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Der Norden So oft fallen in Niedersachsens Schulen Stunden aus
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00:19 14.09.2018
Leeres Klassenzimmer: „Die Schüler müssen den Lehrermangel ausbaden.“ Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
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Hannover

Der Lehrer ist krank, eine Vertretung nicht in Sicht, die Schulstunde fällt aus. Aus Sicht der Eltern kommt das in Niedersachsen viel zu oft vor. Nur in jedem fünften Fall werde an den Schulen überhaupt irgendeine Art von Unterricht angeboten, beklagt Sindy Czaja, dreifache Mutter aus der Wedemark; ein Fachlehrer springe in gerade einmal 5,6 Prozent aller Fälle ein.

Czaja stützt sich auf Erhebungen des Onlineportals www.fehlstunden-nds.de, das sie im August 2017 eingerichtet hat. Weil das Land keine offizielle Statistik über Schulausfall führt, griff Czaja zur Selbsthilfe und brachte nach Vorbild aus Schleswig-Holstein und dem Saarland das Portal an den Start. Seither können Eltern, Schüler und Lehrer die ausgefallenen Stunden in der Datenbank protokollieren. 9800 Fehlstunden hat das Portal im vergangenen Schuljahr erfasst, seit Ende der Sommerferien sind es bereits wieder mehr als 700 Einträge.

Ungleiche Voraussetzungen

Nach Schätzungen des FDP-Bildungsexperten Björn Försterling fällt landesweit derzeit jede zehnte Schulstunde aus: „Die unverändert schlechte Unterrichtsversorgung führt zu den gleichen Problemen wir im Vorjahr“, sagt er. „Es fehlt schon an Lehrkräften für den regulären Unterricht, von einer Reserve für krankheitsbedingten Ausfall ist man daher weit entfernt.“ Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) habe nur das Glück, dass man sich an den Mangel schon gewöhnt habe und der Aufschrei nicht so groß sei wie im vergangenen Schuljahr.

„Die Schüler müssen den Lehrermangel ausbaden“, bemängelt auch Mike Finke, Vorsitzender des Landeselternrates. Nach seiner Erkenntnis fallen für einen Schüler von Klasse eins bis 13 rein statistisch etwa 15 Prozent des Unterrichts aus – „das ist ein Schuljahr“, sagt er.

Dass es zu wenige Fachlehrer für den Vertretungsfall gebe, ist für Försterling eine Folge mangelnder Personalplanung über Jahre hinweg. Ähnlich äußert sich Laura Pooth, die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: „Die Mangelsituation war absehbar, aber statt schon vor einigen Jahren genügend Lehrkräfte auszubilden, haben sich die Verantwortlichen hinter einer unsinnigen Sparpolitik versteckt. Die Landesregierung muss jetzt schnellstens handeln und die Lehramts-Studienplätze aufstocken.“

Bei häufigem Stundenausfall müsse der Unterrichtsstoff in kürzerer Zeit durchgezogen werden, gibt Elternratsvorsitzender Finke zu bedenken. Das führe bei einheitlichen Abschlussprüfungen zu ungleichen Voraussetzungen. „Das wirft die Frage der Benotung auf“, meint er: „Kann ein Lehrer tatsächlich guten Gewissens eine Fünf unter eine Arbeit schreiben, wenn er den Stoff, der auf vier Stunden ausgelegt war, seiner Klasse in 45 Minuten eintrichtern musste?“

Auch die Wirtschaft warnt

Dass nur in 20,7 Prozent der Fälle Unterricht angeboten werde, findet die Wedemärkerin Czaja erschreckend. In knapp 6 Prozent der Fälle, so hat es ihre Datenbank ermittelt, werde lediglich eine Aufsicht bereitgestellt. Und in rund drei Viertel der Fälle gebe es nicht einmal eine Aufsichtsperson. Gerade die Randstunden (erste oder sechste Stunde) fielen oft ersatzlos weg.

Das Kultusministerium verweist darauf, dass die Schulen ein Vertretungskonzept machen müssten und ein flexibler Unterrichtseinsatz der Lehrer möglich sei. Für die Beschäftigung von Vertretungslehrern stellt das Land 32 Millionen Euro zur Verfügung. Eine bessere Unterrichtsversorgung bleibe jedoch weiterhin oberstes Ziel des Landes. So könnten Teilzeitkräfte ihre Stunden aufstocken. Das Land will mehr Quereinsteiger beschäftigen und mehr Lehrernachwuchs gewinnen.

Die Eltern stehen in der Diskussion über den Stundenausfall und die Qualität der Vertretung längst nicht mehr allein. Unterstützung bekommen sie aus der Wirtschaft. Volker Müller, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen, sagt: „Wir verspielen die Zukunft unserer Kinder durch Unterrichtsausfälle. Wo sollen die Fachkräfte von morgen herkommen, wenn heute ihr Mathe- und Deutschunterricht ausfällt? In diesen Kernfächern sollen doch die Grundlagen gelegt werden.“

Thorsten Bund, Vorsitzender der Landesfachkommission Bildung und Wissenschaft des Wirtschaftsrates Niedersachsen, fordert eine realistische Abbildung des aktuellen Stundenausfalls. „Jede Schule in Niedersachsen sollte verpflichtet werden, ausgefallene Stunden in einem System zu dokumentieren – auch die, bei denen kein adäquater Ersatz geleistet wurde. Es muss wieder eine hohe Qualität des Unterrichts gewährleistet werden. Hierfür müssen insgesamt mehr Lehrer und diese zeitgemäß und besser ausgebildet werden.“

Am häufigstenwerden ausgefallene Stunden im Sammelfach Naturwissenschaften an Gesamtschulen vertreten, wie das Onlineportal fehlstunden-nds.de ermittelt hat. Ein Fünftel aller ausgefallenen Stunden werden demnach von Fachlehrern vertreten. Im Fach

Arbeit-Wirtschaft-Technik sind es rund 12,5 Prozent. In Latein gibt es in 18,5 Prozent der Fälle gleichwertigen Ersatz, es folgen Englisch (9 Prozent) und Französisch (7,6 Prozent). Schlecht sieht es in Naturwissenschaften aus. Physik (3,5 Prozent), Chemie (3,2 Prozent) und Biologie (2,2 Prozent) werden nur selten fachlich vertreten.

Die meisten Fehlstunden waren zuletzt von Eltern eingetragen worden, knapp 9 Prozent von Lehrern und nur 7,7 Prozent von Schülern. Die meisten Meldungen kamen von Gymnasien, nämlich 65,3 Prozent. 23,6 Prozent betrafen Gesamtschulen, 4,7 Prozent Oberschulen, 3,9 Prozent Grundschulen und 1,8 Prozent die Realschulen. Keine Fehlstunden wurden von Förder- und Hauptschulen registriert.

Von Saskia Döhner

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