Etwa ein Viertel der 2,5 Millionen türkischstämmigen Einwanderer in Deutschland gehören der Glaubensgemeinschaft der Aleviten an, schätzt Ali Ertan Toprak, der stellvertretende Bundesvorsitzende der Alevitischen Gemeinde Deutschland. Auf die 40 000 Einwohner des Untereichsfelds heruntergerechnet wären das bei geschätzten 1250 Türken rund 300 Menschen.
Die alevitische Glaubensgemeinschaft, die zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert in Anatolien entstanden ist, wurde jahrhundertelang von der muslimischen Mehrheitsgesellschaft verfolgt, berichtet Toprak. Die Gläubigen zogen sich in ländliche Regionen zurück. Erst seit den 1950er-Jahren lassen sich viele von ihnen in den großen türkischen Städten nieder. Dort haben sie in der Öffentlichkeit meist ihren Glauben verleugnet. So schaltete Topraks Großmutter während des Fastenmonats Ramadan morgens um 4 Uhr das Licht in der Wohnung an. Die muslimischen Nachbarn sollten denken, dass die Familie vor Morgengrauen noch etwas esse.
Erst in Deutschland, wohin Türken seit den 1960er-Jahren als Gastarbeiter kamen, hatte die Heimlichkeit ein Ende. Den Anstoß, sich zu organisieren, gab allerdings erst ein Pogrom in der türkischen Stadt Sivas, wo 1993 ein Mob von 20 000 frommen Muslimen den Übersetzer von Salman Rushdies umstrittenen Roman „Die satanischen Versen“, Aziz Nesin, lynchen wollte. Er trat bei einem alevitischen Kulturfest auf. Die aufgebrachten Muslime zündeten das Veranstaltungsgebäude, ein Hotel, an und hinderten die Aleviten an der Flucht. 37 Menschen kamen in den Flammen ums Leben. Das veranlasste viele Aleviten dazu, sich erstmals offen zu ihrem Glauben zu bekennen und ihr Menschenrecht auf Religionsfreiheit einzufordern. In Deutschland sind die Aleviten mittlerweile als Glaubensgemeinschaft offiziell anerkannt. Sie dürfen an Schulen Religionsunterricht erteilen – nach den Sommerferien erstmals auch in Niedersachsen. Überall, wo zehn Kinder zusammenkommen, können Eltern einen entsprechenden Antrag stellen. Die alevitische Religion ist liberal und aufgeschlossen, betont Toprak. Gesellschaftliches Engagement wird begrüßt. So sind drei der fünf türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten Aleviten.
In Topraks Verband sind 125 alevitische Vereine organisiert, darunter der in Herzberg. Den Vereinen gehören 25 000 Familien an, was 100 000 Menschen entsprechen soll.
Toprak sprach bei einer Veranstaltung der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen.
Von Michael Caspar
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