Auf den Spuren des Krieges: Tief hat siich der Bohrer ins Erdreich gegraben
Und das nicht erst seit dem furchtbaren Unfall am 1. Juni auf dem Göttinger Schützenplatz, als die Explosion einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg drei Entschärfer in den Tod riss.
„Viele Leute denken, nach mehr als 60 Jahren in womöglich nassem Erdreich können die Dinger eigentlich gar nicht mehr funktionieren“, sagt Tauber-Betriebsleiter Schmidt. Ein Irrtum, meint der Bombenexperte: „Wir haben Weltkriegsbomben aus Flussufern geholt, die sahen aus wie neu, als der Dreck weg war.“
Seit dem 29. Juni spüren Schmidt und seine Leute erneut möglichen Blindgängern im Göttinger Erdreich nach. Schon vorher waren sie auf dem Schützenplatz im Einsatz. Auch an dem fatalen 1. Juni. Damals hatten die Tauber-Mitarbeiter Timo Geber und Olaf Stolle die Bombe freigelegt, dann machten sich die Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes an die Entschärfung. Eine gute Viertelstunde vor der fatalen Explosion machten Geber und Stolle Feierabend und fuhren in ihre Unterkunft. Erst am nächsten Tag erfuhren sie von der Explosion der Bombe, an der sie noch ein paar Stunden vorher persönlich Hand freigelegt hatten.
Nach dem schrecklichen Unglück geht jetzt die Suche nach weiteren Blindgängern im Auftrag der Stadt weiter. Nachdem der niedersächsische Kampfmittelbeseitigungsdienst Verdachtspunkte identifizierte, prüft Tauber diese Punkte ab. In Göttingen war und ist die Firma allein mit dem Auffinden und gegebenenfalls Freilegung von Blindgängern betraut. Wichtigstes Hilfsmittel beim Aufspüren von Blindgängern sind Metallsuchgeräte, die Störungen im natürlichen Magnetfeld der Erde anzeigen können. Ob es sich dann um eine Bombe oder um alte Kanalrohrstücke handelt, weiß man dann noch nicht.
Um das zu klären, bohrt ein Spezialbagger mehr als ein Dutzend Löcher im Abstand von etwa 75 Zentimetern in die Erde. In diese Löcher wird ein Plastikrohr eingeführt, in das eine Sonde heruntergelassen wird. Die kann genauer lokalisieren, ob die Magnetfeldstörung von einer Bombe verursacht wird – oder von einem alten Stück Kanalisationsrohr.
Völlig ungefährlich, sagt Schmidt, ist das Bohren nicht. Zwar stoppt eine sensible Hydraulik den mehr als fünf Meter langen Bohrer, sollte er auf Metall treffen, aber eine absolute Sicherheit gebe es nicht. Die mehr als sechs Jahrzehnte alten Weltkriegsbomben, sofern sie mit einem chemischen Langzeitzünder ausgerüstet sind, können auch jetzt noch extrem empfindlich auf Erschütterungen reagieren. Schmidt weiß von Fällen, in denen zur Bauvorbereitung genutzte Rüttelmaschinen mehrere Meter darunter liegende Bomben zur Explosion brachten.
Die Firma Tauber zeigt in Göttingen allerdings nicht das volle Spektrum ihres Angebots. Beginnend mit der Verdachtspunktsuche mittels Auswertung von Luftbildern und anderer historischer Recherche über die Bombensuche vor Ort per Metallsonde und die Freilegung bis hin zu Abtransport, Entschärfung oder Sprengung bietet sie einen kompletten Blindgänger-Service an. Die Auswertung von Luftbildern, sagt Schmidt, trage vielleicht zu zehn Prozent beim Bombenfinden bei. Ein weiteres Problem: Nicht selten sei der auf den Bildern zu sehende Einschlagspunkt der Bombe nicht der exakte Punkt, wo die Bombe nach dem Abwurf zum Liegen kommt: Die enorme Dynamik führe oft dazu, dass sich eine abgeworfene Bombe im Erdreich auch seitwärts fortbewegt hat.
Sollte eine Bombe mittels Magnetsonden gefunden werden, würde die Freilegung beginnen – wie bei den beiden Bomben, die Ende Mai unter dem Schützenplatz gefunden wurden. Bei der nach der Explosion begonnenen weiteren Suche auf dem Schützenplatzgelände samt näherer Umgebung wurden bereits alle 14 Verdachtspunkte abgearbeitet – ohne dass das Tauber-Team auf weitere Blindgänger gestoßen wäre.
Jetzt kümmern sich die Experten um 16 weitere Verdachtsflächen westlich des Schützenplatzes. Zurzeit gehen die Arbeiten im Leinebett weiter. In der Woche ab Montag, 12. Juli, wird dann der Bereich westlich der Leine an der Godehardstraße angebohrt – teilweise unweit von Gebäuden.
Die Arbeit, sagt Schmidt, wird ihm und den anderen Tauber-Mitarbeitern auch danach so schnell nicht ausgehen. Angesichts der im Zweiten Weltkrieg auf Deutschland abgeworfenen Bombenmenge und einer durchschnittlichen Blindgängerquote von etwa 20 Prozent, kalkuliert Tauber, liegen noch mehr als 250 000 nicht explodierte Bomben unentdeckt in der Erde – und manchmal auch unter Nachkriegsgebäuden. Sollte die Bombenbeseitigung im derzeitigen Umfang weitergehen, schätzt Schmidt, dauert es in Westdeutschland noch 47 Jahre, bis die letzte Bombe entschärft ist, im Osten sogar 144 Jahre.
Schmidt warnt vor dem Irrtum, dass sich das Blindgängerproblem durch Nichtstun irgendwann einmal von selbst erledigt. Die Bomben des Zweiten Weltkriegs seien absolute Qualitätsprodukte gewesen – vor allem die Zünder, die aus hochwertigen Materialien wie Messing gefertigt seien: „Die rosten nicht.“ Was geschehen kann, wenn aus Kostengründen auf eine Bombensuche verzichtet wird, habe sich beispielsweise 2004 in Linz gezeigt: Dort war eine Fliegerbombe von einem Großbohrgerät getroffen worden. Die Detonation verlief für einen Bauarbeiter tödlich.
Trotz solcher fataler Vorfälle setzt bei Volker Heimberg dann doch wieder ein Stück Routine ein: „Wenn ich bei meinem Job dauernd an eine mögliche Explosion denken würde“, sagt der Tauber-Mitarbeiter, „wäre ich wohl nicht mehr arbeitsfähig.“