlechtem Wetter bieten ein Meerwasser-Hallenbad und ein Kinderspielhaus mit vielen kostenlosen Angeboten.

Die Fähre der Baltrum-Linie verkehrt zwei- bis dreimal täglich von Neßmersiel – vorbei an Seehundbänken – nach Baltrum und braucht nur eine halbe Stunde. Der Fährverkehr ist abhängig von den Gezeiten.

Ab auf die Insel

Die neue HAZ-Serie „Ab auf die Insel“ nimmt Sie mit in den hohen Norden. Unsere Autorin Gabriele Schulte besucht alle sieben bewohnten Ostfriesischen Inseln – und berichtet von Strandaktivitäten, beschaulichen Dörfern und quirligen Städtchen, von geruhsamer Fortbewegung mit Kutsche, Fahrrad und Inselbahn sowie den Sorgen der Insulaner um Deiche, Dünen, Häfen und bezahlbaren Wohnraum. Hier finden Sie alle Teile der Serie auf einen Blick.

Von Gabriele Schulte

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