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Der Norden Warum Salzgitter eine Obergrenze für Flüchtlinge will
Nachrichten Der Norden Warum Salzgitter eine Obergrenze für Flüchtlinge will
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00:17 15.09.2017
Will Muskeln und Menschen stark machen: Boxlehrer Abdullah Kocer trainiert jugendliche Flüchtlinge in Salzgitter. Fotos: Schaarschmidt (3) Quelle: Tim Schaarschmidt
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Salzgitter

Draußen ist die Luft schon herbstlich, doch der Sportraum des Box Club Tigers in Salzgitter dampft. Zwei Dutzend Jugendliche bearbeiten wechselnd die Boxsäcke mit schnellen, harten Schlägen. Schweiß fließt, Techno-Musik übertönt das Keuchen. Cheftrainer Abdullah Kocer ist zufrieden, dass sich die Jugendlichen anstrengen. Er kennt seine Schützlinge, lobt die Reflexe des einen, weiß aber auch um die schulischen Probleme eines anderen. Für den ehrenamtlichen Boxlehrer gehört das zusammen: Er will nicht nur die Muskeln, sondern auch die Persönlichkeiten seiner Schützlinge aufbauen.

„Notwendige Entscheidung“

Der Deutsche mit türkischen Wurzeln vermittelt Hausaufgabenhilfe, fragt Deutschkenntnisse ab und mahnt zum Lernen. Früher waren es vor allem türkische, polnische oder kurdische Jungs, die Kocer trainierte, mittlerweile sind es immer häufiger Syrer und Afghanen. Die Nationalitäten bedeuten ihm nichts: „Wir sind multikulti. Die Kriege unserer Eltern sind hier egal.“ Aber dass in den letzten zwei Jahren in Salzgitter so viele Flüchtlinge zuzogen, findet Kocer problematisch. „Das ist integrationshemmend“, sagt er. Bei 20 Syrern in einer Klasse würden doch eher die Deutschen Arabisch lernen als die Syrer Deutsch, meint er lachend. Kocer befürwortet daher, dass Salzgitter jetzt eine Zuzugssperre für anerkannte Flüchtlinge bekommen soll: „Das ist eine traurige Sache, aber eine notwendige Entscheidung.“

Keine weiteren anerkannten Flüchtlinge mehr nach Salzgitter zu lassen - mit dieser Ankündigung hatten Oberbürgermeister Frank Klingebiel (CDU) und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) am Freitag für einen Paukenschlag gesorgt. Der Flüchtlingsrat nannte die Entscheidung „rassistisch“, die Grünen distanzierten sich. Doch Weil hält an dem Vorhaben fest: Die Stadt brauche eine Atempause, sagt er. Salzgitter liegt gewissermaßen an der Obergrenze dessen, was eine Stadt bei der Aufnahme von Flüchtlingen leisten kann.

Mehr als 5700 Geflüchtete leben in Salzgitter - das entspricht 1,8 Prozent der Gesamtbevölkerung der Stadt. Vor allem die Stadtteile Fredenberg und Lebenstedt sind beliebt bei den syrischen Familien. Der Wohnraum ist hier billig, Tausende Appartments standen lange leer. Der niedrige Mietpreis lockte viele Flüchtlinge nach Erhalt des Bleiberechts an. Und wo schon viele Syrer wohnen, da ziehen auch andere Syrer hin.

Doch mittlerweile sind die Strukturen vor Ort überfordert, auch das Integrationsangebot der Stadt: An der Hauptschule An der Klunkau in Lebenstedt etwa mussten die Sprachkurse gekürzt und rationiert werden, damit keiner leer ausgeht. Für weitere Kurse fehlt es an Räumen und an Personal.

„Uns hat das überrannt“, sagt Ulrike Plumeier, Rektorin der Hauptschule. Jeder zweite Schüler stammt aus einer Flüchtlingsfamilie. Die Verständigung ist dadurch nicht nur schwer, sie war größtenteils unmöglich - bis die Stadt zwei Praktikanten in die Schule schickte. Der Englischlehrer Mohammad Al Hariri und der Sozialassistent Mohammad Macen Alajjan, beides ebenfalls Flüchtlinge aus Syrien, helfen jetzt beim Übersetzen, schlichten Konflikte und erklären in arabischen Elternabenden die Besonderheiten des deutschen Schulsystems. „Das war ein Volltreffer“, freut sich Plumeier.

„Geht nicht um Abgrenzung“

Ähnlich sieht es in der Kindertagesstätte Goerdelerstraße in Fredenberg aus. 80 Prozent der Kinder, die über den Spielplatz stromern, lachen und Lieder singen, stammen aus Flüchtlingsfamilien. Die Arbeit habe sich dadurch verändert, sagt Petra Rogalski, stellvertretende Leiterin der Einrichtung. Das eigentliche Ziel, die Kinder für die Schule fit zu machen, könne nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Nun gehe es zunächst um Grundlegenderes: das Einhalten von Essensregeln und die Technik des Zähneputzens etwa. Und die Kinder müssten sich wohlfühlen können, so Rogalski.

Nicht nur die fremde Sprache, auch der unterschiedliche Bildungsstand der Flüchtlinge sei eine Herausforderung, räumen die Beteiligten ein. Neben den Studierten gebe es auch viele Analphabeten, sagt Ulrich Hagedorn, Kreisgeschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt: „Da waren wir am Anfang ein bisschen zu optimistisch.“

Ob gebildet oder nicht - auf dem Arbeitsmarkt tun sich fast alle Flüchtlinge in der Stadt schwer: 91 Prozent würden Sozialtransferleistungen empfangen, sagt Oberbürgermeister Klingebiel. Eines ist dem Stadtoberhaupt in der Debatte aber wichtig: „Uns geht es nicht um Abgrenzung oder Ausgrenzung von Flüchtlingen.“ Salzgitter sei eine Stadt, die mit Vielfalt und Zuzug Erfahrungen habe. Man wolle den vorhandenen Flüchtlingen die Integration ermöglichen. „Aber wir kommen nicht mehr nach“, so Klingebiel.

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