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Tischlermeister Walter Vogt

„Wir arbeiten beide mit spaltbarem Material“

Unter uns leben viele interessante Menschen. Walter Vogt ist einer von ihnen. Der Tischlermeister aus Angerstein hat manchen Auftrag für bekannte Menschen wie den Architekten Diez Brandi, den Chemiker Otto Hahn und den Künstler Josef Beuys ausgeführt.

In der Werkstatt: Tischlermeister Walter Vogt hat viele interessante Kunden kennengelernt.

© Hinzmann
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„Mein Großvater war Tischlermeister“, erzählt Vogt. Zwar habe er ihn nie kennen gelernt. Doch die Mutter habe immer viel von ihrem Vater erzählt. Vielleicht sei auf grund ihrer Schilderungen das Interesse an dem Handwerk übergesprungen.

Bei Engelke in der Göttinger Gotmarstraße ging Vogt ab 1950 in die Lehre. „Dass ich die Lehrstelle bekommen habe, war so ein gewaltiger Zufall.“ Ein Nachbar habe ihn dorthin vermittelt. „Mensch Junge, du musst eine vernünftige Lehre machen“, habe der angesichts der Basteleien des Buben früh zu ihm gesagt. Nachbars Bruder, damals stellvertretender Direktor der Göttinger Gewerbeschule, hatte bei Engelke gelernt. Er legte für den jungen Mann ein gutes Wort ein.

1953 bestand der 1935 in Nörten geborene Vogt bei der Göttinger Firma seine Gesellenprüfung. Den Meisterbrief erlangte er sechs Jahre später. Ladeneinrichtungen waren damals gefragt. Wie Wohnzimmer seien die Geschäfte in der Zeit des Wiederaufbaus ausgestattet worden. „Ich träume heute noch davon“, sagt Vogt, der gern von den alten Zeiten erzählt. Aus Mahagoni, Palisander, Nuss oder Kirschbaum seien die Möbel gefertigt worden. „Es konnte gar nicht edel genug sein.“ In Juweliergeschäften und Apotheken sei er damals im Einsatz gewesen. Detailgenau beschreibt der Tischler die Ladentheken der Juweliere mit ihren flachen Schubladen für die Ware.

Auch als die Göttinger Stadtkommandantur unter Leitung des Architekten Diez Brandi hergerichtet werden sollte, war der junge Tischler dabei. Knapp drei Monate sei er in der Villa gewesen und habe sie auf Vordermann gebracht. Sogar den Flügel habe er frisch poliert. Das Wissen dafür lernte er von einem Bekannten. Für gute Vorschläge sei Brandi immer offen gewesen. Als Erinnerung an die gute Zusammenarbeit bekam Vogt zwei Bilder von Diez Brandi. Heute hängen sie in seinem Wohnzimmer.

Eine kaputte Schublade war die erste Arbeit für Otto Hahn. Der Nobelpreisträger und Präsident der Max-Planck-Gesellschaft ließ den jungen Tischler rufen, weil seine Schreibtischschublade klemmte. Vogt brachte den Schaden wieder in Ordnung. „Schick mir mal den kleinen Vogt“, habe Hahn von da an angeordnet, wenn in seiner Wohnung etwas zu tun gewesen sei. Er habe den Hahns beim Umzug geholfen, Bilder aufgehängt, Möbel zusammengebaut. „Du siehst nichts, du hörst nichts und du sagst nichts, wenn du in einen Haushalt kommst“, hatte sein Chef ihn streng angewiesen. Nicht durchzuhalten bei Familie Hahn. „Junger Mann, das ist doch zu schwer“, habe die Frau des Hauses gerufen, wenn er einen Schrank alleine stemmen wollte. „Nun machen sie doch erstmal eine Pause“, habe sie ihn aufgefordert und ihm Kaffee, Keks und Schokolade hingestellt. Manchmal habe sich „der große Professor“ zu ihm gesetzt. „Junger Mann, wir arbeiten beide mit spaltbarem Material“, sei nach einer sehr anschaulichen Erklärung das Fazit des Professors auf Vogts Frage nach dem Wesen der Atomkraft gewesen.

Für den Künstler Josef Beuys fertigte Vogt Stempel und Keulen in limitierter Auflage. Beuys habe sie in seinen Werken verarbeitet. Die Rahmen für Geschenkkassetten produzierte der Tischler für den Schriftsteller Günter Grass und den Jazz-Musiker Günter Baby Sommer.

„Mein Leben hat viel gewonnen durch diese Menschen“, sagt Vogt zufrieden und ist überzeugt, dass das Leben es gut mit ihm gemeint hat: „Es sind alles Glücksfälle gewesen.“

Ute Lawrenz


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