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Der Norden Warum Mathematiker zu einem Holzkoffer pilgern
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00:15 01.02.2018
Hat eine gewisse Aura: Der Göttinger Koffer in der Bibliothek Quelle: Christian Malsch
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Göttingen

Man tritt sicherlich niemandem zu nahe mit der Behauptung, dass das Mathematische Institut in Göttingen nicht eben zu den Top-Sehenswürdigkeiten der südniedersächsischen Universitätsstadt zählt. Und trotzdem zieht das 1929 erbaute Gebäude an der Bunsenstraße Jahr für Jahr Touristen an. Allerdings interessieren sich die Besucher weniger für die Architektur als vielmehr für ein Ausstellungsstück im Inneren.

Fast jeder Mathematikstudent, so heißt es, hört irgendwann in der Algebra-Vorlesung vom legendären, mehr als 100 Jahre alten Göttinger Koffer, der in der Bibliothek aufbewahrt wird. Die Geschichte des Koffers ist so kurios, dass sogar ein buddhistischer Mönch einst aus Indien nach Göttingen reiste, um das Stück persönlich in Augenschein zu nehmen – und seinen eigenartigen Inhalt: das handgeschriebene Werk eines Mathematik-Enthusiasten, der mehr als zehn Jahre lang darüber gegrübelt hatte, wie sich mit Zirkel und Lineal ein regelmäßiges 65 537-Eck konstruieren lässt. 

Verfasser der Fleißarbeit war der aus Königsberg stammende Gymnasiallehrer Johann Gustav Hermes (1846 bis 1912). Hermes hatte zunächst in seiner ostpreußischen Heimatstadt Mathematik studiert und war dann in den Schuldienst eingetreten. Später wurde er Professor am Gymnasium in Lingen, 1899 Direktor am Realgymnasium in Osnabrück. In seiner Freizeit widmete er sich der höheren Mathematik. Hermes promovierte zunächst über ein Problem der Kreisteilung, nach dem Erwerb des Doktortitels machte er sich an sein Hauptwerk über das 65 537-Eck.

Warum aber geht jemand jahrelang der Frage nach, wie sich die Kreislinie in 65 537 gleich große Teile zerlegen lässt? 

„Es gibt Nützlicheres zu tun“

1796 hatte Carl Friedrich Gauß ein jahrtausendealtes Problem der Mathematik gelöst, nämlich die Frage, welche regelmäßigen Polygone mit Zirkel und Lineal zu konstruieren sind. Vereinfacht gesagt geht das nur, wenn die Zahl der Ecken einem Produkt der sogenannten Fermatschen Primzahlen entspricht. Von diesen Primzahlen, die nach dem französischen Mathematiker Pierre de Fermat benannt sind, sind nur fünf bekannt: 3, 5, 17, 257 – und eben 65 537. Gauß hatte die theoretischen Grundlagen für ein 65 537-Eck gelegt – Hermes wolle knapp 100 Jahre später zeigen, wie es geht.

Zehn Jahre lang tüftelte der Lehrer an der Lösung, stellte unzählige Berechnungen an, fertigte jede Menge Tabellen an und schrieb nach und nach 221 großformatige Blätter voll. 1889 hatte Hermes sein Werk vollendet. Er ließ es binden, packte es in einen eigens angefertigten Holzkoffer, fuhr nach Göttingen und lieferte seine Arbeit ab.

Dort interessierte man sich allerdings nicht sonderlich für den Inhalt des mit Stoff ausgeschlagenen Koffers mit dem Schriftzug J. Hermes. Hermes durfte zwar noch eine 17-seitige Zusammenfassung in den Nachrichten der Akademie der Wissenschaften veröffentlichen, die in der Fachwelt aber keinerlei Resonanz fand. „Das Projekt war im Grunde eine Sackgasse, denn es brachte niemanden weiter“, sagt der Göttinger Mathematik-Professor Jörg Brüdern. „Jeder wusste, dass man so etwas machen kann, es hat nur keiner gemacht. Es gibt in der Mathematik nützlichere Dinge zu tun.“ 

Wie ein Gesamtkunstwerk

Allerdings, räumt Brüdern ein, gehe von dem Konvolut eine gewisse „Aura“ aus. Anders ist die Faszination wohl kaum zu erklären, die der Koffer samt seinem handschriftlichen Inhalt inzwischen auf viele Mathematik-Enthusiasten ausübt. Die mit Feder und Tinte eng beschriebenen Blätter mit all den fili­granen Tabellen, Konstruktionszeichnungen und Anmerkungen muten wie ein überaus ästhetisches Gesamtkunstwerk an. Als Hermes seine Direktorenstelle in Osnabrück antrat, beendete er seine Rede mit dem vielsagenden Satz: „Geduld ist die Pforte der Freude.“ Man kann sich Hermes also durchaus als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Am Mathematischen Institut hat man allerdings ein Problem: Der Göttinger Koffer muss dringend restauriert werden. „Das ist sehr aufwendig und teuer“, sagt Bibliotheksleiter Philipp Kastendieck. Um die mathematische Rarität auch künftig Besuchern aus aller Welt zeigen zu können, hofft das Institut deshalb auf Spenden.

Von Heidi Niemann

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