"Hallo, junge Frau!“ Edwin Schwaja steht hinter seiner Theke, in der Mandeln, kandierte Früchte, Zuckerwatte und allerlei mehr Naschereien wohl sortiert bereit liegen. Mit einer silbernen Schaufel reicht er der nicht mehr ganz jungen Frau eine kandierte Walnuss über den Tresen – zum Probieren.
Müsste man sich einen Zuckerbäcker vorstellen, man könnte sich Edwin Schwaja ausmalen. Gemütlich, fröhlich, freundlich. Mit seinem roten Pulli und seinem grauen Bart sieht er auch noch fast so aus, wie der Weihnachtsmann persönlich. Schwajas Geschichte beginnt vor 44 Jahren mit einem Sack Mandeln und einem Sack Zucker. Da sagte sein Vater zu ihm: „Ab heute bist du selbstständig.“ Und, daran kann sich Schwaja noch genau erinnern, am ersten Juliwochenende 1967 stand er auf dem Schützenfest in Höxter und verkaufte gebrannte Mandeln.
Seitdem hat sich sein Sortiment freilich erweitert. Schon bald kam die Schokofrucht hinzu. „Die haben wir hier in Göttingen erfunden“, verkündet der Mandelbäcker stolz. Mit Bäckerin Ruch senior wurden Weintrauben ins Schokoladenbad getaucht. Es folgten Ananas, Banane, Apfel und Erdbeere – „eigentlich alles, was man sich vorstellen kann“. Irgendwann war es ihm auch zu langweilig nur Mandeln zu brenen. Weil Schwaja so gern Sonnenblumenkernbrötchen isst, werden auch die kandiert – und siehe da: Wegen der gebrannten Sonnenblumenkerne kommen viele Stammkunden.
In den Sommermonaten tingelt Schwaja mit seinem Mandelwagen über die Schützenfeste in Deutschland, bis in den hohen Norden und nach Koblenz und Bad Ems. Im Advent steht er auf dem Göttinger Weihnachtsmarkt, „seit 14 Jahren gegenüber von Tschibo“, ruft er seinen Kunden zu, damit sie ihn wiederfinden. Von der Adventszeit bekommt Schwaja nicht viel mit: „Ich weiß, dass Advent mit ‚A‘ anfängt. Leider, leider, leider…“
Inzwischen arbeitet der „dienstältester Mandelbrenner“, wie sich Schwaja bezeichnet, in Altersteilzeit. 70 Jahre alt ist Schwaja gerade geworden. „Früher durfte ich zwei Tage zu Hause bleiben, heute sind es schon drei Tage in der Woche“, sagt er und lacht herzlich. „Auf meine Heike und mein Team kann ich mich verlassen.“ Heike, das ist seine Frau. Und mit seiner Heike geht es nach den stressigen Wintertagen geht es im April, wenn alles aufgeräumt ist, in den Urlaub. „Meine Heike und ich haben vor 22 Jahre aufgehört zu rauchen“, berichtet Schwaja. Von dem gesparten Geld geht es dann zum Beispiel auf Kreuzfahrt, weil Schwaja eher „der maritime Typ“ ist – samt Mitgliedschaft in Marinekameradschaft und Shantychor. Aber auch nach Santiago de Compostella ist der Seebär schon mal gepilgert. „Jedenfalls die 500 Meter vom Bus bis zur Kirche“, spricht’s und lacht die junge Frau an. „Noch eine gefüllte Feige?“
Von Lukas Breitenbach
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