Göttingen. Direktor war Norbert Berstl, „ein ideal veranlagter Künstler, zugleich begabt mit dem Talent für die praktischen Dinge des Theaters, für Organisation und Verwaltung“, schreibt Norbert Baensch, von 1963 bis 1999 Chefdramaturg des Deutschen Theaters, in einer Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Bühne.
16 Jahre lang leitete Berstl das Stadttheater. Er stellte sich den Herausforderungen des aufstrebenden Naturalismus und spielte Gerhart Hauptmann, Hermann Sudermann und Max Halbe sowie viele Klassiker. Er verpflichtete Stars im Ensemble und als Gäste: Zu den in Göttingen auftretenden Schauspielern gehörten Josef Kainz, Eduard von Winterstein und Sarah Bernhardt. Als Berstl 1906 aufhörte, folgte ihm Willy Martini nach und versuchte, den vorherigen Standard zu halten. Während des Ersten Weltkrieges legte er jedoch nach langen finanziellen Durststrecken die Direktion nieder. Während des Zweiten Weltkriegs war auch das Stadttheater, 1943 umbenannt in „Theater der Stadt Göttingen“, gleichgeschaltet: Gespielt wurden Lustspiele und Schwänke sowie klassische Werke. Wegen Verschärfung der Kriegslage schloss die Bühne im September 1944.
Die erste Vorstellung nach dem Zweiten Weltkrieg war im August 1945 auf Drängen der britischen Besatzer „Figaros Hochzeit“. Intendant Fritz Lehmann plagten Geldsorgen. 1949 versuchte die Stadt, zusätzliche Einnahmen zu erzielen, indem sie die ein Jahr zuvor angegliederte Bühne der Kammerspiele in der Hospitalstraße abendweise als Lichtspielhaus verpachtete. 1950 kündigte Lehmann seinen Vertrag.
Mit der Maßgabe, nur noch Schauspiel anzubieten, startete in der Spielzeit 1950/51 ein neuer Intendant: Heinz Hilpert (1890-1967), laut Baensch einer der besten Theaterleute Deutschlands. Hilpert reizte Göttingen wegen der „geistigen Tradition und erwartungsvollen Jugend“ sowie der Universität und der Verbindung zur ortsansässigen Filmaufbau-GmbH, die bei ihren Produktionen namhafte Schauspieler einsetzte.
Mit Hilpert wurde Göttingen als Theaterstadt und Kulturzentrum bekannt. „Die internationale Presse kam nach Göttingen, um Hilperts Theater zu sehen“, erinnert sich Baensch. Auf der Bühne standen hochqualifizierte Schauspieler, „und Hilpert war ein wunderbarerer Pädagoge.“ Für Göttinger Verhältnisse beinahe zu progressiv: Als er erstmals die „Mutter Courage“ von Brecht spielte, musste der Intendant sich bei einer Versammlung im Audi-Max verteidigen. „Ein Aufschrei ging durch die Stadt, aber bei uns Studenten kam das großartig an.“
Baensch selbst war 1954 als Student und „Theaterbesessener“ in die Universitätsstadt gekommen. Er studierte Geschichte, Theaterwissenschaften, Musikgeschichte und arbeitete als Statist beim Deutschen Theater, um so viel wie möglich über die Schauspielerei zu lernen. Nach Abschluss des Studiums und der Schauspielprüfung sowie einer Zwischenstation als Chefdramaturg in Trier holte ihn Hilpert 1963 nach Göttingen. Baensch beschreibt den Intendanten im Rückblick als „Bewahrer und Deuter, einen der meinte, durch die Schauspielkunst das Publikum in eine höhere Ebene ziehen zu können“. Die 1960er Jahre am Deutschen Theater waren aus Sicht des ehemaligen Chefdramaturgen „eine sehr lebendige Zeit für das kulturelle Leben“. Vielleicht auch, weil dem menschenbezogenen Hilpert 1966 Günther Fleckenstein nachfolgte – im Gepäck andere Autoren und „eine ganz andere Spielart“.
Fleckenstein gilt Baensch als Verfechter eines „gedankenklaren Theaters“, das in sozialen und politischen Zusammenhängen pädagogische Aufgaben übernehmen und zum politischen Wandel beitragen sollte. Er suchte die aktuellen wichtigen Themen unter anderem in der Antike. Gleich in der ersten Spielzeit 1966/67 etwa wurde in Göttingen „Der Frieden“ von Aristophanes aufgeführt. „Die Friedenssehnsucht der Zeit war für uns eine wichtige Phase“, erzählt Baensch. An die von Fleckenstein vermittelte Stärke des Theaters glaubt Baensch, mittlerweile 77 Jahre alt, noch heute: „Theater bekommt bei vielen Themen mehr Aufmerksamkeit als etwa ein Essay.“
Goettinger-Tageblatt.de Anmeldung