„Auf einem Ball jener Jahre“: die Tageblatt-Mitarbeiter Ulla Borchard und Detlef Johannson im Einsatz.
Wie hat sich die Stadt in den 1970er Jahren verändert?
Detlef Johannson: Göttingen wurde größer. Der erste große Eingemeindungsschritt war 1964 mit Geismar, Weende, Grone, Herberhausen. Alle anderen Ortsteile sind 73 dazugekommen. Das heißt, die Stadtfläche, die wir heute kennen, gibt es erst seit dieser Zeit. Das war für die Stadtentwicklung ganz wichtig. Auch die Fußgängerzone entstand in den 70er Jahren. Es gab große Projekte – wie Anfang des Jahrzehnts die Flächensanierungen in der Neustadt und am Leinekanal. Begleitet hat das ein sogenannter Sanierungsbeirat, eine der ersten Bürgerinitiativen. Der nächste Schritt waren Objektsanierungen wie in der Paulinerstraße und Johannisstraße, wo Häuser von Privatleuten saniert wurden. Hertie kam in den 70er Jahren. Dafür wurden eine ganze Reihe alter Häuser abgerissen. Da ging es dann los mit Hausbesetzungen und Demonstrationen.
Welche Bauwerke repräsentieren die 70er Jahre?
Johannson: Als ganz typisch für die Zeit ist das Neue Rathaus zu nennen, bezogen 1978. Die Stadtverwaltung wurde von mehr als 20 Standorten erstmals in einem Gebäude zusammengeführt. Gebaut wurde es im Anschluss an einen Architektenwettbewerb nach Plänen von Brütt und Matthies, beide ursprünglich aus der Landesbauverwaltung und in den 70er Jahren auch mit dem Bau des Klinikums beschäftigt.
Ulla Borchard: Ins Neue Rathaus sind wir ein Vierteljahr später nach unserem Weggang vom Tageblatt auch eingezogen. Am 1. Oktober 1978. Wir erlebten eine spektakuläre Einweihungsfeier mit Eisregen.
Alte Gebäude wurden abgerissen, damit neue gebaut werden konnten. Wie standen Sie als Journalisten zu den baulichen Veränderungen in der Stadt?
Borchard: Das war zeitbedingt. Aber den Abriss des Reitstalls im vorherigen Jahrzehnt bereute man bereits.
Johannson: Ursprünglich war diese Fläche ja einmal als Standort des Neuen Rathauses vorgesehen. Im Rückblick muss man wohl einräumen, dass damals Fehler gemacht worden sind. Keiner kann sich aber in die Situation der Menschen versetzen, die mit ihrem Wissen in den 60er und 70er Jahren die Entscheidungen getroffen haben. Weil man als kommunalpolitischer Redakteur mehr Wissen über Hintergründe und Motive besaß, konnte das Tageblatt all die Vorgänge und Planungen aber durchaus kritisch begleiten. Vor allem, nachdem Mitte der 70er Jahre der Verlag Madsack das GT übernommen hatte.
Borchard: Ich weiß noch, dass es ein großer Schock für uns war, als Hertie gebaut wurde. Da ging es auch gleich mit Protesten los. In der Redaktion waren alle richtig entsetzt. Auf den Plänen hatte die Fassade fast schön ausgesehen, wie auf der Einladungskarte, die ich aufgehoben habe. Und dann wurde es dieser fensterlose Block…
Johannson: Während der Zeit war eine Menge im Umbruch. Sie hat Lernprozesse ausgelöst, die bis heute nachwirken. So gab es etwa bis in die 70er Jahre hinein Pläne für eine sogenannte Osttangente, der Grundstücke im Ostviertel weichen sollten. Es entstand eine Bürgerinitiative, die „Notgemeinschaft Osttangente“. Zeitgleich mit dem Widerstand fand in Verwaltung und Politik ein Umdenken statt, dass nicht alles in der Stadt dem Autoverkehr weichen dürfe. Es gab zeitweise sogar Überlegungen, das Ostviertel zu untertunneln! Aber all diese Pläne sind dann ein für alle mal begraben worden – dank öffentlichen Widerstands und verkehrspolitischer Einsicht. Das war im übrigen eine der wesentlichen Veränderungen des Jahrzehnts: die Bereitschaft der Kommunalpolitik, sich zu öffnen. Die Honoratioren-Politik an einem kleinen Tisch im Ratskeller wurde verabschiedet.
Welche Rolle übernahm bei solchen Entwicklungen das Tageblatt?
Johannson: Wir haben verstärkt kommunalpolitisch berichtet und die Prozesse begleitet, dabei oft auch Druck gemacht.
Borchard: Wir gaben zum Beispiel die erste Gastarbeiter-Sonderveröffentlichung der Republik heraus. In vier Sprachen. Die schlechten Lebensbedingungen der Gastarbeiter waren eines der sozialpolitischen Themen des Jahrzehnts. Ich weiß nicht, in wie vielen ungeheizten Wohnungen ich damals gesessen habe. Ich erinnere mich, dass in Folge der Berichterstattung sogar ein Arzt seine Praxis schließen musste, der sich geweigert hatte, Ausländer zu behandeln. Eine kleine Geschichte am Rande: Gedruckt wurde in Bleisatz, und irgendwann fiel eines der Bleche herunter – mit einer in türkischer Sprache geschriebenen Geschichte. Das konnte keiner von uns wieder zusammensetzen.
Gibt es neben den mittlerweile erkannten Fehlern auch Errungenschaften der 70er Jahre?
Johannson: Ein zentral wichtiges Thema für die ganze Region war der ICE-Haltepunkt, die Trassenführung der Neubaustrecke über Göttingen. Da hat sich das Tageblatt ganz massiv eingeschaltet, in Ministerien und bei der Bahnverwaltung angerufen – und allen auf den Füßen gestanden.
Borchard: Wir haben Flugblätter verteilt, eine Woche lang.
Johannson: Es gab einen Leitartikel mit dem Tenor „Passt auf, dass ihr das nicht verpennt“, und dann hat sich sehr schnell eine Interessengemeinschaft gebildet, der sich die südniedersächsischen Städte, die Uni und andere angeschlossen haben. Die damaligen zwei Göttinger Landesminister, Klaus-Peter Bruns und Peter von Oertzen haben sich eingeschaltet. Das Ergebnis war letztlich erfreulich. Aber wenn das damals nicht geklappt hätte, dann wäre auf Jahrzehnte der Zug an Göttingen vorbeigefahren. Ohne Trasse hätte die Stadt ihre Rolle als Wissenschaftsstadt mit fünf Max-Planck-Instituten und drei Hochschulen sowie als Tagungsstandort nicht einnehmen können. Auch die Entwicklung im Westen des Bahnhofs hat mit dieser Super-Verkehrslage zu tun. Das ist eine Weichenstellung aus den 70ern, die auch noch in die Zukunft reichen wird.
Borchard: Wir wären abgehängt worden. Ich glaube, da haben wir gute Arbeit geleistet, um die Göttinger wachzurütteln.
Johannson: Eine weitere Errungenschaft des Jahrzehnts ist die Städtepartnerschaft mit Thorn. Das war die erste polnische Partnerschaft mit einer westdeutschen Stadt. Und die folgenden Städte haben sich sehr an unserem Vertrag orientiert. Die Partnerschaft war der kommunale Reflex auf den Warschauer Vertrag oder, wenn man das symbolisieren will, auf den Kniefall Willy Brandts.
Borchard: Die Aussöhnung mit Polen war Oberbürgermeister Arthur Levi sehr wichtig. 1972 gab es erste Kontakte. Und 1978 wurde die Rahmenvereinbarungen in Göttingen unterschrieben. Ich war gerade 14 Tage bei der Stadt, da kam die erste Delegation aus Thorn. Ich wusste überhaupt nicht, was ich machen sollte. Das waren ja auch nicht Polen von heute…
Johannson: …sondern Kader aus der Linie, knallhart. Aber wenn es heute Treffen der Partnerschaftsveteranen gibt, sind immer auch die dabei, die früher der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei angehörten und mit dem politischen Wechsel in Polen gar nichts am Hut hatten.
Welche Menschen waren prägend für das Jahrzehnt?
Borchard: Hier in der Stadt war das natürlich Arthur Levi (1973-1981 und 1986-1991 Göttinger SPD-Oberbürgermeister, Anm. d. Redaktion). Die Art des Umgangs im Rat und das soziale Gepräge hat Arthur Levi schon sehr mitbestimmt.
Johannson: Arthur Levi war das Gesicht Göttingens wie man es sich wünscht: mit einer Vielfalt von Kulturen und Religionen. Levi stand für soziale Gerechtigkeit, politische Verbindlichkeit, Suche nach Verständigung und Friedfertigkeit im Umgang miteinander. Oberbürgermeister wurde er ja eigentlich durch einen Zufall. Nominiert war ursprünglich die Sozialdemokratin Hannah Vogt, die aber als aus der Partei ausgetretene Liberale nicht die Zustimmung des Koalitionspartners FDP fand. Da wurde kurzerhand der Fraktionsvorsitzende der SPD, Levi, aus dem Hut gezaubert. Prägend für die Zeit war sicher auch noch der damalige Kulturdezernent, Konrad Schilling, der dann Mitte der 70er Jahre nach Duisburg wechselte. Der hatte schon Ende der 60er den Göttinger Kunstmarkt und Kunstkongress im Cheltenhampark und an der Stadthalle eingeführt.
Borchard: Das war schön. Wir sind da nächtelang umhergezogen. Und ich habe da meine erste Plastik gekauft.
Johannson: Dann gab es 1976 das erste Altstadtfest. Ich erinnere mich noch: Am Tag vorher war mein 25. Geburtstag.
Borchard: Am gleichen Tag wurde der Cheltenhampark getauft. Und ich hatte das verschlafen, weil wir deinen Geburtstag gefeiert hatten…
Gibt es weitere Schlaglichter aus den 70er Jahren?
Johannson: Die Glanzzeit – drei Jahre zweite Bundesliga-Nord mit Göttingen 05. Das Jahnstadion war noch in altem Zustand ohne Tribüne mit Holzbänken und Schiedsrichterturm und platzte mit bis zu 18 000 Zuschauern oft fast aus den Nähten. Es war außerdem eine Zeit, in der man noch den Stammtischgedanken pflegte. Abends ging‘s in die Stadt, und man wusste genau, wo man wen wohl treffen würde.
Borchard: Das gesellschaftliche Leben war viel stärker ausgeprägt. Wir gingen vom Tageblatt aus zu den Bällen. Es gab den Modeball und sogar einen Presseball.
Johannson: „Es geht ein Ruf wie Donnerhall, in Göttingen ist Presseball“ stand auf der Ballzeitung. Auch das Schützenfest hatte damals noch einen ganz anderen Stellenwert als heute. Früher wurde zehn Tage gefeiert. Heute ist das Schützenfest so klein, dass es an einem Wochenende auf einem Parkplatz stattfinden kann.
Borchard: Zum Schützenfrühstück musste man hingehen. Da war bis auf eine Stallwache auch die ganze Redaktion vertreten.
Warum haben sie das Tageblatt Ende der 70er Jahre verlassen?
Johannson: Ich hatte einfach Lust, als kommunalpolitischer Redakteur mal auf die andere Seite des Schreibtisches zu kommen. Dass daraus bislang 34 Jahre werden sollten, war damals noch nicht absehbar…
Borchard: Der neue Job reizte mich, vor allem, dass ich ihn selbst aufbauen konnte. Und wir beide wollten nicht mit der Redaktion an die Autobahn ziehen, weil wir fanden, dass eine Lokalredaktion in die Innenstadt gehört.
| Detlef Johannson | Ulla Borchard |
| Detlef Johannson, 60 Jahre alt, kam 1966 für ein Studium der Germanistik und Geschichte nach Göttingen. Nach einem Praktikum begann er seinen journalistischen Werdegang in der Tageblatt-Redaktion. Als er 1978 zur Stadt wechselte, um dort Öffentlichkeitsarbeit zu leisten, war er stellvertretender Lokalchef. | Ulla Borchard, 70 Jahre alt, volontierte von 1965 an beim Göttinger Tageblatt. Für fünf Jahre verließ sie die Redaktion und die Göttingen, bis sie 1972 als Redakteurin zurückkehrte. Als Borchard 1978 zur Stadt Göttingen wechselte, war sie Lokalchefin. Seit 2001 ist sie im Ruhestand. |