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Der Norden TV-Bericht über Pädophile soll Lynchjustiz ausgelöst haben
Nachrichten Der Norden TV-Bericht über Pädophile soll Lynchjustiz ausgelöst haben
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00:20 17.06.2018
Der Bremer Ortsteil Lesum steht im Fokus der Öffentlichkeit. Quelle: dpa
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Bremen

Sie spielten sich als Rächer entrechteter Kinder auf, vergriffen sich aber an einem Unschuldigen - und am Rechtsstaat: Mehrere noch unbekannte Männer haben einen 50-jährigen Bremer irrtümlich für einen Pädophilen gehalten und ihn so zusammengeschlagen, dass er zeitweise in Lebensgefahr schwebte. Inzwischen geht es ihm etwas besser, aber: „Er hätte auch tot sein können“, sagte am Donnerstag Oberstaatsanwalt Frank Passade der HAZ.

„Lynchjustiz“ – so überschrieb die Bremer Polizei ihre Presseerklärung zu dem Übergriff. Offenbar hatten die Schläger im RTL-Mittagsmagazin „Punkt 12“ einen Beitrag gesehen mit dem Titel: „RTL-Reporter deckt neue Masche von Pädophilen auf: So werden Kinder auf ‚gutefrage.net‘ belästigt“. Ein Lockvogel des Senders hatte sich auf dem Internetportal als 13-jähriges Mädchen ausgegeben. Ein angeblich 28-Jähriger biss darauf an. Laut Sender kam es zu Chats „mit stark sexualisiertem Inhalt“ und schließlich zu einer Verabredung. „An dem vereinbarten Treffpunkt tauchte schließlich ein Mann auf, der sich auffällig verhielt.“

Täter zogen offenbar sofort los

Als die unbekannten Rächer den Film sahen, glaubten sie, den Verdächtigen und seine Adresse im Bremer Ortsteil Lesum identifiziert zu haben. Das zweistündige Mittagsmagazin war noch längst nicht vorbei, da zogen sie schon los und schlugen den vermeintlichen Pädophilen bei ihm zu Hause zusammen. Dabei war das Opfer nicht der Verdächtige, wie die Ermittler versichern. Näheres über die Schläger konnte oder wollte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag nicht mitteilen, nur so viel: „Es waren bis zu zehn Personen, aber wir müssen noch feststellen, ob alle an den Tathandlungen beteiligt waren.“ Ermittelt wird jetzt wegen versuchten Totschlags.

Selbst wenn die Rächer den Richtigen erwischt hätten: Die Bremer Polizei weist ausdrücklich darauf hin, „dass niemand das Recht hat, die Justiz in die eigene Hand zu nehmen.“ Und weiter: „Keine Form und kein Anlass zur Selbstjustiz sind tolerierbar.“

Der Sender hat den Beitrag inzwischen aus seinem Online-Auftritt entfernt und den Ermittlern auch sein Roh-Filmmaterial überlassen, weist aber jede Schuld zurück. „Wir haben den Verdächtigen sehr stark verpixelt und keine Straßenschilder oder Hausnummern gezeigt“, sagte Pressesprecher Matthias Bolhöfer. Und weiter: „RTL verurteilt den brutalen Akt der Lynchjustiz in Bremen auf das Schärfste.“ Gegen den Sender ermittelt die Staatsanwaltschaft bisher nicht, „aber wir werden uns den Bericht natürlich ganz genau anschauen“, so der Behördensprecher.

Auf der Facebook-Seite der Bremer Polizei äußerten sich am Donnerstag nicht nur entsetzte Bürger, sondern auch solche, die Verständnis für die Schläger zeigen. Einer kommentiert in leicht verunglückter Rechtschreibung: „Da ich aus eigener Erfahrung weiß das auf die Polizei kein Verlass ist, kann ich die Tat nach vollziehen. Egal ob das Opfer schuldig ist oder nicht.“ Eine Frau schreibt: „Sollte es wirklich der Täter sein, dann hält sich mein Mitleid in Grenzen ...“. Eine andere Frau verlangt: „Die strafen müssen härter werden damit erst gar keine Selbstjustiz stattfinden tut“.

Echter Verdächtiger bekannt

Dabei ist der Staat keineswegs untätig: Inzwischen weiß die Polizei, wer der echte Verdächtige aus dem Film ist, denn dem Vernehmen nach hat er sich selbst bei den Ermittlern gemeldet. Sie prüfen jetzt, ob er sich tatsächlich etwas zu schulden kommen ließ. Nicht, dass es wieder einen Unschuldigen trifft.

Dass Bürger Selbstjustiz üben, kommt immer wieder vor. 1981 erschoss eine Gastwirtin in einem Lübecker Gerichtssaal den mutmaßlichen Mörder ihrer siebenjährigen Tochter.

Eine große Debatte auch über die Rolle der Medien löste 2012 der Mord an der elfjährigen Lena in Emden aus. Nach Lynch-Aufrufen im Internet belagerte ein Mob die Polizeiwache und forderte die Herausgabe eines 17-Jährigen, der sich später als unschuldig erwies.

Von Eckhard Stengel

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