Ein voller Terminkalender scheint für uns ein Ausweis dafür zu sein, dazu zu gehören, mitten im Leben zu stehen. Zeit wird so bestens eingeteilt, voll ausgeschöpft.
Die andere Erfahrung ist, dass uns die Zeit durch die Finger rinnt. ,,Wo ist die Zeit geblieben?“ – ,,Ich weiß gar nicht, wie ich das alles noch schaffen soll!“, sagen viele. ,,Mir fehlt die Zeit zum Durchatmen!“
Wir kennen Menschen, die von Unruhe getrieben werden, weil ihnen auf spezielle Weise – man kann sagen – gute Lebenszeit wirklich genommen wird. Zum Beispiel denen, die kurzfristig zur Verfügung stehen müssen, manchmal innerhalb weniger Stunden, um ihren (Mini-)Job auszuüben. Aber man soll ja dankbar sein, dass man überhaupt Arbeit hat. Weil man sich ja ansonsten langweilen könnte. Oder depressiv wird. Weil man ihnen doch diese Zeit zum Arbeiten ,,schenkt“, damit sie ein bisschen besser über die Runden kommen!
Zeit regiert uns also nicht nur im positiven Sinne: Ich gehöre dazu, mein Leben ist ausgefüllt. Sie kann auch verhindern, dass wir Fülle erleben, uns etwas aufbauen können. Vielleicht ein Leben zusammen mit Menschen, die uns etwas bedeuten.
Oft fehlt uns die gesunde Distanz und die Ruhe, auf unser Leben zu blicken, weil wir getrieben werden von dem, was die Zeit vorgibt, von dem, was uns manchmal sehr krass vor die Füße geworfen wird. Weil uns die Zeit zum Nachdenken und zum kritischen Einmischen nicht ,,geschenkt“ wird.
Jesus würde wohl sagen, wenn er hier auf der Erde wäre: Lebt bewusster, lebt zusammen im guten Sinne in den Tag hinein. Teilt gute, frohe Zeit! Betrachtet euer Leben mit euren Gaben – eure Zeit! – als ein Geschenk. Dann erlebt ihr sie nicht wie einen Kalender, von dem die Blätter für jeden Tag abgerissen werden müssen. Ihr erfahrt: Ihr seid nicht nur auf Zeit hin angelegt! Es kann sogar passieren, dass ihr die Zeit vergesst. Weil ihr wirklich zufrieden seid und im Hier und Jetzt zu leben beginnt.
Sigrid Harms, Pastorin der Christusgemeinde Göttingen
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