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Der Norden Tödliche Schüsse in Salzgitter: Frau starb vor den Augen der Kinder
Nachrichten Der Norden Tödliche Schüsse in Salzgitter: Frau starb vor den Augen der Kinder
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19:20 29.05.2018
Medienvertreter und Polizisten warten hinter der Absperrung am Tatort. Quelle: dpa
Salzgitter

Eins von vielen grauen Mietshäusern in Salzgitter-Lebenstedt. Im Vorgarten markiert eine Grabkerze die Stelle, an der Emine A. am Vorabend erschossen wurde. „Vor den Augen der Kinder hat er das getan“, sagt der Vater des Opfers, das nur 30 Jahre alt wurde. „Kopfschuss, sie war sofort tot.“ Wie angewurzelt steht Shefqet A. am Dienstag an der offenen Tür vor dem Haus der Familie, empfängt Angehörige, Freunde und Arbeitskollegen, die es alle nicht fassen können: Offenbar hat hier ein Sorgerechtsstreit wenige Stunden nach einem Termin beim Familiengericht ein tödliches Ende gefunden –womöglich auch, weil der Richter den Wohnort der Frau verraten hatte. Am Dienstagnachmittag nimmt ein Sondereinsatzkommando in Westerkappeln bei Osnabrück den mutmaßlichen Todesschützen fest. Es ist Emines früherer Partner, der Vater ihrer vier kleinen Kinder.

Onkel und Vater des Opfers. Quelle: Schulte

Der 38-Jährige war nach Angaben der Polizei mit einem weißen Golf vom Tatort geflüchtet, nachdem er mehrfach auf die im Garten sitzende Familie gezielt und auch die 32-jährige Schwester der Getöteten am Bauch getroffen hatte – die 32-Jährige ist nach einer Operation außer Lebensgefahr. Emines Großvater soll ein Schuss nur knapp verfehlt haben, wie Mitglieder der aus dem Kosovo stammenden Familie berichten. Sie hatten demnach den warmen Abend gemeinsam im Vorgarten sitzend verbracht, rundum spielten die Kinder. Zwischen vier und acht Jahre alt sind die zwei Töchter und zwei Söhne des Todesopfers; eine zwölfjährige Nichte wurde ebenfalls Zeugin der Bluttat. Emines Mutter war auch Teil der Runde und versuchte offenbar, den Täter zu stoppen. „Sie hat ihn von hinten in den Würgegriff genommen“, erzählt Shefqet A. „Es hat nichts genützt.“

Die Polizei nennt „Familienstreit“ als mutmaßlichen Auslöser, geht aber auf Einzelheiten nicht ein. Vater, Bruder und Onkel des Opfers schildern es übereinstimmend so: Emine A. hatte sich vor Monaten von ihrem Mann, ebenfalls Kosovo-Albaner, getrennt und war mit den Kindern aus der gemeinsamen Wohnung in Westerkappeln in ein Frauenhaus in der Nähe ihres früheren Wohnorts Salzgitter geflüchtet. Denn der Partner, den sie über das Internet kennengelernt hatte, sei zunehmend gewalttätig geworden.

Polizei und Ermittler sichern Spuren am Tatort. Quelle: dpa

Vor vier Jahren habe das angefangen. Da habe sich der dauerarbeitslose Mann, der keine Berufsausbildung habe, politisch radikalisiert. „Er hatte eine IS-Fahne in der Wohnung“, erzählt Emines Bruder. „Er sprach immer öfter davon, dass man den muslimischen Brüdern in Syrien helfen müsste.“ Seiner Einschätzung nach ist der Partner seiner Schwester mehrmals ins Kriegsgebiet gereist – mit Geld, das Emine bei ihren Putzjobs für die Kinder beiseite gelegt hatte. Die Moschee, die der Mann besucht habe, werde wegen islamistischer Tendenzen beobachtet. Die Behörden für Verfassungsschutz sowohl in Niedersachsen wie in Nordrhein-Westfalen bestätigten am Dienstag –ganz allgemein –, dass im Raum Osnabrück Personen des salafistischen Spektrums bekannt seien.

Der Gerichtstermin am Montagmorgen sei zugunsten Emines ausgegangen, berichten die Angehörigen. Emine habe das Sorgerecht für die vier Kinder zugesprochen bekommen. Ihr Partner, dem nicht einmal Besuchsrecht gewährt wurde, sei daraufhin „ausgerastet“, habe mit Mord gedroht und sei von Polizeiwagen Richtung Westerkappeln eskortiert worden. Der Ort liegt sieben Kilometer von Osnabrück entfernt in Nordrhein-Westfalen, zuständig ist das Amtsgericht Tecklenburg. Wie der Fall dort verhandelt wurde, wollte eine Gerichtssprecherin am Dienstag nicht sagen.

Am Tatort in Salzgitter finden sich unterdessen weitere Trauernde und Neugierige ein. „Ich war zum Glück nicht zuhause, als geschossen wurde“, sagt eine Nachbarin von gegenüber. „Sonst wäre ich hier auf jeden Fall weggezogen.“ In dem Viertel lebe sie nur, weil die Mieten so günstig seien und die Einkaufsmöglichkeiten nicht weit. Emine A. sei ihr in den vergangenen Wochen öfter mit den vier Kindern begegnet: „Sie sah fröhlich aus.“

Den Leichnam der 30-Jährigen möchte die Familie, die seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, in die alte Heimat Kosovo überführen. Das Jugendamt nahm die vier Kinder in Obhut, das Amtsgericht Salzgitter wird über ihren Verbleib entscheiden. Vorerst hat Emines Bruder, selbst dreifacher Vater, die Kleinen zu sich genommen. „Vor unserem Haus steht die Polizei und passt auf“, sagt der 34-Jährige. „Aber bei jedem Auto, das vorbeifährt, haben die Kinder Angst.“

Von Gabriele Schulte

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