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Der Norden So erging es Zwangsarbeitern in den niedersächsischen Forsten
Nachrichten Der Norden So erging es Zwangsarbeitern in den niedersächsischen Forsten
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00:42 14.04.2018
Eines der wenigen Bilder von Zwangsarbeitern, die in niedersächsischen Wäldern arbeiteten: Polnische Männer kurz nach ihrer Befreiung im Umsiedlungslager Volpriehausen. Quelle: Foto: Husum-Verlag
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Hannover

In Akten aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges tauchen sie kaum auf, zumindestens namentlich nicht. Denn sie wurden wie Sachen behandelt, Notizen über sie wurden in einer formalisierten, weitestgehend entpersönlichten Form gemacht. Das hatte Methode. Denn die Rede ist von Zwangsarbeitern in niedersächsischen Forsten, von denen während der Zeit des Zweiten Weltkrieges zwischen 1000 und 2000 in den Wäldern schuften musten. Holz schlagen bis zum Umfallen. Der Historiker Peter-Michael Steinsiek hat dieses vergessene Kapitel deutscher Geschichte jetzt aufgearbeitet. Sein Buch ist am Mittwoch von Niedersachsens Landtagspräsidentin Gabriele Andretta und dem Präsidenten der Niedersächsischen Landesforsten, Klaus Merker als Herausgeber, im Landtag vorgestellt worden.

 67 Lager in Harz und Solling

Das Buch, das mit nur wenigen historischen Fotos aufwarten kann, weil die Zwangsarbeiter sich kaum in familiären Fotoalben finden, wirft einen genauen Blick auf dieses Feld der deutschen Kriegswirtschaft, in der die Arbeiter im Wesentlichen dazu dienten, den Holzeinschlag zu steigern. Nahezu in allen der untersuchten 40 Forstämter des Sollings und des Harzes habe es die sogenannten Fremdarbeiter gegeben – Kriegsgefangene zumeist aus der Sowjetunion, aber auch aus anderen östlichen Staaten, manchmal auch Juden. Der Forscher berichtet von etwa 67 Gefangenenlagern beziehungsweise Arbeitskommandos mit jeweils etwa 20 Gefangenen.  Genaue Zahlen gebe es nicht.

„Die Nationalsozialisten hatten eine perfide Hierarchie in der Behandlung der Gefangenen, auf ihrer untersten Stufe standen die Menschen aus der Sowjetunion – neben den Juden“, sagt Historiker Steinsiek. So seien die Lebensumstände der Zwangsarbeiter äußerst übel gewesen – unterernährt, in Lumpen gekleidet seien sie schon in den Wald gekommen. Aus ihrer Heimat seien sie unter unwürdigsten Bedingungen nach Deutschland verschleppt worden – viele von ihnen kamen an den Zielorten gar nicht an, weil sie auf den Transporten und in den Lagern erkrankten und starben, schreibt der Historiker. Da die Menschen wie Sachen behandelt wurden, wurden sie oft von Forstamt zu Forstamt gereicht – auch ein Grund, warum keiner die genaue Anzahl der Entrechteten kennt.

 Gefangene erst aufgepäppelt

Viele der Gefangenen hätten zunächst aufgäppelt werden müssen,  um überhaupt das wichtige Kriegsgut Holz schlagen zu können. Ein Forstmeister des Forstamtes Nienover (Kreis Northeim) berichtete seinen Vorgesetzten, dass die Russen sich Regenwürmer oder Schnecken aufgeklaubt hätten, um ihren Hunger zu stillen.  Manche konnten sich Naturalien durch zusätzliche Arbeit verdienen. „Wer Gelegenheit dazu bekam, spaltete gegen ein warmes Abendbrot Holz bei Privatleuten.“  Die Forstämter duldeten dies. Sie hätten von dieser Nebenbeschäftigung profitiert, weil hierdurch die Konstitution der Schwerstarbeit leistenden Gefangenen etwas aufgebessert werden konnte.  

Von Forstämtern, die sich gegen die miserablen Lebensbedingungen der Beschäftigten auflehnten, ist nichts bekannt. Manchmal appellierten indes Verantwortliche an höhere Stellen, die Ausstattung der Gefangenen mit Kleidung, Schuhen und Verpflegung zu verbessern – damit sie effektiver eingesetzt werden könnten. So geschah es etwa im Harzforstamt Lonau.

Landtagspräsidentin Andretta bezeichnete die neuen, wissenschaftlich aufgearbeiteten Erkenntnisse als erschütternd. „Es ist eine sehr späte Aufarbeitung dieses Geschichtskapitels. Umso wichtiger, dass sie überhaupt geschehen ist.“

Peter-Michael Steinsiek: Zwangsarbeit in den staatlichen Forsten des heutigen Landes Niedersachsen 1939-1945, 254 Seiten. ISBN 978-3-89876-902-0, Husum-Verlag, 27,95 Euro 

Von Michael B. Berger

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