Schwer beschädigt: der Göttinger Bahnhof im Jahr 1945.
Den Erfahrungen der Sprengkommandos zufolge, die nach Kriegsende tätig wurden, waren zehn bis 20 Prozent aller von den alliierten Flugzeugen im zweiten Weltkrieg abgeworfenen Bomben Blindgänger.
Viel gab es in Göttingen nicht, was die amerikanischen und britischen Bomberkommandos interessieren konnte: der Fliegerhorst, die aerodynamische Versuchsanstalt, die unter anderem an der Entwicklung von so genannten Wunderwaffen beteiligt war, der Flugplatz in der Weststadt, etwas abseits das Munitionslager der Muna bei Lenglern – vor allem aber die Einrichtungen der Reichsbahn. So fielen denn auch die meisten Bomben entlang der Bahnstrecke mit Bahnhof, Gleisanlagen, Güterbahnhof und der Lokhalle. Viele trafen, viele aber auch nicht, die Zielgenauigkeit war immer noch nicht allzu hoch.
Noch 1944 blieb es weitgehend ruhig. Einen kleinen Angriff gab es am 7. Juli. Sprengbomben fielen in den Hof der Artilleriekaserne, in die Gärten der Kaserne und in der Weender Landstraße. Schwerer waren die Angriffe vom 23. und 24. November, als das Gasometer, Wohnhäuser in der Unteren Masch und die Paulinerkirche auch von Luftminen getroffen wurden. Es gab neun Todesopfer. Die Gasversorgung brach zusammen. Etwa 200 Bombeneinschläge wurden gezählt. Alle Ziele waren nicht weit von den Bahnanlagen entfernt.
47 Menschen kamen ums Leben, als alliierte Flieger am Neujahrstag 1945 den Verschiebebahnhof angriffen. Diesmal lagen die Bomben präzis im Ziel. 47 Menschen kamen ums Leben – 40 von ihnen russische Zwangsarbeiter.
Wiederum der Verschiebebahnhof und die Gleisanlagen waren am 22. Februar 1945 Ziel der Bomber. Auch diesmal trafen die alliierten Bombenschützen. 27 Menschen ließen ihr Leben. Gleisanlagen wurden zerstört, getroffen wurde such die Einkaufsgenossenschaft am Meschmühlenweg und der Südflügel der Brauerei am Brauweg, die genau in der Anflugschneise auf die in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Bahnstrecke lag.
Am 21. März gab es einen weiteren Fliegerangriff, bei dem ein Mensch starb. Ein Tag später zerstörte eine Zeitzünderbombe den „Rheinischen Hof“ – wahrscheinlich ausgerüstet mit der gleichen Zündvorrichtung wie bei der am Donnerstag gefundenen Fliegerbombe.
Der letzte Angriff kam am Abend des 7. April – ein Tag, bevor die Amerikaner in die Stadt einmarschierten. Ein Pulk von leichten zweimotorigen Bombern des Typs Martin B-26 Marauder flogen die Stadt aus Süden an. Jedes dieser Flugzeuge konnte zwei Tonnen Bomben tragen – ausreichend für vier schwere amerikanische 1000-Pfund-Bomben, wie sie jetzt auch auf dem Schützenplatz gefunden wurde.
Aus Richtung Geismar schossen die Flieger auf die Bahnanlagen zu. Vernichtet wurde die Alte Anatomie, schwer beschädigt der Bahnhof, der Lok-Ringschuppen und der Güterbahnhof. Erstaunlicherweise kam bei diesem Angriff kein Mensch ums Leben. Nur acht Pferde im städtischen Betriebsamt wurden getötet.
Dies sollte der letzte Fliegerangriff auf Göttingen bleiben. Am nächsten Tag waren bereits US-amerikanische Truppen in der Stadt. Von den nicht explodierte Bomben wollten die Göttinger erst einmal nicht so viel wissen – die Bewohner hatten andere Sorgen wie beispielsweise die Versorgung mit Lebensmitteln.
Verschwunden allerdings war die explosive Hinterlassenschaft des Krieges damit natürlich nicht. Im weichen, morastigen Gelände des heutigen Schützenplatzes hatten sich einige Bomben tief eingegraben. Kurz vor Weihnachten 1992 erschreckte ein lauter Knall und ein leichtes Beben die Bewohner des Egelsberges: In der Mitte des Schützenplatzes entdeckte eine Spaziergängerin einen fünf Meter weiten und zwei Meter tiefen Krater – die Wirkung einer Fliegerbombe mit Zeitzünder.
Die gleiche Ursache hatte eine Explosion am 30. September 1998: In der Pfalz-Grona-Breite explodierte unter einem Linienbus eine weitere Bombe.
Bei der jetzt auf dem Göttinger Schützenplatz gefundenen Fliegerbombe handelt es sich offenbar um eine amerikanische 1000-Pfund-Fliegerbombe (453 Kilogramm), gefüllt mit gut 250 Kilo TNT-Sprengstoff. Diese Standard-Sprengbombe und eine 500-Pfund-Variante wurden im Zweiten Weltkrieg massenhaft über Deutschland abgeworfen. Sie sollten durch ihre Spreng- und Splitterwirkung Gebäude zerstören und Menschen töten. Diese Bomben konnten mit Aufschlagszündern, deren Verzögerung für eine größere Eindringtiefe eingestellt werden konnte, oder mit sogenannten Säurezündern, die die Bombe manchmal erst Tage nach dem Abwurf zur Explosion brachten, ausgerüstet werden. Nach dem Abwurf drehte sich ein Propeller an der Spitze in den Zünder ein und machte die Bombe auf diese Weise scharf.
Im Gegensatz zu normalen Sprengbomben enthalten Luftminen mehr Sprengstoff und besitzen eine dünnere Hülle. Sie wurden gegen ungepanzerte Flächenziele verwendet und sind auf eine starke Detonationswelle ausgerichtet, die das Umfeld verwüstet.
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