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Unter Uns

Von Kaiser Wilhelm bis Kanzler Schröder

Unter uns leben viele interessante Menschen. In der heutigen Folge der GT-Serie geht es um Lieselotte Calliebe, geboren am 22. September 1905: Zeugin eines Jahrhunderts, die zehn Jahre lang im „Göttinger Zeitzeugenprojekt“ mitgearbeitet hat.

Zeugin eines Jahrhunderts: Lieselotte Calliebe im Erzählcafé am Goldgraben 14.

© EF

Haben Sie das gewusst mit den Juden?“ Schüler der Jahn-Schule bestürmen die weißhaarige Dame, die vor ihnen sitzt, mit Fragen nach der Nazizeit. „Nein“, antwortet sie, „zunächst nicht. Als mir auf dem Bahnhof in Berlin eine Frau vom Mord an Juden im KZ in Riga erzählte, war ich entsetzt. Ich wollte das erst nicht glauben.“

1996 kam Lieselotte Calliebe in Kontakt mit dem „Göttinger Zeitzeugenprojekt“ im Verein Freie Altenarbeit – erst als Zuhörerin, bald aber schon selbst aktiv im „Erzählcafé“ im Goldgraben 14, einem „Ort des öffentlichen Erinnerns“, wie es die Leiterin und Koordinatorin Regina Meyer beschreibt.

Und Lieselotte Calliebe hat viel zu erzählen. Was sie in den vergangenen zehn Jahren ausgesprochen gern tat: „Ich habe gelernt, öffentlich über mich zu sprechen“, resümierte sie ihre Zeitzeugenprojekt-Erfahrungen. Aufgewachsen zur Kaiserzeit in einem konservativen Elternhaus – der Vater kolonial und kaisertreu mit leicht antisemitischem Einschlag, wie sie den Schülern heute erzählt – dann die Jahre des Ersten Weltkriegs, der Revolution in Deutschland: Die Jugendzeit bis zum Lyzeumsabschluss war geprägt von Wirren und Not. Nach der Schulzeit ließ sie sich entgegen den Wünschen ihrer Eltern zur Heilgymnastin ausbilden, einem damals völlig neuen Beruf aus Skandinavien.

Zu Beginn der Nazizeit, das gibt sie freimütig zu, hat sie sich nur wenig um Politik gekümmert. Da lag ihr das private Glück näher am Herzen: Heirat im April 1933, Geburt dreier Töchter in den Jahren 1934, 1935 und 1943. Die Familie wohnte in Berlin, wurde 1943 in Richtung Osten evakuiert, musste Schlimmes erleben.

Dem Leben zugewandt

Nach Göttingen kam Lieselotte Calliebe 1968, wo sie das von ihren Eltern erbaute Haus im Nikolausberger Weg bezog. 1975 starb ihr Ehemann. Doch zog sie sich nicht aus dem Leben zurück, im Gegenteil: Selten konnte man einen derart interessierten, körperlich wie geistig beweglichen alten Menschen erleben. Sie beherbergte Gäste aus dem Max-Planck-Institut für Geschichte, dem Goethe-Institut oder auswärtige Gäste der Händel-Festspiele. Regelmäßig ging sie in Konzerte und Kunstausstellungen, war als Mitglied in der Deutsch-Polnischen Gesellschaft aktiv, besuchte Gottesdienste in der Corvinuskirche, unternahm viele Reisen, bewirtschaftete Haus und Garten und hielt sich fit mit regelmäßiger Morgengymnastik. Dass der Fahrplanwechsel der Göttinger Verkehrsbetriebe ihr den Kirchenbesuch erschwerte, hat sie heftig erbost. Aber wenn kein Bus fuhr, ging sie eben zu Fuß – mit festem, jugendlichem Schritt.

Seit Ende Juli ist ihr das nicht mehr möglich. Knapp zwei Monate vor ihrem 100. Geburtstag hat sie einen Schlaganfall erlitten, ist pflegebedürftig und ins Heim übergesiedelt. „Es geht mir mäßig“, sagt sie mit leichtem Lächeln. Sie klagt nicht, sondern stellt nur bedauernd fest: „Ich kann jetzt nicht mehr so viel lesen, weil ich so früh müde werde.“

Von Michael Schäfer

Folge vom 22. September 2005

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