Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Der Norden Studenten büffeln im Zirkuszelt
Nachrichten Der Norden Studenten büffeln im Zirkuszelt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:20 11.04.2019
Universitätsvorlesung im Zirkuszelt – das dürfte bundesweit einmalig sein. Quelle: dpa
Braunschweig

Weil das Audimax saniert wird, haben rund 700 Studenten der Technischen Universität Braunschweig am Montag ihr Sommersemester in einem Zirkuszelt begonnen. Ein Jahr lang dient das rot-weiße Zelt auf dem Rasen des Campus als Ausweichquartier. „Wir wollen Sie heute einführen in die Magie der Konstruktionstechnik - in unserem neuen Tentomax“, sagte Professor Thomas Vietor zur Begrüßung. „Wer darüber noch nicht lachen kann - ich hoffe, dass wir den Humor dann gemeinsam hinkriegen.“

Im Zelt reihen sich Rote Plastiksitze im Halbkreis um die einstige Manege, dunkle Bühnenbretter auf dem Boden. Es gibt WLAN und eine Heizung, ein Beamer wirft eine Präsentation an eine Wand. „Grundlagen der Konstruktion“ steht auf dem Programm. Gut 30 Vorlesungen finden nach Angaben der Uni pro Woche in dem Zelt statt; 800 Studenten fasst das Provisorium.

Keine Tische im Zirkuszelt

Ob es komisch ist, ausgerechnet in einem Zirkuszelt zu lernen? „Ich fühle mich jetzt nicht wie ein Clown deswegen“, sagte Henrik Schneemann. Der 23-Jährige studiert Biochemie-Pharmaingenieurwesen im zweiten Semester. Er finde die Lösung gar nicht schlecht: „Ich wüsste auch nicht, wo wir sonst hin sollten.“ Drei von vier Vorlesungen hat er pro Woche im Zelt. Er sei nur gespannt, wie das Mitschreiben klappe. Tische gibt es in dem Zirkuszelt nämlich nicht.

Das Zirkuszelt steht direkt neben Gebäuden der Technischen Universität Braunschweig. Im eigentlichen Hörsaalgebäude finden Bauarbeiten statt. Quelle: dpa

Als Ersatz müssen Klemmbretter herhalten. Einige Studenten finden das ärgerlich, andere nehmen es gelassen. „Ich glaub, ich bau mir so eine Konstruktion für einen Tisch“, sagte ein Student zu seinem Sitznachbarn. Dieser bemerkte: „Wir müssen jetzt klatschen - klopfen geht ja nicht mehr.“

Dass Vorlesungen in einem Zirkuszelt gehalten werden, dürfte bundesweit einmalig sein. Zumindest kann sich die Hochschulrektorenkonferenz am Montag an keinen vergleichbaren Fall erinnern. Von außen erwarte man Sägemehl, Manege und Raubtiere, sagte Professor Vietor. Innen sei es dann doch sehr hörsaalnah. Die technischen Voraussetzungen seien fast identisch, „und der Rest muss sich dann so ein bisschen zeigen, wenn man die ersten Vorlesungen gehabt hat“, sagt der Dozent.

Für Prüfungen in die Stadthalle

Nur Prüfungen würden im Zelt nicht geschrieben - dafür sei die Stadthalle vorgesehen. Der Grund: Bei Klausuren müssten zwischen den Studenten jeweils zwei Plätze frei sein, das sei im Zelt nicht machbar. Schon in den vergangenen Jahren habe man die Prüflinge auf mehrere Hörsäle verteilen müssen. Das Audimax sei dafür auch zu klein gewesen.

Der größte Hörsaal der Uni stammt aus den Sechzigerjahren und steht teilweise unter Denkmalschutz. Nach der Sanierung soll er den neuesten Brandschutzanforderungen entsprechen und rollstuhlgerechter sein. 6,7 Millionen Euro kostet der Umbau. Einen Großteil davon trägt die Uni nach eigenen Angaben selbst; 900 000 Euro kommen vom Land Niedersachsen.

Anna Gent, Studentin im Fach Maschinenbau, hat sich am ersten Tag des Sommersemesters schon fast an das Zirkuszelt gewöhnt: „Ich finde, das macht die ganze Situation wenigstens ein bisschen amüsant.“

Von Sonja Wurtscheid