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Der Norden Hassprediger Abu Walaa hört sich Vorwürfe grinsend an
Nachrichten Der Norden Hassprediger Abu Walaa hört sich Vorwürfe grinsend an
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18:01 26.09.2017
Quelle: dpa
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Celle/Hildesheim

Er gilt als Führungsfigur der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Deutschland und machte als „Mann ohne Gesicht“ oder „Scheich von Hildesheim“ von sich reden. Der Prozess gegen den mutmaßlichen Islamisten Ahmad A. aus Hildesheim, der unter dem Namen Abu Walaa bekannt geworden ist, und vier weitere Angeklagte hat am Dienstagvormittag unter erheblichem Sicherheitsaufwand vor dem Oberlandesgericht Celle begonnen.

Schwer bewaffnete Polizisten sicherten das Gerichtsgebäude. Alle Zuhörer und Medienvertreter wurden einzeln durchsucht, mussten dabei auch ihre Schuhe ausziehen. Im Gerichtssaal 94 war ein Handyscanner aktiviert worden, um zu verhindern, dass die Verhandlung von Fremden aufgezeichnet wird. Wegen der Sicherheitsvorkehrungen und weiterer technischer Probleme konnte der Vorsitzende Richter Frank Rosenow, der bereits die Verfahren gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff und die die Terrorverdächtige Safia S. aus Hannover geleitet hat, die Hauptverhandlung erst mit rund 50 Minuten Verzögerung eröffnen.

Die Bundesanwaltschaft wird Abu Walaa und seinen vier Mitangeklagten Hasan C., Boban S., Mahmoud O. und Ahmed F. Unterstützung der Terrororganisation IS. Sie sollen ein Netzwerk gebildet haben, um Sympathisanten des IS die Ausreise von Deutschland nach Syrien zu ermöglichen. Den vorbereitenden Unterricht sollen die Ausreisewilligen, so die Anklage vom Hasan C. und Boban S. in Duisburg erhalten haben. Anschließend soll Abu Walaa sie in Hildesheim in ihrem Entschluss zur Ausreise gefestigt haben. Die Bundesanwaltschaft stuft den 33-jährigen Iraker Abu Walaa als höchsten Repräsentanten des IS in Deutschland ein.

Gelassenheit angesichts der Anklage

Abu Walaa und die vier Mitangeklagten nahmen die von der Bundesanwaltschaft gegen sie vorgetragenen Vorwürfe gelassen entgegen. Abu Walaa und Hasan C. grinsten mehrfach während der rund 50-minütigen Ausführungen der Vertreter der Strafverfolgungsbehörde.

Der Grund für ihre Gelassenheit offenbarte sich anschließend in einer ersten Stellungnahme von Rechtsanwalt Peter Krieger aus Bonn, einer der Verteidiger von Abu Walaa. Seiner Auffassung nach stützt sich die Anklage ausschließlich auf die Aussage von zwei Zeugen - einem V-Mann des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalens, der im Prozess aus Eigenschutz nicht aussagen darf  und einem als IS-Unterstützer verurteiltem Kronzeugen der Bundesanwaltschaft. "Der Kronzeuge ist ein Hochstapler. Wer aber die Wahrheit erforschen will darf nicht auf einen Terroristen setzen", sagte Krieger. Die Bundesanwaltschaft glaube dem Kronzeugen jedes Wort. "Niemand hinterfragt die Aussagen und keiner prüft sie nach", sagte der Strafverteidiger. Er werde deshalb  nach der Mittagspause beantragen, die Akten des Kronzeugen zur Verhandlung herbei zu ziehen, kündigte er an.

Alle fünf Angeklagten wurden im vergangenen November in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen festgenommen und sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Belastet wird Abu Walaa von mehreren V-Leuten der Polizei sowie einem ehemaligen IS-Sympathisanten aus Gelsenkirchen. Der Kronzeuge sagte sich nach einer Syrienreise von der Terrormiliz los und packte bei den Ermittlern aus, er erhielt im Mai eine Bewährungsstrafe.

An der Spitze eines islamistischen Netzwerks

Beim inzwischen verbotenen „Deutschen Islamkreis Hildesheim“ soll der 33-jährige Abu Walaa radikal-islamische Predigten gehalten und die Moschee des Vereins zu einem bundesweiten Rekrutierungszentrum des IS gemacht haben. Ziel war es nach Ansicht der Bundesanwaltschaft, Freiwillige für den IS nach Syrien oder in den Irak zu vermitteln.
Nach Abu Walaas Seminaren in der Hildesheimer Moschee fuhren reihenweise junge Männer in den Irak und nach Syrien. Mindestens 15 Männer aus Niedersachsen und 9 aus Nordrhein-Westfalen durchliefen nach Behördenerkenntnissen sein Netzwerk und reisten ins Kriegsgebiet. Sechs von ihnen sollen dort gestorben sein.

In der Moschee soll auch der Berlin-Attentäter Anis Amri auf Abu Walaa getroffen sein. Beim mitangeklagten Deutsch-Serben Boban S. in Dortmund soll Amri, der im Dezember in Berlin zwölf Menschen tötete, zeitweise gewohnt haben.

Außer in Hildesheim war Abu Walaa in Nordrhein-Westfalen aktiv, wo er in Tönisvorst bei Krefeld lebte. Wegen seiner Internet-Auftritte, bei denen nur sein Oberkörper gezeigt wird, gilt er auch als „Mann ohne Gesicht“. Er hat nach Erkenntnis der Sicherheitsbehörden mindestens zwei Ehefrauen und mehrere Kinder. Der Hassprediger soll nach Medienberichten auch ein Vertrauensmann von Abu Mohammad Al-Adnani gewesen sein, der bis zu seiner Tötung als Drahtzieher der IS-Anschläge in Europa galt.

Angeklagten drohen zehn Jahre Haft

Abu Walaa und zwei Mitangeklagten wird auch Terrorismusfinanzierung sowie Beihilfe zur Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat vorgeworfen. Mit Kreditbetrügereien, Einbrüchen und Spenden soll sein Netzwerk nach Medienberichten zwei Millionen Euro eingenommen und an den IS gezahlt haben. Verglichen wird das Vorgehen des Netzes mit dem der Brüsseler Terrorzelle, für die Khalid Zerkani in ähnlicher Weise den Nachwuchs anwarb.

Überdies soll einer der Angeklagten nach Medienberichten einen der Jugendlichen radikalisiert haben, die 2016 einen Bombenanschlag auf einem Sikh-Tempel in Essen verübten. Unter dem Einfluss von Abu Walaas Netz soll auch ein Zwillingsbrüderpaar aus Castrop-Rauxel zum IS aufgebrochen sein und sich 2015 bei Selbstmordanschlägen auf irakische Stützpunkte in die Luft gesprengt haben.

Für das Verfahren in Celle wurden zunächst 29 Termine bis Ende Januar kommenden Jahres angesetzt. Danach soll auf unbestimmte Zeit zwei Mal wöchentlich weiter verhandelt werden. Den Männern drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Abu Walaa in Deutschland

Ahmad Abdulaizz Abdullah A. ist ein 33-jähriger Iraker. Er war der Hauptprediger im inzwischen verbotenen Moscheeverein Deutschsprachiger Islam Kreis (DIK) in Hildesheim, trat als Abu Walaa bundesweit in Moscheen, unter anderem in Berlin, Frankfurt und Kassel auf und wirkte auch von seinem Zweitwohnsitz in Tönisvorst, bei Krefeld aus. Derzeit sitzt er in der JVA Sehnde in Untersuchungshaft. Er ist nach deutschem Recht mit einer Frau verheiratet, mit der er vier Kinder hat und zudem hat er eine zweite Ehefrau nach islamischem Recht, mit der er weitere drei Kinder hat. Vor Gericht gab der 33-Jährige Vertreter für den Getränkegroßhandel als Beruf an.  Den Ermittlungen der Behörden zufolge, reiste er am 1. 4. 2003 nach Deutschland ein. Seitdem soll er mehrere Reisen in das IS-Gebiet unternommen haben. Dort sei er auch als Kämpfer ausgebildet worden. Für das Internet stellte er Videoclips her, in denen ausschließlich von hinten zu sehen war, so dass er auch unter dem Namen als "Prediger ohne Gesicht" bekannt wurde. In der sehr vielfältigen salafistischen Szene gilt Ahmad A. als Dschihadist - das bedeutet, dass er zu jenen gerechnet wird, die Gewalt befürworten. In der Vergangenheit hatten sich andere Islamisten mit Verweis auf seine extremen Standpunkte abgewandt.

Von Tobias Morchner (mit dpa)

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