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Der Norden Wie lebt es sich im unbewohnbaren Wollepark?
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00:17 20.09.2017
„Ich zähle nicht mehr, wie oft ich am Tag zum Wasserholen laufe“: Wasser zum Kochen und Duschen gibt es im Wollepark nur am Hydranten an der Straße. Quelle: Villegas
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Delmenhorst

Borisof kommt bereits zum zweiten Mal innerhalb von zehn Minuten mit zwei leeren Kanistern zum Hydranten an der Straße, um sich Wasser abzuzapfen. „Ich zähle nicht mehr, wie oft ich am Tag laufe“, sagt der aus Bulgarien stammende Mann in gebrochenem Deutsch. Währenddessen läuft das bräunlich gefärbte Wasser in die Behälter. Auch sein fünfjähriger Sohn hält einen Eimer unter den Wasserspender. „Meine Frau möchte gleich kochen, und ich möchte duschen“, sagt Borisof. Schnellen Schrittes laufen die beiden zurück in den Wohnblock - Müllbergen, schimmelnden Wänden und Uringeruch entgegen. „Es ist eine Katastrophe“, ruft er noch.

Brandschutz nicht gewährleistet

So wie ihm geht es zurzeit noch weiteren 149 Bewohnern im Delmenhorster Wollepark. Sie alle leben seit Ende April ohne Gas, Mitte Mai erfolgte eine Wassersperre. Der Grund: Weil die Vermieter die Nebenkostenzahlungen nicht an die Stadtwerke weitergeleitet hatten, wurde die Versorgung abgedreht. Um zumindest eine Notversorgung mit Trinkwasser sicherzustellen, gibt es ein Standrohr mit sechs Wasserhähnen vor den Häusern. Und für die meisten Bewohner droht die Lage nun noch schwieriger zu werden.

„Wir haben den Bewohnern und Eigentümern mitgeteilt, dass die Gebäude für unbewohnbar erklärt werden“, sagt Oberbürgermeister Axel Jahnz (SPD). „Der Brandschutz ist nicht mehr gewährleistet.“ Für ihn ist der Zustand in dem umstrittenen Wohnblock ein Skandal: Die Eigentümer würden solche Wohnungen günstig kaufen und teuer vermieten. „Der Gewinn steht da im Vordergrund, die Menschen und der Zustand der Immobilie sind völlig egal“, meint Jahnz. „Wir hoffen darauf, dass die Menschen freiwillig ihre Wohnungen verlassen.“

Doch für Borisof, seine Frau und die sechs Kinder ist es nicht einfach, eine neue Bleibe zu finden. „Niemand möchte uns eine Wohnung vermieten“, sagt er mit wütender Stimme. „Wir wollen unbedingt hier raus.“ Für die 84 Quadratmeter große Wohnung im fünften Stock bezahle die Familie knapp 900 Euro Miete. „Die Stadt bietet uns zwar Unterkünfte an, aber in einem Zimmer können wir nicht alle leben“, sagt er und beklagt sich, wie wenig ihnen geholfen werde.

Es ist die Verzweiflung der Bewohner, die im Zentrum dieses Streits steht: Sie müssen die unwürdigen Wohnbedingungen aushalten, weil sie keine Alternative haben. Das nutzen die Vermieter gnadenlos aus. Die Stadt will die Wohnbedingungen verbessern und übt deshalb Druck aus. Leidtragende sind die Bewohner. Ein Teufelskreis.

Doch es deuten sich auch Fortschritte an: Die 60 Eigentümer der Wohnblocks haben nun eine neue Verwaltung bestellt, und diese will enger mit der Stadt kooperieren. Sogar mit der Räumung der Wohnungen zeigen sich die neuen Verwalter einverstanden. Sie wollen ihr Eigentum aber nicht aufgeben. „Einen Abriss, wie ihn die Stadt plant, wird es mit uns nicht geben“, sagt der neue Verwalter und Eigentümer Matthias Volkmer.

Oberbürgermeister Jahnz freut sich über diese Reaktion und ist gleichzeitig erstaunt, wo plötzlich das Geld für eine Sanierung herkommen soll. „Die Erklärung der Unbewohnbarkeit ist für uns ein Meilenstein“, sagt er. „Aber so einfach werden neue Mieter dort nicht einziehen können. Wir werden die Wohnungen anschließend streng kontrollieren.“ Denn zumindest für die Mieter ist die Nachricht, dass die Eigentümer den grauenhaften Zustand der Wohnungen eingestehen, nur auf den ersten Blick eine gute Tatsache. Einer Räumung würde nämlich eine Sanierung folgen - und damit aller Voraussicht nach auch höhere Mieten.

Für Borisof und seine Familie liegt die Hoffnung auf ein besseres Leben in Deutschland damit weiterhin in großer Ferne. „Wir dachten immer, hier ist es besser“, sagt er resigniert. „Aber das ist überhaupt nicht so.“ Doch trotz aller Unsicherheit: Ein Zurück kommt für ihn nicht infrage.

Hunderte Menschen sind betroffen

Der Wollepark, eine Plattenbausiedlung im Nordosten der Stadt Delmenhorst, gilt als sozialer Brennpunkt. Die Bewohner stammen überwiegend aus osteuropäischen Ländern, die Kriminalitätsrate ist hoch.

Ungefähr 350 Menschen waren im Frühjahr von der Gas- und Wassersperre in den Blocks elf und zwölf betroffen. Seitdem haben bereits viele Familien ihre Wohnungen freiwillig verlassen.

Oberbürgermeister Axel Jahnz setzt sich für ein Gesetz ein, das es Kommunen erlaubt, eine Zwangsräumung solcher „Schrottimmobilien“ zu vollstrecken. Weiterhin verfolgt er den Plan, die Blocks zu kaufen und anschließend abzureißen. Fünf leer stehende Blocks stehen bereits nicht mehr.

Bereits im August hatte Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt einen Gesetzentwurf vorgelegt, der Kommunen bei Missständen in Mietswohnungen künftig mehr Möglichkeiten geben soll, hart durchzugreifen. Vor der vorgezogenen Landtagswahl kann der Entwurf aber nicht mehr verabschiedet werden.

Von Julia Polley

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