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Kontroverse Themen

Gentechnik und Gerechtigkeit

Von Jörn Barke

Ein kontroverses gesellschaftspolitisches Thema hat der evangelisch-lutherische Kirchenkreis Göttingen in diesem Jahr beim Johannisempfang auf die Agenda gesetzt. Henning von der Ohe vom Einbecker Saatgut-Konzern KWS sprach zum Thema „Säen und ernten in Zeiten von Hunger und Überfluss“.

„Goldener Reis“, Klimawandel, Kleinbauern: Beim gut besuchten Johannisempfang geht es um komplexe Probleme.

© Pförtner

Da das Unternehmen im Bereich der Gentechnik aktiv ist, hatten Gegner der Technologie im Vorfeld moniert, die Kirche wolle dem Konzern unkritisch eine Propaganda-Plattform bieten.

Von der Ohe ging in seinem Vortrag zuerst aber gar nicht auf das Thema Gentechnik ein. Er schilderte vielmehr die immensen Probleme, vor denen die Landwirtschaft weltweit im 21. Jahrhundert steht. Rund eine Milliarde Menschen weltweit hungern. Das sei „ein unerträglicher Skandal“ – zumal rein rechnerisch genügend Nahrung pro Mensch zur Verfügung stehe. Bis 2050 werde allerdings ein Bevölkerungswachstum von 6,5 auf 9,2 Milliarden Menschen erwartet – bei einer gleichbleibenden weltweiten Anbaufläche. Hinzu komme, dass die Erderwärmung zu einer Verschiebung der Klimazonen führen werde. Göttingen werde dann klimatisch in Südspanien oder sogar Nordafrika liegen. Zugleich steige der globale Wasserbedarf jedes Jahr – und ein Großteil des Wassers werde für die Landwirtschaft benötigt. Die Landwirtschaft müsse also noch einmal ihre Produktivität erheblich steigern, obwohl dies schon in den vergangenen Jahrzehnten durch gezieltere Bewässerung und Düngung und besseren Maschineneinsatz geschehen sei.

Hier führte von der Ohe allerdings die Gentechnik als Mittel zur Lösung der Probleme ein, die er als Weiterentwicklung der klassischen Pflanzenzüchtung beschrieb. Mit Hilfe der Gentechnik könnten Pflanzen geschaffen werden, die toleranter gegen Hitzestress sein könnten, die bei Überschwemmungen länger überleben könnten und die widerstandsfähiger gegen Insekten seien. Seit 15 Jahren würden gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut, und es gebe nicht einen wissenschaftlichen Beleg, dass Menschen oder Tiere zu Schaden gekommen seien, sagte von der Ohe im Hinblick auf das Gegenargument, die Risiken der Gentechnik seien nicht abschätzbar. In Indien würden jedes Jahr 70 000 Kinder an Vitamin-A-Mangel sterben, so von der Ohe. Mit dem sogenannten goldenen Reis gebe es ein gentechnisch verändertes Produkt, das im Gegensatz zum herkömmlichen Reis Vitamin A enthalte. Ein Schwarzweiß-Denken helfe bei der Lösung wichtiger Zukunftsprobleme nicht weiter.

Gentechnik-Gegner hatten während von der Ohes Vortrag teilweise Protestschilder in der Kirche hochgehalten und verteilten am Ende des Empfangs kritische Prospekte. Der Kirchenkreis hatte jedoch auch – ein Novum – Eberhard Prunzel-Ulrich als Vertreter der Bürgerinitiative gentechnikfreies Südniedersachsen ein kurzes Grußwort als Gegenrede eingeräumt. Prunzel-Ulrich konnte dabei nicht detailliert Gegenargumente vorbringen, warf aber in Schlaglichtern eine Reihe wichtiger Fragen auf.

Eine ist die nach der Patentierung von Saatgut und Lebensmitteln und den Folgen von großflächiger Intensivlandwirtschaft durch multinationale Konzerne. Diese verdrängten in Ländern wie Indien oder Brasilien Kleinbauern „mit der Folge, dass sich die Zahl der Hungernden erhöht statt verringert“. Kleinbauern und Ökolandbau würden den Hunger in der Welt besiegen, sagte Prunzel-Ulrich mit Verweis auf den von einigen hundert Wissenschaftlern erstellten Weltagrarbericht. Und: „Das Patent auf Leben hält eine höhere Instanz als wir Menschen es sind.“

Die Synode der hannoverschen Landeskirche hat erst im Juni den Anbau von gentechnisch verändertem Material auf Kirchenland mehrheitlich abgelehnt. Darauf wies auch der Göttinger Superintendent Friedrich Selter hin. Trotzdem müsse Kirche auch dialogisch sein. Eine kontroverse Debatte um die Gentechnik soll nun noch im Rahmen eine Veranstaltung der Evangelischen Stadtakademie geführt werden. Die Bewahrung der Schöpfung und der Unterschied zwischen himmlischen und irdischen Schätzen – das waren auch die Themen beim Gottesdienst, der dem Empfang vorschaltet war. Auch die Grußwort-Redner aus Politik und Religion bezogen sich in ihren Beiträgen darauf.

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  • Der Aufstieg der Gentechnologie nützt vor allem den Saatgutkonzernen Simone Ott – 08.07.10
    Es ist wirklich unglaublich, wie nun auch die Kirche der agrogentechnischen Lobby Vorschub leistet. Zum Thema Welternährung speziell im Fall "Golden Rice" verweise ich auf einen gentechnik-kritischen Artikel des Professors für Ernährung in Entwicklungsländern, M. Krawinkel, der Universität Gießen. Er ist außerdem Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung:

    http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/vom-goldenen-reiskorn/

    "Der Aufstieg der Gentechnologie nützt vor allem den Saatgutkonzernen"

    Ein Argument, das in keiner Gentechnikdebatte fehlt, ist der Hinweis auf den Nutzen der Gentechnik für die Welternährung. Mit Agrogentechnik könne Saatgut entwickelt werden, das den Hunger in der Welt besiege, weil die Ernteerträge steigen, Nährstoffe in der Pflanze angereichert würden und diese resistent gegen Schädlinge, Trockenheit und salzhaltige Böden werde.

    Was die gentechnische Veränderung von Baumwolle und Soja damit zu tun hat, erschließt sich nur über den Umweg erhöhter Einkommen für die Farmer. Der kürzlich erschienene Bericht des Büros für Technikfolgenabschätzung des Bundestags formuliert es so: "Seriöse wissenschaftliche Übersichtsstudien verweisen auf das grundsätzliche Problem, dass der tatsächliche bzw. mögliche Nutzen und Gewinn aus der Verwendung transgenen Saatguts in vielfacher Weise durch regionale und betriebliche Faktoren beeinflusst wird […]." Das bedeutet: Neben den erwünschten Eigenschaften der gentechnisch veränderten Sorten gibt es ein erhebliches Risiko mangelhafter Anpassung der Pflanzen an Böden, Klima und Schädlinge der Entwicklungsländer. Nicht nur die möglichen, sondern auch die bereits eingetretenen Ernteausfälle, die den wirtschaftlichen Ruin und das Zusammenbrechen der Nahrungssicherheit der Bauern zur Folge haben, stehen im krassen Gegensatz zur versprochenen Verbesserung. Man denke nur daran, dass zahlreiche indische Bauern im Jahr 2007 Selbstmord verübten, weil sie ihre Kredite für das Saatgut von der Firma Monsanto nicht zurückzahlen konnten.

    Zudem muss man sich fragen, welchen Anreiz es für Bauern in Entwicklungsländern überhaupt gibt, ihre landwirtschaftliche Produktion - mit welcher Technologie auch immer - zu steigern, wenn gleichzeitig auf den ihnen zugänglichen Märkten die Überschüsse der hoch subventionierten Landwirtschaft aus der nördlichen Hemisphäre verramscht werden. Die unselige Politik des Freihandels, die es sogenannten Entwicklungsländern verbietet, zum Schutz ihrer eigenen Bauern ordentliche Zölle auf Agrarimporte zu erheben, und gleichzeitig Agrarsubventionen hier erlaubt, verdirbt dort die Preise ohne Ende.

    Aber zurück zur Agrogentechnik. Als Beispiel für eine gelungene gentechnische Veränderung von Nahrungspflanzen wird immer wieder der "Golden Rice" genannt. Ich setze ihn in Gänsefüßchen, weil es sich bei dem Namen um einen bislang unbegründeten Euphemismus handelt. Die Entwicklung dieser Reissorte war eine züchtungstechnische Großtat gentechnischer Veränderung von Pflanzen; sie ist biotechnologisch beeindruckend und respektabel. Im Jahr 2000 war zwar zunächst so wenig Betakarotin, eine Vorstufe des Vitamin A, in den Körnern, dass nachgebessert werden musste, aber dann gab es den "Golden Rice 2", in dem 23-mal so viel Betakarotin vorhanden ist und in dem auf das Antibiotika-Resistenz-Gen verzichtet wurde. So weit, so gut.

    Der Beweis fehlt

    Der Erfinder behauptete nun öffentlich, dass Gentechnikkritiker aus Europa die Verantwortung für Todesfälle und die Erblindung von Millionen Kindern in aller Welt zu tragen hätten. Eine These, die wissenschaftlich durch nichts belegt ist. Allerdings wurden seit 2004 und 2005 Humanstudien durchgeführt und teilweise abgeschlossen. Diese sollten nachweisen, wie gut der Körper das im "Golden Rice" vorhandene Betakarotin nutzen kann. Aber Ergebnisse zur sogenannten Bioverfügbarkeit wurden nie veröffentlicht. Selbst die Projektwebsite (www.goldenrice.org) verweist nicht auf eine entsprechende wissenschaftliche Publikation und berichtet bisher nur über die "erfolgreiche" Durchführung eines "human feeding trial" - ohne konkrete Ergebnisse zu nennen. Nun haben dreißig Wissenschaftler der Bostoner Tufts University kürzlich dagegen protestiert, dass bei diesen Studien gegen den Nürnberger Ethikcode als grundlegende Regel guter wissenschaftlicher Praxis verstoßen wurde: Kinder einer Grundschule in China wurden als Studienobjekte eingesetzt. Auf Druck der Regierung musste der Versuch abgebrochen werden.

    Leidige Methodenverliebtheit

    Auch im Bereich der Biomedizin regt sich Kritik am "Golden Rice"-Konzept der Vitamin-A-Versorgung. Im Dezember 2008 wies Dave Schubert vom bekannten Salk Institute in La Jolla, Kalifornien, darauf hin, dass neuartige biologisch aktive Pflanzeninhaltsstoffe wie das Betakarotin im Reis völlig unerwartete und unerwünschte Stoffwechseleffekte auslösen können. Ein Teil des Betakarotins wird nämlich in Retinsäure umgewandelt, die als Regulator für Zellwachstum und -differenzierung wirkt. Völlig gefahrlos erscheint dagegen die Bekämpfung des Vitamin-A-Mangels durch eine vielfältige Ernährung, etwa den Verzehr von betakarotinhaltigen Pflanzen und Früchten sowie tierischen Nahrungsmitteln - das ist nachhaltig, fördert die lokale Landwirtschaft und hat auch nicht nur einen Nährstoff, sondern eine insgesamt gesundheitsfördernde Ernährung im Blick.

    Schließlich muss man sich fragen, wo wir endlich anfangen wollen, den Hunger in der Welt effektiv zu bekämpfen. Wenn wir nicht methodenverliebt und mit dem vorrangigen Ziel der Förderung der Agrochemie- und Saatgutkonzerne an das Problem herangehen, geht es um Produktionssteigerung und -sicherung kleinbäuerlicher Landwirtschaft in den Entwicklungsländern selbst. Die steigende Zahl von Menschen, die in Nahrungsunsicherheit leben, zeigt, dass die bisherigen Ansätze dort komplett versagen. Verbesserung lokalen Saatguts, Verminderung der Verluste, die nach der Ernte entstehen, Verzicht auf subventionierte Agrarexporte und Förderung ländlicher Entwicklung sind echte Ansatzpunkte.

    Das klingt nicht nach Innovation, aber es ist zielführend - was man von dem Missbrauch des Arguments, Grüne Gentechnik leiste einen Beitrag zur Hungerbekämpfung, nicht sagen kann. Dessen Protagonisten leisten der Entwicklung Vorschub, dass die Saatgut- und Agrochemiekonzerne des Nordens die Märkte hier und im Süden erobern und die dortige kleinbäuerliche Landwirtschaft verdrängen.
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  • Die Rolle der Kirche Anarch – 06.07.10
    Nun, wenn die Kirche nach eigenem Anspruch dialogisch sein soll, hat sie genau hier versagt.
    Dem ausgewiesenen Gentechnik-Profiteur fast die ganze Veranstaltung zu überlassen ist keine neutrale Position.
    Historisch ist diese Positionierung natürlich konsequent: eine Kirche, die den Mächtigen näher steht als denjenigen, die von den mächtigen zertreten werden.
    Amen
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