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Der Norden Wer kämpft gegen wen im Wendland?
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00:32 28.05.2018
Das X als Zeichen des Protests: Seit Jahren wird kein Atommüll mehr nach Gorleben gebracht, doch die Anti-Atom-Bewegung ist weiter aktiv. Für den Aufmarsch von Autonomen vor dem Haus eines Polizisten (kl. Bild oben) haben viele jedoch kein Verständnis. Hans-Erich Sauerteig (rundes Bild) war dabei – er nennt die Aktion ein „Happening“. Quelle: dpa
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Meuchefitz/Hitzacker

Schlohweißes, wehendes Haar, buntes Hemd, Brille. So stellt man sich vielleicht einen Professor vor, aber bestimmt keinen Autonomen. Hans-Erich Sauerteig sitzt auf einer Holzbank von dem Gasthof Meuchefitz, einem imposanten Fachwerkhaus: braune Balken, roter Backstein. Kneipe ist hier aber nur donnerstags. Der Gasthof Meuchefitz ist vor allem ein Treffpunkt des Widerstandes gegen das Atomprojekt Gorleben, ein Treffpunkt für die linke Szene. Hier werden auch Autonome und Anarchisten geduldet und beherbergt, die man anderswo im Wendland nicht so gerne sieht.

„Eindeutig nicht aggressiv und übergriffig“

Ruhig und sachlich erzählt Hans-Erich Sauerteig von den Ereignissen in Hitzacker vor einer Woche, als wäre es ein fröhlicher Ausflug gewesen. Mehr als 60 Autonome, teilweise vermummt, waren dort vor das Haus eines Polizisten gezogen und hatten Lieder gesungen. Die Polizei sprach später von einem Angriff auf das Haus, von Bedrohung der Familie und Sachbeschädigung. Bei der Verfolgung der Autonomen kam es zu Rangeleien. Die Polizei ermittelt jetzt gegen 55 Personen. Der Vorfall sorgte bundesweit für Empörung.

Für Sauerteig war es nur ein „Happening“, ein großer Spaß. „Wir waren eindeutig nicht aggressiv oder übergriffig“, sagt der 74-Jährige, der zur „Gesangsgruppe“ gehörte. Sauerteig ist ein Urgestein der Anti-Atom-Proteste im Wendland, vielleicht so etwas wie eine Vaterfigur für die linksautonome Szene in der Region. Die Menschen um ihn herum im Gasthof Meuchefitz könnten seine Kinder oder Enkel sein. Die Gewalt in Hitzacker sei von der Polizei ausgegangen, klagt Sauerteig.

Das Wendland wirkt noch immer so, als würde der nächste Castor-Transport bald rollen. Dabei wird schon seit Jahren kein Atommüll mehr ins Zwischenlager Gorleben gebracht. In vielen Orten findet man noch die Zeichen des Widerstands: gelbe Tonnen, das große X, Transparente. „Die Anti-Atom-Bewegung lebt“, sagt Wolfgang Ehmke, mehr oder weniger seit 28 Jahren Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. „Aber das Zentrum des Protestes sind wir und nicht Meuchefitz.“

Ehmke erzählt, dass die Mitgliederzahlen der Bürgerinitiative weiter steigen, weil die Probleme im Wendland nicht gelöst seien. Im Zwischenlager in Gorleben stehen 113 Castor-Behälter mit hoch radioaktivem Müll. Die Erkundung des Bergwerks ist zwar gestoppt, Gorleben aber immer noch als mögliches Endlager im Gespräch.

Imageschaden für friedliche Demonstranten

Für die Aktion der Autonomen in Hitzacker hat Ehmke kein Verständnis, selbst wenn sich der Blick der Öffentlichkeit jetzt mal wieder aufs Wendland richtet. Er fürchtet eher den möglichen Imageschaden für die friedlichen Demonstranten. „Ich habe mich unglaublich geärgert“, sagt Ehmke und rückt seine Mütze zurecht. Der Wind rauscht durch die Bäume in seinem Garten in Zernien. Ein Traktor donnert vorbei. Dann ist es wieder fast still in der dünn besiedelten, wirtschaftlich schwachen Region im östlichsten Zipfel von Niedersachsen. Die linksautonome Szene habe doch eigentlich ganz andere Themen – wie den Einmarsch der Türkei in den kurdischen Teil Syriens, den Einmarsch in der Stadt Afrin, erklärt der 70-Jährige. „Das hat nichts mit Anti-Atom-Protest zu tun.“

In Meuchefitz vermischen sich beide Themen. Der jüngste Konflikt zwischen Autonomen und Polizei entzündete sich wohl eher am Kurden-Problem. Auch wenn bei der Belagerung des Polizisten-Hauses viele junge Leute dabei waren, die offenbar direkt von einer Anti-Atom-Demonstration in Gorleben kamen. Sauerteig bestätigt das mit Verweis auf die Vorgeschichte des „Hausbesuchs“. Den Konflikt mit dem Polizisten, der für den Staatsschutz arbeitet, gebe es seit 30 Jahren. Man kennt sich halt im Wendland. Ein Katz-und-Maus-Spiel mit Drohungen, Schmähungen, Anzeigen.

Im Februar eskalierte der latente Konflikt, als etwa 80 schwer bewaffnete Polizisten, darunter offenbar auch der Staatsschützer, im Gasthof Meuchefitz eine Fahne der syrisch-kurdischen Miliz YPG abhängten. Die Grünen-Landtagsabgeordnete Miriam Staudte bezeichnet den Polizeieinsatz als „völlig inakzeptabel“ und „nicht gerechtfertigt“. Die YPG sei in Deutschland nicht verboten. Staudte lebt in Kröte, auch so ein Mini-Dörfchen im Wendland. In einem Kreisel zwischen Küsten, Kiefen und Kröte fällt die Orientierung schwer, weil alle Straßenschilder mit „Afrin“ übermalt sind. Wendland ist linkes Protestland – gegen was auch immer.

„Autonome nicht zugänglich“

Wolf-Rüdiger Marunde kann von seinem Atelier in Hitzacker aus die Elbe sehen. Der Fluss führt in diesem trockenen Frühjahr nicht viel Wasser. Der 64-jährige Cartoonist spricht für die „Bäuerliche Notgemeinschaft“, die mit ihren Traktoren so manchen Castor-Transport blockiert hat. Marunde ist seit 30 Jahren im Widerstand aktiv. Er findet das Vorgehen der Polizei in Hitzacker überzogen, ist aber auch nicht glücklich über die Racheaktion. „Man konnte sich mit allen Gruppen auf Nicht-Militanz einigen, nur die Autonomen waren nicht zugänglich“, erzählt Marunde. Eine Parallelgesellschaft im Widerstand. „Die sollen sich den Regeln unterwerfen oder wegbleiben.“

Die Autonomen in Meuchefitz haben inzwischen wohl gemerkt, dass die Aktion nach hinten losgegangen ist. Angeblich haben sie einen Entschuldigungsbrief an die Frau des Polizisten geschrieben. Außerdem hätten die Drohungen gegen den Gasthof zugenommen, sagt Sauerteig. Rechtsextreme aus dem benachbarten Sachsen-Anhalt wagen sich ins linke Wendland vor. Vergangene Woche wurden Schilder mit Hakenkreuzen beschmiert. Ein neuer Konflikt droht.

Seit 41 Jahren wird gegen Gorleben protestiert

Der Protest gegen Atommüll in Gorleben ist so alt wie die Pläne für ein Endlager in dem Ort. Bereits 1977 gründete sich die Bürgerinitiative. Der Widerstand verhinderte eine zunächst geplante Wiederaufbereitungsanlage. Zurzeit gibt es etwa zwei Kilometer südlich des Dorfes vier Anlagen zur Erkundung, Zwischenlagerung und Handhabung von radioaktivem Abfall. Das Transportbehälterlager für den hoch radioaktiven Müll ist seit dem Jahr 1995 in Betrieb.

Von Marco Seng

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