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Gerblingerode

Verkehr, Grenze, Bauboom: die prägenden Faktoren


In den Baugebieten von Gerblingerode reiht sich Einfamilienhaus an Einfamilienhaus, Garten an Garten – der ganze Ort ist ein einziges Neubaugebiet. Etwas übertrieben, natürlich.

Gerblingerode: Das Rosendorf liegt seit der Einführung des kleinen Grenzverkehrs und der Grenzöffnung an der vielbefahrenen Bundesstraße 247 – die Umgehung lässt auf sich warten.

© Blank

Doch Gerblingerode, zwischen Pferde- und Lindenberg gelegen, mit seinen rund 1800 Einwohnern, ist in den letzten Jahrzehnten gewachsen wie kaum ein anderer Ort im Untereichsfeld. Warum? Ganz klar, meint Hans Geisenhanslüke, der selbst Ende der 1960er-Jahre in das frühere Bauhandwerkerdorf gezogen ist: „die Nähe zu Duderstadt und das günstige Bauland“. Binnen 30 Jahren verdoppelte sich die Einwohnerzahl in dem Ort, der wie einige andere im Altkreis direkt an der innerdeutschen Grenze lag.

Mit dem Unterschied, dass sich hier seit dem 21. Juni 1973 der kleine Grenzverkehr etablierte, wie Geisenhanslüke, heute Lehrer in Duderstadt, früher beim Bundesgrenzschutz, aus eigener Erfahrung weiß. Wo vorher eine Welt am Zaun endete, waren Reisen nun etwas weniger beschwerlich. Möglich wurde es 1972 durch die im Grundlagenvertrag zwischen den deutschen Staaten vereinbarten „menschlichen Erleichterungen“. Nahe des Übergangs baute man einen großen Parkplatz. So sollte das Verkehrschaos eingedämmt werden, denn immer wieder bildeten sich lange Staus. Unweit des Parkplatzes, wo sich in der Wendezeit der Volkswille beispielsweise in der „Kofferdemo“ manifestierte, siedelte sich das Hotel Im Hahletal an. Heute ist der Parkplatz leer, bis auf Container für Flaschen und einigen Lkw-Aufliegern. Die Begeisterung aus der Zeit nach dem Mauerfall, die hier erlebbar wurde, ist abgekühlt, aber nicht eingeschlafen. Bis heute bestehen Vereinsfreundschaften der Gerblingeröder mit Gleichgesinnten in den inzwischen nicht mehr ganz so neuen Bundesländern.

Doch schon am Tag, als die Grenze fiel, machte man sich Gedanken um ein Problem, das den Ort bis heute beeinflusst: den Durchgangsverkehr. Inzwischen passieren Tausende Fahrzeuge täglich die Durchgangsstraße, die Bewohner sind genervt – und die leeren Kassen lassen keine schnelle Abhilfe vermuten, auch wenn die Planungen laufen. Der Verkehr ist ein prägender Faktor, meint auch Geisenhanslüke, der für die Dorfchronik zur 850-Jahr-Feier im Jahr 2001 verantwortlich zeichnete. Vor einigen Jahren hatte der Hahleort gar schon eine 900-Jahr-Feier geplant, jedoch vor den Feierlichkeiten erfahren, dass die Urkunde mit der Ersterwähnung gefälscht war.

Die Kinder der Grundschule, die in der Pause toben, wird das nur wenig interessieren. „Fast ein Kulturzentrum“, kommentiert Geisenhanslüke mit einem Lächeln die Dreiheit aus Schule, Sporthalle und nahem Kindergarten. Auf der anderen Seite der Bundesstraße ist der Bach, der als kleine und große Hahle durch den Ort fließt. In vergangenen Zeiten spielte er durchaus eine größere Rolle im Ort. Nicht zuletzt mit Hochwassern, wie dem aus dem Jahr 1886, als zwei „Dorfarme“ ertranken. Man errichtete eine Klus, die heutige Christophorusgrotte.

Inzwischen geht es im Dorf geordnet zu. Eines scheint vielen Einwohnern gemein, stellt der Dorfchronist lobend fest: „Es gibt viele Leute, die ihre Zeit im Garten nutzen.“ Deshalb sei alles so gepflegt. Und dazu blühen derzeit auch die Rosen am Straßenrand. Gepflanzt wurden sie Anfang der 1970er-Jahre. Es hat gewirkt – man brachte es bis zu einem dritten Platz beim Bundeswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ (heute heißt es bezeichnend: „Unser Dorf hat Zukunft“). Das war 1973 – mit der Eingemeindung nach Duderstadt, dem kleinem Grenzverkehr und als bundesschönes Dorf ein prägendes Jahr. Hätte man mit der Einweihung der neuen Kirche ein weiteres Jahr gewartet, könnte man die Reihe noch verlängern. Denn die alte Kirche wurde zu klein und deshalb einfach gesprengt – am 30. Juli 1970. Den Sturz des Turmes versuchte man mit eigens aufgeschichteten Strohballen abzufedern. 1972, zwei Jahre später, wurde die schiefergedeckte Neubau mit dem Betonglockenturm dann vom Hildesheimer Bischof eingeweiht.

Der Dorfmittelpunkt hingegen soll erst noch umgestaltet werden. Der Brunnen neben der Mehrzweckhalle, die für Feiern genutzt wird, leckt. Für ein Hochwasser reicht das glücklicherweise nicht. Der Gestaltungswettbewerb unter den Einwohnern läuft jedoch noch. Dem gegenüber: die alte Schule, in der sich der derzeit geschlossene Jugendraum und die Heimatstube befinden. Letztere ist quasi gesammeltes Dorfleben: von der Handglocke, mit der die Bekanntmachungen angekündigt wurden, über Geräte aus dem bäuerlichen Leben, Knochenfunde aus grauer Vorzeit, bis hin zu Fotos aus über einem Jahrhundert. Das alles befindet sich in dem kleinen Museum, das sich offiziell so nicht nennen darf; eine Erinnerungskapsel. Nur ein Blick in Gerblingerodes Zukunft, auf den Tag der Fertigstellung der Umgehungsstraße, der ist auch hier nicht möglich.

Von Erik Westermann

Weitere Infos und Bilder zu Gerblingerode finden Sie in der Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 23. Juni. Diese können Sie per E-Paper beziehen oder in der Geschäftstelle Duderstadt, Auf der Spiegelbrücke 11 in Duderstadt.

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Editorial

Kennen Sie in Bernshausen den Baum, der ein Schild frisst? Wussten Sie, dass im Ort seit 30 Jahren eine Schankstube unberührt im Dornröschenschlaf schlummert? Hätten Sie gedacht, dass das 611-Seelen-Dorf einst das politische und wirtschaftliche Zentrum der Region war? Selbst wenn Ihnen das alles nicht neu ist – so kompakt und vielfältig, wie wir es Ihnen jede Woche an vorstellen, haben Sie dies alles sicher noch nicht gelesen. „Wir im Eichsfeld – 32 Orte im Porträt“ immer mittwochs im Eichsfelder Tageblatt.

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