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Unter Uns

Kamal Sido kämpft für die Rechte der Kurden

Unter uns leben viele interessante Menschen. Heute erzählt der Dolmetscher und Menschenrechtsaktivist Kamal Sido seine Geschichte. Der in Syrien geborene Kurde ist seit April 2006 Göttinger und Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker.

Erinnert sich noch genau an seinen ersten Schultag in Syrien: der Kurde Kamal Sido.

© Heller

Kamal Sido erinnert sich noch lebhaft an seinen ersten Schultag in Syrien. Der Lehrer fragte ihn etwas. Sido verstand es nicht und antwortete auf gut Glück: „Ich habe ein Heft.“ Der Lehrer fragte noch einmal. Sido sagte: „Einen Stift habe ich auch.“ Die älteren Mitschüler lachten. Sie riefen ihm zu: „Er will wissen, wie du heißt.“

„Ich konnte nur Kurdisch, der Lehrer nur Arabisch“, erinnert sich Sido. So lernte er in der ersten Klasse nicht nur lesen und schreiben, sondern gleich seine erste Fremdsprache. „Das Regime in Syrien unterdrückt alles Kurdische, wenn auch nicht so extrem wie das System in der Türkei“, erläutert Sido.

Die Ungerechtigkeit politisierte den Jugendlichen. Ärger mit dem Staat drohte. Freunde rieten dem 19-Jährigen, ins Ausland zu gehen. Der bekam ein Stipendium für die Sowjetunion. Mit diesem Staat war Syrien verbündet. Von 1980 bis 1986 studierte Sido in Moskau Geschichte. In der Bibliothek entdeckte er zu seiner Überraschung Regale voll mit Büchern auf Kurdisch. In den sowjetischen Republiken im Kaukasus und in Zentralasien lebten damals 150000 Landsleute.

Kurdische Dialekte

Sido erarbeitete sich die Grammatik seiner Muttersprache. Er studierte den in Syrien und der Türkei verbreiteten Dialekt Kurmanci, aber auch Zaza, das in der Türkei im Tunceli-Gebiet gesprochen wird, sowie Sorani, das die Kurden im Irak verwenden.

Mit seiner Begeisterung für alles Kurdische erregte er das Misstrauen irakischer Kommunisten, die ebenfalls in Moskau lebten. Einige von ihnen stritten ab, dass es Kurdistan, das Land der Kurden, gibt. Sido vertiefte sich in die Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels. Er war außer sich vor Freude, als er bei Marx das Wort Kurdistan fand. Dieser Autorität mussten sich auch irakische Kommunisten beugen.

Orientalische Frage

Sidos Abschlussarbeit handelte von Rußland und den Kurden zwischen 1853 und 1917. 1989 promovierte er mit einer Arbeit über Rußland und die orientalische Frage in der Historiografie der Länder des Nahen und Mittleren Ostens. Parallel dazu unterrichtete er an der Universität in Moskau Arabisch und arbeitete in der Glasnost- und Perestroika-Epoche für sowjetische Zeitungen und Zeitschriften als Übersetzer.

Nach Abschluss seiner Studien musste er das Land verlassen. Nach Syrien konnte er nicht zurück. Damals erlaubte der exzentrische Diktator Muammar al-Gaddafi allen Arabern die visafreie Einreise nach Libyen, erinnert sich Sido. Der Historiker reiste 1989 nach Nordafrika. Dort bemühte er sich um ein Visa für Schweden, bekam aber nur eines für Polen. Im Februar 1990 traf er in Frankfurt auf dem Flughafen ein. Weil er kein Flugzeug fand, das über Schweden nach Polen flog, stellte er in Deutschland einen Antrag auf Asyl. Später holte er seine Frau und seinen Sohn nach.

„Weil ich als Asylbewerber nicht arbeiten durfte, verbrachte ich den ganzen Tag in der Universitätsbibliothek von Marburg, wo ich damals lebte“, berichtet Sido. Er brachte sich Deutsch im Selbststudium bei. Als Übungstexte dienten ihm in der Bibliothek ausliegende Zeitungen, neben der bürgerlichen Presse das kommunistische Blatt „Unsere Zeit“ und die rechtsextreme „Nationalzeitung“. So war er gut vorbereitet auf Gespräche mit dem Hausmeister des Asylantenheims, einem Republikaner. Der war so beindruckt von Sido, dass er ihn sogar zu sich nach Hause einlud.

Gleichzeitig unterrichtete der polyglotte Historiker Kurdisch. Er bekam Lehraufträge an den Universitäten Gießen, Marburg und Essen. An den Kursen nahmen neben Deutschen auch Kurden teil, die wie Sido in der Schule nie muttersprachlichen Unterricht gehabt hatten. Der Wissenschaftler verfasste einen kurdischen Sprachführer auf Deutsch. 1996 wurde sein Asylantrag bewilligt. Er bekam sofort eine Stelle bei der Volkshochschule. Seit 2001 arbeitete er als Übersetzer. „Ich bin der erste staatlich examinierte Dolmetscher für Kurmanci in Deutschland“, sagt Sido.

Der Historiker engagierte sich politisch. Er trat der FDP bei, weil diese anders als SPD und Grüne den Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein unterstützte. Von 2002 bis 2006 gehörte er dem Marburger Kreisvorstand der FDP an. Von 2001 bis 2006 war er Vorsitzender des Ausländerbeirats. 2006 zog er nach Göttingen. Als Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker unterstützte Sido die Gründung einer Sektion der Gesellschaft in Irakisch-Kurdistan. Sein Traum ist es, dass Kinder in seiner Heimat am ersten Schultag vom Lehrer in ihrer Muttersprache nach ihrem Namen gefragt werden.

Von Michael Caspar

Folge vom 15. April 2008

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