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Geschichtswerkstatt von Tageblatt, Städtischem Museum und Stadtarchiv

Göttinger Zeitreise: 50er-Jahre-Filme gesucht


Das Göttinger Tageblatt tritt eine Reise an – und hofft auf Leser-Hilfe. Ziel der Etappe ist die Stadt Göttingen in den 1950er Jahren. Gesucht werden für das Projekt „Zeitreise“, einer vom Stadtarchiv und vom Städtischen Museum Göttingen unterstützten Geschichtswerkstatt, alte Fotografien und vor allem Filmaufnahmen.

Großer Umzug in der Göttinger Innenstadt: die 1000-Jahr-Feier 1953.

© Städtisches Museum

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts lernten die Bilder laufen. Seit etwa 1900 wurden Kameras auch für Amateure entwickelt, 1936 für eine weitere Verbreitung vervollkommnet. Gab es seit dieser Zeit auch in der Stadt Göttingen Filmbegeisterte, die ihr Leben und ihre Umgebung auf Schmalfilm bannten? Am 10. November 1918 hisste ein Arbeiter während der Novemberrevolution auf dem Rathaus die rote Fahne. 1923 fand das erste Autorennen auf dem Hainberg statt. Schon vor der Machtergreifung 1933 fassten die Nationalsozialisten in Göttingen Fuß, und im April 1945 wurde die Stadt kampflos den Alliierten übergeben: Das sind nur einige Stationen der Stadtgeschichte, von denen es in Göttinger Familien, Firmen- und Kirchenarchiven Fotografien oder Filme geben könnte.

Auf rund 60 000 historische Fotos schätzt Wolfgang Barsky den Bildbestand des Städtischen Museums am Ritterplan. Eingelagert ist das Bildarchiv wegen der Sanierung maroder Gebäudeteile derzeit im Keller des Neuen Rathauses. Die Motive reichen bis ins Jahr 1855, „die ältesten Fotografien zeigen Ansichten des Weender Tors“, sagt Barsky. „Bewegte Bilder haben wir leider nur wenige“, ergänzt Ernst Böhme, Leiter des Museums sowie des Stadtarchivs. Die erhoffte Aufstockung des eigenen Bestandes durch digitalisierte Privatbilder und Filme, die Stadtgeschichte und Alltagsleben dokumentieren, ist einer der Gründe, warum er die „Zeitreise“ des Tageblattes unterstützt. Denn Chefredakteurin Ilse Stein glaubt, dass viele Film- und Fotoschätze, „vor allem aus den 30er bis 50er Jahren“ auf ihre Wiederentdeckung warten. Begründet ist Steins Optimismus durch Erfahrungen, die das Tageblatt während einiger zurückliegender Filmprojekte sammelte sowie durch Filme, die sie in eigenen Beständen fand: „Gartenstadt Göttingen“ von 1928 und „1000 Jahre Göttingen“ über den Festumzug von 1953.
Für die „Zeitreise“ wurde unter der Adresse www.goettinger-zeitreise.de ein Internetportal eingerichtet. Dort können Fotos und Zeitzeugenberichte eingestellt werden. Wer Bilder oder Filme per Post einsendet, erhält sie nach Digitalisierung – Kopieren und Aufbereitung für Datenverarbeitungssysteme – zurück. Einsendeschluss ist der 30. April.

Auf dem Internetportal können Sie Ihre Bilder einstellen und in den Fotografien anderer Benutzer stöbern. Wenn Sie selbst Teil der Zeitreise werden wollen, registrieren Sie sich dort. Nach der Anmeldung erscheint im Hauptmenü der Punkt „Neues Bild hinzufügen“. Folgen Sie den Bildschirmanweisungen und laden Sie Ihr Foto hoch, versehen es mit einer Beschreibung, einer thematischen Kategorie und dem Jahr der Entstehung. Dann werden Sie gebeten, sich mit der Veröffentlichung einverstanden zu erklären. Ist dies der Fall, erscheint das Bild (nach der Freigabe durch einen Administrator aus der Redaktion des Tageblattes) auf der Seite.

Aus vorhandenen und eingesandten Medien will das Tageblatt einen Film produzieren. „Wir setzen den Schwerpunkt zunächst auf die 50er Jahre“, berichtet Stein. Eine filmische Fortsetzung der Zeitreise in weiter zurückliegende oder spätere Zeitphasen sei geplant.
Fotos und Filme können Sie per Post an Redaktion Göttinger Tageblatt, Dransfelder Straße 1, 37079 Göttingen, oder per E-Mail an redaktion@goettinger-tageblatt.de schicken. Bitte vermerken Sie das Stichwort „Zeitreise“ auf dem Briefumschlag oder im Betreff der Mail.

Jahrzehnt der Kultur und des Wachstums 

Den Zweiten Weltkrieg hatte die Stadt Göttingen nahezu unversehrt überstanden. Zwischen 1939 und 1945 stieg die Zahl der Einwohner um mehr als 60 Prozent an: von 50 000 auf 80 000 Menschen. Im Krieg kamen Wehrmachtsangehörige, Evakuierte, Zwangsarbeiter und erste Ostflüchtlinge, nach Kriegsende Zwangsumgesiedelte und Heimatvertriebene in die südniedersächsische Metropole.

Neue Siedlungen entstanden: auf dem Hagenberg, dem Lohberg, an der Goßlerstraße. In den 1950er Jahren wurden 6738 Wohnungen gebaut – beinahe ebenso viele wie in den acht Jahrzehnten zuvor (8778). Der Wohnraum wurde dennoch knapp: Die Stadt bemühte sich um Eingemeindung von Nachbardörfern, was jedoch erst Mitte der 1960er Jahre gelang. In der Innenstadt eröffneten neue Kaufhäuser. Die Zahl der Autos stieg. Noch konnten sie durch alle Straßen der heute autofreien Innenstadt fahren.

Nach 1945 entwickelte sich Göttingen aufgrund der zum Wintersemester wieder eröffneten Universität schnell zum Sammelplatz für Menschen aus akademischen und künstlerischen Berufen. 1952 gehörte die Stadt mit 4240 Einwohnern je Quadratkilometer zu den dichtestbesiedelten der Bundesrepublik.

Durch die Ansiedlung der Filmaufbau wurde Göttingen zudem zur Filmstadt: In den 1950er Jahren entstanden in Südniedersachsen mehr als 100 Spielfilme, darunter Streifen wie „Liebe 47“, „Das Haus in Montevideo“ und „Witwer mit fünf Töchtern“. Das in „Deutsches Theater zu Göttingen“ umbenannte Stadttheater erwarb zwischen 1950 und 1965 unter Intendant Heinz Hilpert nationales Renommee.


Im Sommer 1953 wurde die 1000-jährige Wiederkehr der urkundlichen Ersterwähnung des Ortes Gutingi groß gefeiert. Am 28. Juni gab es einen großen Festakt im Alten Rathaus, in dessen Verlauf ehemals in Göttingen wirkenden und von den Nationalsozialisten vertriebenen Wissenschaftlern – Max Born, James Franck, Richard Courant und Hermann Nohl – die Ehrenbürgerwürde verliehen wurde.

1957 wandten sich die „Göttinger Achtzehn“ – vornehmlich Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft, darunter auch Born – mit einem Appell gegen die atomare Aufrüstung der Bundesrepublik. Tausende Bürger unterstützten diese Forderung durch ihre Unterschrift oder Teilnahme an Demonstrationszügen.

Auch die größte städtische Grünanlage entstand in den 50er Jahren. Erste Pläne für eine Freizeitnutzung der jenseits des Stadtrandes gelegenen Kiesgruben wurden bereits um 1925 diskutiert. 1957 fasste der Rat den politischen Entschluss, das Projekt Kiessee anzugehen. Bis 1959 wurde das Vorhaben in die Tat umgesetzt.

Von Katharina Klocke

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