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Begleitserie, Folge 7: Symbolfiguren

Täglich grüßt der Anreischke


Einheimische grüßt er täglich sechsmal, Touristen versuchen eine ungerade Stunde im Zeitraum von 9 bis 19 Uhr abzupassen, um ihn kennenzulernen: den Anreischke.

Symbolfigur neben Tourismusexperte: Anreischke und Christian Zöpfgen im Rathausturm.

© Blank

Die St. Cyriakuskirche oberhalb des Rathauses schlägt zur vollen Stunde, und die blau-gelbe Turmluke öffnet sich. Zum Glockenspiel „Mein Duderstadt am Brehmestrand“ nähert sich die hölzerne Figur dem Fenster, nickt den Eichsfeldern auf der Marktstraße zu und erfreut Touristen, die ihre Fotoapparate gezückt haben.

Der Anreischke ist eines der Wahrzeichen Duderstadts. Die Nachbildung des Originals, das aus dem 16. Jahrhundert stammt und noch heute bei Rathausführungen zu sehen ist, feierte am 1. April 2009 ihren 50. Geburtstag. Bei der Einweihung im Jahr 1959 fanden sich 4000 Menschen vor dem Rathaus ein. „Mit dem Anreischke sollten die Erinnerungen an alte Zeiten wachgerufen werden und präsent bleiben“, erläutert Christian Zöpfgen von der Stadt Duderstadt.

Alte Zeiten, in denen Festungsbaumeister Andreas von Stadt zu Stadt zog, um mit seinen Bauleuten Mauern und Gräben auszubessern. Im Jahr 1506 wurde er vom Duderstädter Rat mit dem Bau des noch heute erhaltenen, über drei Kilometer langen Ringwalles beauftragt. Für die Bauarbeiten wurden auch die Bauern aus den umliegenden Ratsdörfern herangezogen.

Andreas trieb diese zur Arbeit an und machte sich dadurch sehr unbeliebt. Ihren Zorn richteten die Bauern gegen ihre Auftraggeber, die Duderstädter Bürger, und hängten ihnen den Namen des Aufsehers an. Aus dem plattdeutschen Wort für Andreas (Anreis) entstanden die Anreischken. Die verärgerten Duderstädter revanchierten sich, ließen den Aufseher in Holz nachbilden und stellten die Figur im Turm des Steintores auf. Bei jedem vollen Stundenschlag nickte die Figur den auf den Markt kommenden Bauern zu und erinnerte diese an ihren Aufseher – bis zum Jahr 1829, als das alte Stadttor abgerissen wurde.

Was dem Betrachter des Anreischke verborgen bleibt, ist der Mechanismus. „Ein ganz ausgeklügeltes System“, sagt Zöpfgen. Angetrieben wird die Figur durch einen Elektromotor, eine Zeitschaltuhr regelt die Auftritte der hölzernen Figur um 9, 11, 13, 15, 17 und 19 Uhr und eine Orgel ist für den Klang der acht Bronzeglocken aus dem westlichen Rathausturm verantwortlich, indem sie elektrische Impulse sendet. Außer der Technik erinnert alles in dem kleinen Zimmer des Anreischke, oben auf dem renovierten Dachboden des Rathauses, direkt neben der dort hausenden Fledermauskolonie, an die vergangene Zeit. „Hier oben scheint die Zeit stehen geblieben zu sein“, meint Zöpfgen.

Was der Anreischke für die Duderstädter ist, ist der Bunte für die Gieboldehäuser. Das Wahrzeichen, das heute in Form eines Kostüms bei keinem Umzug im Flecken fehlt, wurde 1935 nach Anregung des damaligen Bürgermeisters Heinrich Nünemann geschaffen. Die überlebensgroße Figur des Bunten ist mit einem zu den Knien reichenden Gewand gekleidet, bei dem unterschiedlich große Stoffbahnen in den Farben Rot, Weiß, Blau, Grün und Gelb wechselweise zusammengenäht sind. Der Bunte trägt eine lange Hose und die Schultern sind von einem weißen Kragen bedeckt. Der Kopf – früher aus Holz, heute aus Kunststoff – wird von einer grünen Kappe geschmückt. Die angesetzten Arme können zum Grüßen und Händeschütteln durch einen einfachen Mechanismus bewegt werden.

Die Bezeichnung Bunte stammt aus dem 13. Jahrhundert, als die Einwohner der Ortschaften Lemmershausen, Marsfeld, Roitshausen, Bönnikeshausen, Totenhausen und Thiershausen ihre Wohnstätten aufgaben und nach Gieboldehausen zogen. Aus der Verschiedenheit, der aus sieben Dörfern zusammengesetzten Bevölkerung, entstand der Neckname für die Gieboldehäuser.

„Um die Figur tragen zu können, bedarf es eines kräftigen, möglichst groß gewachsenen Mannes mit einer guten Kondition. Der Marsch bei langen Umzügen ist bei großer Hitze unter dem Kostüm wahrlich kein Zuckerschlecken“, erklärt Gieboldehausens Ortsheimatpfleger Gerhard Rexhausen. Derzeit verkörpert Karl-Heinz Ronge den Bunten, der die Aufgabe von seinem Vater Peter übernommen hat. In den Nachkriegsjahren war es Gerhard Koch, der das Kostüm trug.

Das Reich der Nixe Rhuma befindet sich in Rhumspringe. Rhuma, die einst den jungen Riesen Romar aus der verfeindeten Burg am Römerstein liebte, einen Knaben von ihm gebar und deswegen von ihrem Vater in eine Höhle verbannt wurde, gelang es erst nach vielen Jahren, auf unterirdischem Weg zu entkommen und als Wasserstrom ans Tageslicht zu gelangen. Diese Stelle wird noch heute Rhumequelle genannt. Zur Erinnerung an die Sagengestalt wird in Rhumspringe im Zwei-Jahres-Rhythmus jeweils im Herbst ein Mädchen des Ortes zur „Nixe Rhuma“ erkoren, zuletzt Katharina Böning im September 2009.

Im selben Jahr kursierte der Name Rhuma durch die deutschen Medien, als im oberbayrischen Alpenvorland ein Baby nach der Nixe benannt wurde. Damit die mythologisch begeisterten Eltern ihrem Kind auch den nicht im internationalen Namensbuch enthaltenen Namen geben durften, benötigten sie einen gutachterlichen Beleg. Die Geburtsurkunde der im Jahr 1936 in dem zur Pöhlde gehörenden Rhumspringer Ortsteil Rhumequelle geborenen Johanna Rhuma Christine Wilhelmine sowie die Sage genügten dem Standesamt Rosenheim.

Von Kristin Kunze

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Editorial

Kennen Sie in Bernshausen den Baum, der ein Schild frisst? Wussten Sie, dass im Ort seit 30 Jahren eine Schankstube unberührt im Dornröschenschlaf schlummert? Hätten Sie gedacht, dass das 611-Seelen-Dorf einst das politische und wirtschaftliche Zentrum der Region war? Selbst wenn Ihnen das alles nicht neu ist – so kompakt und vielfältig, wie wir es Ihnen jede Woche an vorstellen, haben Sie dies alles sicher noch nicht gelesen. „Wir im Eichsfeld – 32 Orte im Porträt“ immer mittwochs im Eichsfelder Tageblatt.

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