Doch hätte der Göttinger Landrat 1946 anders reagiert, wäre nicht die Stadt an der Brehme, sondern Göttingen Heimat von Otto Bock geworden.
„Gehen Sie nach Duderstadt.“ So lautete laut Max Näder nämlich der Tipp, den ihm der Göttinger Landrat gab, nachdem er Näders Anfrage, ob er in Göttingen eine Firma für Orthopädie eröffnen könne, abgelehnt hatte. Ob dem Landrat sein schicksalhafter Satz später wohl schlaflose Nächte bereitet hat? Das gesamte Untereichsfeld profitiert jedenfalls bis heute vom Unternehmen.
Dass Duderstadt oft gleichgesetzt werde mit Otto Bock, hat nach Meinung des ehemaligen Otto-Bock-Mitarbeiters Lothar Milde weniger mit der Verwurzelung des Orthopädiehandwerks im Eichsfeld zu tun– „Bei großen Kliniken gibt es oft viele ansässige Orthopädietechniker“ – sondern weitaus mehr mit der Bedeutung von Otto Bock als innovativem Prothesenhersteller. Von 1983 bis zu seiner Pensionierung 2008 war der 67-Jährige, der 1957 in Göttingen zum Orthopädiemechaniker ausgebildet wurde, in Duderstadt tätig.
Mildes Einschätzung deckt sich mit den Zahlen der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen, die aussagen, dass in ihrem Bereich ganze sechs Menschen am 1. August mit ihrer Ausbildung zum Orthopädiemechaniker begonnen haben, davon vier in Göttingen und jeweils einer in Northeim und Duderstadt. Dabei lernen sie, mit Hilfe von Gipsabdrücken Hilfsmittel für Patienten anzufertigen, beziehungsweise von Firmen wie Otto Bock anfertigen zu lassen.
„Orthopädie ist Wachstumslenkung“, erklärt Milde. Mit ihrer Hilfe sollen Menschen, mit „eingeschränkter Mobilität die Möglichkeit erhalten, am normalen Leben teilhaben zu können“. Dabei bediene man sich der Prothetik, also dem Einsatz von Prothesen, und der Orthetik, also therapeutischen Hilfsmitteln wie Korsetts. Der Begriff selbst stammt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie „aufrecht“ und „erziehen“.
Milde redet mit viel Elan, wirkt trotz Ruhestand so, als entwickle er immer noch mit. Statt Orthopädiemechaniker spricht er vom Orthopädietechniker, denn während der Beruf früher „einen hohen Mechanikanteil hatte“, stehe heute die Technik im Vordergrund. „Und wie sich der Beruf gewandelt hat, gilt das für die gesamte Branche und exemplarisch auch für Otto Bock“, erklärt er.
Eigentlich ist Otto Bock drei Firmen: Healthcare, Kunststoff und Sycor. 1953 wurde die Otto Bock Kunststoff gegründet, unter anderem, weil das bevorzugte Pappelholz für den Prothesenbau kaum zu beschaffen war. Heute ist die Sparte sowohl ein wichtiger Partner für die Otto Bock Healthcare, als auch Entwickler und Anbieter von Kunststoffen, etwa für die Automobilindustrie. Die dritte Säule der Unternehmensgruppe ist die Sycor.
Hervorgegangen aus der EDV-Abteilung von Otto Bock, entwickelt sie Informations- und Kommunikationstechnik für Firmennetzwerke.
Doch die Ursprünge der Firma liegen in der Orthopädie und weiter östlich in Berlin. 1919 gründete Max Näders Schwiegervater, der Orthopädiemechaniker Otto Bock, seine Firma „Orthopädische Industrie“. Später siedelte er sie dann in seine Heimatstadt Königsee in Thüringen um. Bocks „Schlüsselpatent in den 1920er-Jahren war die Passteilidee“, erklärt Milde. Er teilte die damals einteilige Holzprothese in drei Teile – Schaft, Kniepassteil und Fuß. Diese konnten dann in Serienproduktion angefertigt werden und mussten später nur noch individuell für den Patienten angepasst werden.
Als 1948 in Königsee das gesamte Privatvermögen enteignet wurde, fasste die Firma Fuß in Duderstadt, wo Näder mit seiner Frau Maria nach dem Tipp des Landrates 1946 die „Otto Bock Orthopädische Industrie“ in der Halle 20 am Euzenberg gründet hatte. Ende der 1960 er-Jahre entwickelte die Firma dann Modularprothesen, die sich der anatomischen Struktur noch besser anpassten und zudem auch optisch überzeugten.
„Spätestens seit der Zeit gibt es den Trend zur Humanisierung der Prothesen“, sagt Milde, was bedeutet, dass sie sich äußerlich und von der Anwendung her immer mehr an den Bedürfnissen der Menschen, die sie benötigen, orientieren. Auch die Patientenstruktur habe sich geändert: Waren es nach dem Weltkrieg noch überwiegend Kriegsversehrte oder an Polio Erkrankte, wurden diese in den 1950er- bis 1970er-Jahren von Unfallopfern und Krebserkrankten abgelöst. „In unserer heutigen Freizeitgesellschaft führen, gepaart mit dem demografischen Wandel, hingegen am häufigsten Sportunfälle und Durchblutungsstörungen zu Verlust oder Beschädigung eines Körperteils“, erklärt Milde.
Mit der Entwicklung von mikroprozessorgesteuerten Prothesensysteme wie dem C-Leg werde den Patienten noch mehr Bewegungsfreiheit ermöglicht, so Milde. Vereinfachend könne man diese drei Entwicklungen auch mit den drei Namen der Firmenführer zusammenbringen, so Milde. Otto Bock stünde dann für die Passteilidee, Max Näder für die Modularprothesen und sein Sohn Hans Georg, der Otto Bock seit 1990 leitet, für das C-Leg.
„Prothesen werden heute ganzheitlich gesehen“, findet Milde. Und so erkläre sich auch die Bezeichnung Healthcare, die übersetzt nichts anderes als Gesundheitspflege bedeutet. Dazu passend würden Bezeichnungen wie „Bewegungsapparat“ nur noch ungern verwendet. „Das klingt zu technisch und passt in die Zeit, als Orthopädie noch fast reine Mechanik war.“
Denn ob Sensorik oder Mikroprozessoren: „Die Orthopädie dreht sich um den Menschen – und wenn ich mit Menschen nichts anfangen kann, ist Orthopädietechniker nicht der richtige Beruf.“ Schließlich komme man sich, beispielsweise bei den Gipsabdrücken, sehr nah. „Mit Handschuhen geht das nicht“, findet er.
Und ähnlich, wie sich die Orthopädie um den Menschen dreht, dreht sich die Firma Otto Bock um Duderstadt. Trotz Auslandsgesellschaften ist die Stadt an der Brehme weiterhin Firmenzentrale. Und geht es nach Max Näders Sohn Hans Georg, wird sich daran auch in Zukunft wenig ändern. „Duderstadt ist das Headquarter, ist die Heimat von Otto Bock – und wird es auch bleiben, solange ich am Ruder bin“, versprach der Unternehmer zuletzt bei den Eichsfeldtagen Ende August.
Von Corinna Berghahn
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