Hochzeit: Religiöse Gefühle spielen bei kirchlichen Trauungen immer noch eine Rolle.
Er hat selbst jahrelang als Gemeindepfarrer gearbeitet und zahlreiche Paare getraut. Doch für viele seiner Kollegen sei die kirchliche Trauung inzwischen eher zum ungeliebten Ritual geworden. Denn zuweilen empfänden Pfarrer die Gestaltung der Zeremonie durch die Brautleute als reine „Show“, sagt Merzyn. Doch ist das wirklich so? In seiner Doktorarbeit ist Merzyn dieser Frage nachgegangen. Er hat untersucht, welche Funktion das Ritual der Trauung für das Brautpaar hat, was sie motiviert, kirchlich zu heiraten und welche Eindrücke sie damit verbinden. In ausführlichen Interviews hat der Theologe getraute Paare im Großraum Hannover zu ihren Hochzeiten befragt, quer durch alle Alters-, Einkommens- und Berufsgruppen, auf dem Land und in der Stadt.
Ein wichtiges Ergebnis: Grund für die kirchliche Heirat sind oft tief empfundene religiöse Gefühle. „Die Beobachtung, dass die interviewten Paare auffallend häufig mit dem Erleben der kirchlichen Trauung religiöse Bedürfnisse verbinden, widerspricht der unter Pfarrern verbreiteten Ablehnung der kirchlichen Trauung als Show, bei der sie sich selbst zu Statisten verurteilt fühlen“, sagt Merzyn. Immer mehr Brautpaare wählen beispielsweise für den Einzug in die Kirche wieder die Variante der Brautübergabe – die Braut schreitet am Arm ihres Vaters zum Altar, wo der Bräutigam sie in Empfang nimmt. Viele Pfarrer denken, dass es dem Brautpaar dabei vor allem auf den großen Auftritt ankommt, berichtet der Theologe. Doch für die Eheleute steht oft etwas ganz anderes dahinter: Zum Beispiel wird die Übergabe der Braut als Loslösung von den eigenen Eltern verstanden. Natürlich spielen auch romantische Vorstellungen à la „Traumhochzeit“ eine Rolle bei der kirchlichen Heirat. Aber für die Paare, die Merzyn befragte, steht vor allem das Eheversprechen vor Gott und dem Partner im Vordergrund. Zwiespältig wird dagegen das Verhältnis zwischen standesamtlicher und kirchlicher Trauung beschrieben.
Zwar schildern die Paare die standesamtliche Trauung überwiegend als enttäuschend oder belanglos; die mit der Eheschließung verbundenen Rechte werden jedoch hoch geschätzt und waren oft der Auslöser für die Heirat. Für die Situation seiner Berufskollegen hat er dabei Verständnis. „Aufgrund immer knapper werdender Ressourcen stehen die Pfarrer heute sehr unter Zeitdruck“, sagt Merzyn. Bei 60 Minuten Vorgespräch könne man sich mit den Wünschen und Gefühlen der Paare nur eingeschränkt auseinandersetzen.
pug/fh