Der Lesung können dann aber auch ihre hörenden Eltern und Geschwister folgen. Zwei Übersetzerinnen übertragen die Zeichensprache simultan. „Sie ,voicen‘ das, was Gero gebärdet“, wie Katja Belz, Präsidentin des Verbandes, einleitend sagt. „Ich gebe jetzt die Gebärde an Gero.“ Der hebt in seinem türkisfarbenen T-Shirt an und kommuniziert mit Händen, Mimik und Mundbewegungen. Die Kinder glucksen vergnügt.
Es ist bereits das dritte Mal, dass der kleine Bundesverband seine jährliche Versammlung hier bei Gerblingerode abhält. Eigentlich hatte Belz auch hörende Kinder aus der Umgebung zu der Lesung eingeladen. Sie nimmt es mit Humor: „Dafür ist das Wetter aber wohl zu gut.“ So ist man unter sich.
Für die 180 Teilnehmer der Tagung – davon rund 60 Kinder – ist das Treffen „wie eine Tankstelle“, sagt die 48-Jährige. Betroffene, meist hörende Eltern, hörgeschädigte Kinder und auch ihre Geschwister saugten sich mit positiver Energie voll – ein Treffen gleichermaßen Betroffener, die im Alltag oft allein dastehen, erklärt ihre Präsidentin Belz, die „nebenbei“ an der Humboldt-Universität in Berlin und als Gebärdendolmetscherin arbeitet. Hier tauscht man sich aus, findet Freunde, Gleichgesinnte, Vorbilder. Die Förderung der Gebärdensprache ist ein Schwerpunkt des Vereins, dem deutschlandweit nur 90 Mitglieder angehören. „Wir sind wie das Auge im Wal Deutscher Gehörlosenbund“, der größten deutschen Interessenvertretung der mindestens 80 000 Gehörlosen und Hörgeschädigten hierzulande, sagt Belz.
Im Prinzip kämpfen sie für die eigene Sprache im fremden Land, für die Gebärde im Land der Hörenden. Das Grundproblem: Viele betroffene Kinder stünden am Ende ihres Bildungsweges ohne oder mit sehr schlechtem Abschluss da. Der Grund hierfür liege darin, dass ihnen das Lernen und die Kommunikation in Gebärdensprache verwehrt werde. „Manchmal hat man den Eindruck, dass Leute denken, Gebärdensprache tut weh.“ Das Gegenteil sei der Fall. Die Sprache sei nicht nur praktisch – man denke an Verständigung auf Entfernung oder in lauten Umgebungen. Sie habe einen ganz eigenen Charakter, versucht die 48-Jährige zu vermitteln. „Man muss mehr auf sein Gegenüber achten, kommuniziert direkter und nimmt optische Reize ganz anders war“, beschreibt sie ihre Erfahrungen. Mit der Gebärdensprache hänge eine eigene Gehörlosenkultur zusammen, es gebe Gebärdenpoesie, -theater und -kunst.
Belz hat viele Erfahrungen gesammelt mit Behörden, mit Unkenntnis und manches Mal, so scheint es, auch mit Ignoranz. Ihre zweite Tochter Clara, heute 16, ist gehörlos, im Gegensatz zu ihren beiden Geschwistern. Man brauche schon so viel Kraft für das Kind, dass der zusätzliche ständige Kampf mit Behörden und der Umwelt manche Eltern völlig aushöhle. Deshalb will der Verband betroffenen Eltern, die meistens völlig unvorbereitet von der Diagnose „Hörschädigung“ ihres Nachwuchses getroffen werden, das Leben erleichtern und Hilfestellungen geben.
Verbreitet herrsche die Ansicht, Kinder mit einem Rest an Hörfähigkeit und Implantat würden die Lautsprache vernachlässigen, sobald sie Gebärdensprache lernten. Belz sieht es eher als zusätzliche Sprache, die zu beherrschen oder kennenzulernen für jeden Menschen einen Gewinn darstellen könne – ob hörend oder nicht.
Der Verband setzt sich dafür ein, dass hörgeschädigte Kinder DGS, die deutsche Gebärdensprache, lernen dürfen. Das ist nicht selbstverständlich: Unterricht in Gebärdensprache ist selten und für Eltern schwer einzufordern, sogar an speziellen Förderschulen gebe es kein eigenes Fach „Gebärdensprache“. „Das ist, als ob wir an anderen Schulen das Fach Deutsch nicht hätten.“
Gerade bei Kindern mit einem Rest an Hörfähigkeit werde gegen die Gebärdensprache und allein für den Einsatz von Technik, beispielsweise dem sogenannten Cochlea-Implantat, eine Hörprothese für Menschen, bei denen der Hörnerv noch funktioniert, plädiert. Der Verband sieht das als Irrweg. „Technik ist anfällig und für die Hörgeschädigten ist die Verwendung oft sehr anstrengend“, argumentiert die Berlinerin. Besonders an Schulen bestehe Änderungsbedarf: An Regelschulen müsse ein Umfeld für hörgeschädigte Kinder geschaffen werden, damit sie nicht isoliert bleiben. Belz plädiert aber auch für eine „umgekehrte Inklusion“, die Öffnung der speziellen Förderschulen – allein in Niedersachsen gibt es derer vier – für hörende Kinder.
2013 feiert der Bundeselternverband sein 50-jähriges Bestehen – dann jedoch nicht am Pferdeberg. „Die Stätte ist leider schon ausgebucht“, bedauert Belz. Im kommenden Jahr sind sie jedoch wieder in Gerblingerode zu Gast – vielleicht ja wieder mit einer öffentlichen Lesung.
Von Erik Westermann
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