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Bomben wahrscheinlich vom Angriff des Neujahrstags 1945

Todbringende Kriegs-Saat im weichen Erdreich

1,4 Millionen Tonnen wurden im Zweiten Weltkrieg über Nazi-Deutschland abgeworfen. Dies entspricht gut 2,9 Millionen der US-amerikanischen 1000-Pfund-Bomben, die jetzt in Göttingen gefunden wurden. Jede sechste bis siebte abgeworfene Bombe, so offizielle Schätzungen, explodierte nicht. 65 Jahre nach Kriegsende werden in Deutschland jährlich bis zu 5500 Bomben entschärft – naturgemäß vor allem in vom Luftkrieg schwer getroffenen Städten wie Hamburg, Hannover oder Osnabrück. Eigentlich eine Routinesache, aber: Unglücke gibt es immer wieder. In Niedersachsen wurden Menschen zuletzt Anfang der 80er Jahre von einem explodierenden Blindgänger getötet – bis zur Explosion am Dienstag, 1. Juni.

Trefferfeld: Die Explosion ereignete sich etwa 40 Meter nordöstlich vom Fundort der ersten Bombe.

© St. Museum / Grafik: Rudolph
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Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stammen die vielen Bomben auf dem Schützenplatz vom Luftangriff am Neujahrstag 1945. Damals griffen allierte Flugzeuge die Bahnanlagen der Stadt an. Aber nicht alle Bomben trafen, nicht alle Bomben explodierten.

Am Mittag des 1. Januar beginnen die Sirenen zu heulen. Die Menschen hasten in die Keller, auch wenn viele von ihnen nicht glauben wollen, daß der Angriff Göttingen gilt.

Sie täuschen sich: Gegen 13 Uhr öffnen sich am Himmel über der Leinestadt die Bombenschächte. Die meisten Bomben liegen zielgenau auf den Göttinger Bahnanlagen. Schwer getroffen wird der Verschiebebahnhof, Güterbahnhof und das Bahnbetriebswerk. Der Bombenteppich vernichtet die Tischlerei, die Schmiede und die Dreherei. Die wertvollen Spezialmaschinen werden zerstört. Eine Bombe durchschlägt alle Stockwerke des großen Verwaltungsgebäudes und explodiert unten im Keller. Damit ist das Göttinger Bahnbetriebswerk, das die schwersten und stärksten Dampflokomotiven beherbergt und somit dazu beiträgt, die deutsche Kriegsmaschinerie noch am Laufen zu halten, vorerst lahmgelegt.

Außerdem werden Häuser an der Weender Landstraße, der Königsallee, der Emilien- und der Arndtstraße. Das obere Stockwerk der Physikalischen Werkstätten („Phywe“) in der Groner Landstraße brennt aus. Auch der vordere Teil des Zentral-Friedhofs erhält einige Treffer.

Mindestens 47 Menschen kommen ums Leben – darunter nur sieben Deutsche. Dass es so viele russische Zwangsarbeiter trifft, hat einen Grund: Nicht wenige Bomben fallen abseits der Bahnanlagen auf das Lager auf dem Schützenplatz, wo die so genannten „Ostarbeiter“ untergebracht sind.

1942 errichtet und im Oktober desselben Jahres erstmals belegt, gab es dort bis zu 20 Baracken, getrennt für Männer und für Frauen. Es wurde mehrfach erweitert und beherbergte im August 1944 fast 1000 Insassen. Das Lager mit einem Gebäude für die „Ordnungswachen“ und einer Waschbaracke war mit Stacheldraht umzäunt und mit Hunden bewacht.

Jetzt, am 1. Januar 1945, sitzen die Zwangsarbeiter gerade beim Mittagessen in den Baracken, als die Bomber anfliegen. Die Explosionen töten mindestens 40 von ihnen.

Aber auch nach dem Angriff hat der Schrecken kein Ende. Die ganze Nacht hindurch dröhnen Explosionen, die in der gesamten Stadt zu hören sind: Viele, ungewöhnlich viele der abgeworfenen Bomben sind mit Zeitzündern ausgerüstet, um die Lösch- und Aufräumungsarbeiten zu verhindern. Zahlreiche Bomben sind im weichen Erdreich nahe der Leine verschwunden, wo auch das Grundwasser hoch steht. Nicht wenige davon sind nicht detoniert – die Saat für die Explosionen der nächsten Jahrzehnte auf dem Schützenplatz und seiner Umgebung.

„Glücklicherweise“, vermeldet die Göttinger Stadtchronik, „lagen die meisten dieser Zeitzünder im sogenannten Grüngürtel an der Leine, so dass verhältnismäßig wenig Tote bei dem mittäglichen Angriff zu beklagen waren.“ In den Nachkriegsjahren will sich niemand so recht um die explosive Altlast kümmern – die Menschen haben andere Sorgen.

Von Matthias Heinzel


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