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Göttinger Zeitreise

1953: Fackelzug und Gegendemo


Zeitreise des Göttinger Tageblattes, Stadtarchivs und Städtischen Museums: Viele Menschen haben für die Geschichtswerkstatt Bilder und Filme eingereicht. So auch Martin Dreher. Fotos des promovierten Juristen erinnern an einen Universitätskonflikt.

Mit Kinderlaternen gegen Fackeln: Studenten protestieren gegen Korporierten-Aufzug.

© EF

In den 1950er Jahren galt es in Deutschland, Kriegsjahre und nationalsozialistische Herrschaft zu verarbeiten. „Öffentliche Anerkennung nationalsozialistischen Unrechts“, schreibt Ernst Böhme im Göttinger Jahrbuch 2005, wollte die Stadt Göttingen demonstrieren, als sie im Zuge der 1000-Jahr-Feier 1953 (25. Juni bis 12. Juli) den während des Nationalsozialismus vertriebenen Wissenschaftlern Max Born, James Franck und Richard Courant die Ehrenbürgerwürde verlieh.“

Beim Festumzug waren die in Verbindungen organisierten und farbentragenden „korporierten“ Studenten nicht vertreten. „Wir fühlten uns an den Rand gedrängt“, erinnert sich der damalige Verbindungsstudent Martin Dreher. Daraufhin sei beschlossen worden, am 8. Juli einen Fackelzug zu veranstalten. „Wie früher zu Ehren von Professoren.“ Dem entgegen stand eine mit der Universitätsleitung getroffene Vereinbarung, dass Farben außerhalb der Uni nur zu Anlässen wie Stiftungsfesten getragen werden dürfen. „Innerhalb der Georgia Augusta stellten die farbentragenden studentischen Verbindungen insofern ein Problem dar, als sie das Erbe der national-konservativ geprägten Universität der Weimarer Republik vertraten, deren fehlender Widerstand gegen die Nationalsozialisten eine entscheidende Voraussetzung für deren Erfolg gewesen war“, so Böhme.

Die Uni versuchte, über die Stadt ein Verbot des Fackelzuges zu erwirken, die Ordnungsbehörde erklärte, keine Handhabe zu besitzen. Rund 600 Farbentragende, darunter Jurastudent Dreher, marschierten los. Die unabhängige Studentenschaft bildete einen Gegenprotestzug, der im Verlauf des Tages von „Schlägern“ angegriffen wurde, während die Korporierten Zuspruch aus der Bevölkerung erhielten – laut Böhme Ausdruck einer nach wie vor vorhandenen nationalistischen Gesinnung.
Die Universitätsleitung verfügte Disziplinarmaßnahmen gegen die Korporationen. Die Studenten versuchten, einen Kompromiss auszuhandeln. „Wir wollten das ohne Gericht klären.“ Was jedoch misslang. Die Verbände klagten vor dem Verwaltungsgericht, berichtet Dreher. Und obsiegten: Die Richter hoben die Disziplinarmaßnahmen auf. Die Uni dürfe nur Vorschriften erlassen, die Forschung und Lehre beträfen – und dazu gehöre das Farbentragen in der Öffentlichkeit nun einmal nicht.

Von Katharina Klocke

Infos zur Zeitreise 

Filme oder Fotografien aus der Vergangenheit der Stadt Göttingen können per E-Mail an redaktion@goettinger-tageblatt geschickt werden. Material auf dem Postweg sollte an die Redaktion Göttinger Tageblatt, Stichwort „Zeitreise“, Dransfelder Straße 1, 37079 adressiert werden. Unter www.goettinger-zeitreise.de kann Material auch selbst eingestellt werden. Dort können viele Bilder bereits angesehen werden.

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