1960: In der Neujahrsnacht einen Silvestergruß an Freunde und Bekannte zu senden, ist nicht nur 2011 in Zeiten überlasteter Handy-Netze ein Problem. 1960 machten die Telefonleitungen schlapp: „In Erwartung eines noch stärkeren Betriebes in der Silvesternacht bittet das Fernmeldeamt seine Teilnehmer schon jetzt, die Gespräche rechtzeitig anzumelden und Verständnis dafür zu zeigen, wenn es auch in der Silvesternacht zu Verzögerungen in der Herstellung der Verbindungen kommen sollte“, heißt in einer Tageblattmeldung.
1961: „Stacheldraht bei uns, Mauer in Berlin …“ Mit einer Zeichnung von Max Kieselbach macht das Tageblatt die Silvesterausgabe in diesem Jahr auf – dem Jahr des Mauerbaus. Der ehemalige Bundespräsident Theodor Heuss wirbt für eine „bessere Zukunft“. Bundeskanzler Adenauer ist der festen Überzeugung, dass es im neuen Jahr „keinen Krieg in Europa“ geben wird. Im Lokalteil nehmen Vertreter aus Politik, Verwaltung, Universität und Wirtschaft in einer Umfrage Stellung zu den Auswirkungen von Europäischer Wirtschaftsgemeinschaft und Nato auf Göttingen.
1962: Mit einer „Neujahrsbotschaft von den Göttinger Türmen“ verabschiedet das Göttinger Tageblatt das alte Jahr und begrüßt den „Knaben 1963“. Einige der 30 Göttingen Glocken der 15 Kirchen werden vorgestellt. Ebenso wie die Silvesterbräuche anderer Länder. Studenten etwa aus Japan, Norwegen oder Griechenland geben Einblicke in ihre Kultur. Sie erzählen, dass in Frankreich „alles erlaubt ist“, in Japan das Haus geputzt wird oder die Griechen das neue Jahr mit Kartenspielen locken.
1963: Mit Neujahrsinterviews bereitet das Tageblatt seine Leser auf das kommende Jahr vor und konfrontiert Göttinger Persönlichkeiten mit ihrem Jahreshoroskop. Etwa Fritz Rebell, dem „Herberger der Göttinger Fußball-Amateur-Oberligamannschaft 05“, der seinerseits seine Wünsche für 1964 formulierte: „Weiterhin ein gutes Abschneiden der ersten – natürlich auch anderen Mannschaften – das Erreichen der Aufstiegsspiele, einen allen Anforderungen entsprechenden neuen Sportplatz mit Clubheim und dem notwendigen Inventarium wie Dusch-, Wasch- und Umkleideanlagen.“ Weniger erfreulich ist die Meldung, dass Göttingen bei fehlenden Wohnungen den Spitzenplatz in Niedersachsen einnimmt.
1964: Zum Jahreswechsel warnen Meteorologen vor Glatteis im ganzen Bundesgebiet. „Ob’s ein guter Rutsch wird, hängt von den Autofahrern ab“, titelt das Tageblatt. Bei den Wünschen für das neue Jahr steht bei den Göttinger Gesundheit an erster Stelle. Materieller Gewinn sei ihnen nicht wichtig, geben viele im Interview an. Eine Meldung ist für das Göttinger Feiervolk nicht ganz unwichtig: „Die Sperrstunde für Gaststättenbetriebe in der Silvesternacht auf den Neujahrstag ist aufgehoben.“
1965: „Freund Alkohol entsagen? Erhöhung der Spirituosensteuer treibt Göttinger zum Horten. Eichhörnchen-Vorrat an Schnaps.“ Es sind keine guten Nachrichten, die das Tageblatt zu Silvester bereit hält. Mit dem Jahreswechsel kündigt sich eine deutliche Erhöhung der Spirituosensteuer an. „Die bundesdeutschen Trinker haben also allen Grund verbittert zu sein.“ Für die Vorschau auf das kommende Jahr bemüht die Redaktion den Astrologen Bruno F. Jaddatz. Er sieht unter anderem für 1966 eine Rattenplage für Göttinger vorher. Schuld sei Jupiter. Wie in den Jahren zuvor gehört ein Bericht des Oberstadtdirektors Erich Biederbeck und eine Rückblende für das zu Ende gehende Jahr zur GT-Silvesterausgabe.
1966: Das Jahr verabschiedet sich mit einem „Rekordregen“. „Der Dezember wird als der regenreichste Monat seit mehr als 100 Jahren in die Geschichte der Meteorologen eingehen“, heißt es im Tageblattaufmacher der Silvesterausgabe. In Göttingen steigt der Pegel der Leine auf 1,80 Meter an, der Sandweg ist gesperrt. Aber es ist zu mild. Im Lokalteil darf die CDU auf zwei Seiten über ihre Sicht auf das Jahr 1967 schildern. Sie habe sich „freundlicherweise dazu bereiterklärt“. Zum Jahresende gelingt zwei 16-Jährigen unversehrt die Flucht aus der „sowjetisch besetzten Zone“ auf „südniedersächsisches Gebiet“.
1967: Ein Mord in Barcelona beschäftigt auch die Göttinger. Der Bariton Ernst Alexander Lorenz war eine Woche zuvor mit schweren Hiebverletzungen in Spanien aufgefunden worden und gestorben. Die Polizei geht von einem Raubmord aus, nur eine Tube Augensalbe sei bei ihm gefunden worden. Lorenz war zwischen 1944 und 1950 in Göttingen am Theater. Seine gut 100 Auftritte als Professor Hinzelmann im „Weißen Rößl“ seien unvergessen. Zum Reithalle äußert sich Oberstadtdirektor Biederbeck in seinem Jahresrückblick positiv: Dieses Gebäude solle nicht voreilig abgerissen und möglichst erhalten werden. 1968 verlässt er die Stadt.
1968: Es ist ein Jahreswechsel in Weiß. Zu Silvester hat es kräftig geschneit: „Die einen zog’s in den Hainberg, die anderen in den Harz mit seinen Skihängen und Idiotenwiesen“, heißt dazu in einer Meldung im Tageblatt-Lokalteil. Für das neue Jahr plant die Göttinger Ski-Zunft den ersten Ski-Volkslauf. Die kalte Witterung hat auch der Wirt des Restaurants Hainholzhof-Kehr genutzt: Er hat den Freiluft-Grill in eine Schneebar verwandelt – mit Grog und eisgekühltem Schnaps für die einkehrenden Winterwanderer.
1969: Zum Ende des Jahrzehnts grassiert die Grippe. In Deutschland und in Südniedersachsen. Arzneivorräte dagegen seien „beängstigend zusammengeschmolzen“. Ein Engpass bei den Klinikbetten wird befürchtet. Wer sich in dem strengen Winter noch nicht angesteckt hat, kann den Silvesterabend beim Silvesterball im Bojana in der Jüdenstraße feiern – „eine Striptease-Parodie mit dem bekannten Parodisten Ernesto May inklusive“.
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