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Teil 2: Endstation Buslinien 1 und 12

Entlang von Grone und Leine zum Spiel-Paradies

Von Ilse Stein

13 Buslinien kreuzen das Göttinger Stadtgebiet, eine fährt sogar von Rosdorf nach Bovenden. An den jeweiligen Endstationen beginnen die Spaziergänge unserer Sommerserie – zum Nachwandern geeignet, kleine Entdecker-Urlaube in der eigenen Stadt. Heute: vom Holtenser Berg zum Göttinger Bahnhof.

Blick von der Godehardbrücke: Verschönerungsarbeiten am Leineufer.

© Stein

Der Busfahrer grinst. Und ich komme mir reichlich blöd vor. Wohin mit den zwei Euro, die ich für meine Einzelfahrt zahlen soll? Er erklärt es mir: Einfach hier hinlegen. Busfahren in Göttingen gehört ganz erkennbar nicht zu meinem Alltagsgeschäft. Zur Entschuldigung: Journalisten sind auf Autos angewiesen, um zu ihren Terminen zu gelangen.

Doch kaum sitzen mein Begleiter und ich in der zweiten Reihe des Gelenkbusses der Linie 1, steigt Kollegin Tina F. ein. Eine 13-Jährige auf dem Sitz hinter uns wird uns die folgenden fünf Haltestellen unterhalten, ohne auch nur erkennbar Luft geholt zu haben („Meine Eltern sind so doof. Voll die 80er Jahre. Waren die nicht auch mal jung…? Und so weiter, und so weiter). Dennoch gelingt es Tina, mir zu bedeuten, dass sie zu einem Pressetermin in der Weststadt fährt. Was mich weniger interessiert. Ich will ja schließlich die Endstation erkunden. Europaallee heißt die letzte Haltestelle – und da stehen wir nun. Mitten im Wohngebiet. Ein weitaus schöneres übrigens, als der Blick von unten, also von der Innenstadt aus, vermuten lässt… Knapp 4000 Menschen leben hier in Häusern, für deren erstes der damalige Oberstadtdirektor Biederbeck 1967 den Spatenstich übernahm.

Heute nun, 44 Jahre später, will die Städtische Wohnungsbau, die hier oben mehr als 1000 Wohnungen betreut, interessierten Journalisten die größte Solaranlage der Stadt auf den Dächern hier oben zeigen. Deshalb gehen wir einfach rein ins Mieterbüro an der Europaallee. Die werden mir schon weiterhelfen, hoffe ich.

Doch außer mir scheint hier noch niemand auf die Idee gekommen zu sein, vom Holtenser Berg aus irgendwohin zu laufen. Selbst ist die Frau. Der Karte nach geht es bis ans Ende der Genfstraße, zu einem Kindergarten. Links davon steht ein Schild – Fußgängerweg. Zwei nette Damen wissen weiter: „Hinter dem Haus rechts und dann hinunter zum Wasser.“ Stimmt. Zwei Häuser weiter bereits geht ein schmaler Weg ziemlich steil (bei Regen mit größter Vorsicht zu genießen) den Berg hinunter.

Nach wenigen Metern sind wir im Leinetal. Genauer gesagt direkt an der Grone, die etwa hundert Meter links von uns in die Leine mündet. Wir gehen nach rechts, flussaufwärts. Ebene Strecke, ganz gemütlich. Die Grone plätschert, die Vögel zwitschern, und nur von Ferne ist der Lärm der Autos auf dem nahen Zubringer Göttingen-Nord zu hören, unter dem wir nach wenigen Minuten hindurchlaufen. Und die eindrucksvollen Graffiti auf den Brückensäulen bewundern. Ob wohl jeder Spaziergänger auch weiß, was das schön gesprayte Wort „Insubordination“ bedeutet? Ist halt ein wenig aus der Mode gekommen, dieser Begriff für (eher militärischen) Ungehorsam.

Weil wir hier auf dem Leine-Radfernweg sind, wie uns ein Schild beweist, erfahren wir auch gleich, dass es bis zum Göttinger Bahnhof drei Kilometer sind. Wären wir vorhin nach links abgebogen, wären wir in ebenfalls gut drei Kilometern in Bovenden angekommen. Dort hätten wir dann in eine andere Göttinger Buslinie einsteigen und zurückfahren können. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wir schlendern weiter, bewundern links die Faultürme der Göttinger Klärwerke, die ob ihrer Bemalung im Volksmund Asterix und Obelix genannt werden. Eine Brücke leitet uns über die Grone hinüber, am Tierheim vorbei auf die Straße „An der Hufe“. Hier nach rechts, und wir laufen ab sofort entlang der Leine. Sehen rechts die arg angegammelten Gebäude des Zollamtes und darauf wieder ein beeindruckendes Graffito samt Pfeil nach oben mit dem Hinweis: „Viedeokamer“. Für das „A“ hinten war wegen des falschen Buchstabens „E“ vorn halt kein Platz mehr.

Selten heute: Ein altes Straßenschild mit einer dampfenden Lokomotive. Wir stutzen, erkennen aber gleich darauf die Gleise der alten Göttinger Güterbahn. Ich notiere: Unbedingt recherchieren, ob sie noch hin und wieder fährt? Ich erinnere mich, dass ich neidvoll zurückblieb, als einige Kollegen vor 20 Jahren eine solche Fahrt erleben durften.

Wir überqueren den Hagenweg und wundern uns über die vielen Kinder vor uns. Was ist denn hier los? Bisher haben wir gerade mal fünf Fußgänger und drei Radfahrer gesehen. Mir dämmert es. Tatsächlich: Das ist der Termin der Kollegin Tina: Eröffnung der neu gestalteten Leineaue zwischen Hagenweg und Godehardstraße. Da möchte man noch mal Kind sein. Kollegin Tina winkt von Ferne und erklärt mir dann, es gebe auch etwas für die älteren Semester: Eine Bank mit einem Rad davorstehen, so dass man sitzend Fahrradfahren simulieren kann.

Was offensichtlich die drei Knaben vor mir ebenfalls schick finden. Noch schöner finden Sie es, dass ich sie fotografiere: „Noch ein Bild“, quengeln sie. Es stört sie nicht, dass sie dieses Bild weder sehen können noch irgendwann einmal ausdrucken. Hauptsache, jemand hat auf den Knopf gedrückt. Wir amüsieren uns noch gemeinsam mit dem Großvater, der seinen Enkel an den Drehkreisel hängt und schon jetzt bedauert, wie wohl in einigen Wochen die dämmende Masse aus Erde und Holzspänen darunter wohl aussehen wird. Derzeit aber ist es noch ein echtes Spielgeräte-Paradies – also auch ein empfehlenswertes Ziel für junge Familien.

Wenn wir jetzt nach rechts abbiegen würden, wären wir nach wenigen Minuten wieder an einer der Haltestellen der Linie 1 (Tulpenweg oder Asternweg). Könnten einsteigen und wieder bis in die City fahren. Wir entscheiden uns fürs Weitergehen und queren die Godehardstraße. Dort laufen wir nun links der Leine. Völlig neu ist für uns der Anblick: die verbreiterte Leineaue mit den gerade angepflanzten Bäumen. Hitzige Diskussion darüber, ob das nun so sinnvoll sei, ausgerechnet im Überschwemmungsgebiet… Die Diskussion kenne ich schon aus der Redaktion. Eine knappe Stunde nachdem wir am Kindergarten Holtenser Berg den Abstieg ins Tal begonnen haben, sind wir bereits hinter der Lokhalle angekommen. Wir gehen nach links, vorbei am roten Gebäude der Göttinger Volkshochschule und stehen – das Schild sagt es uns – auf dem Jochen-Brandi-Platz.

Während wir einen Aperitiv im Cine-Café nehmen. Bei einem anschließenden kleinen Imbiss beim Italiener im La Romantica, können wir nebenher noch zuschauen, wie rund 2500 Basketball-Fans Richtung Lokhalleneingang marschieren. Kaum zu erwarten, dass wir bei einem der nächsten Spaziergänge wieder so viele Menschen sehen werden.

In der nächsten Folge: Endstationen der Buslinie 9 – Rohns und Leineberg.

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