Grone. Oh nein. Die erste Hürde – nach dem beflissentlichen Ignorieren des Riesenspinnenplakates am Eingang – lauert an der Kasse. In einer offenen Kiste sitzt ein Monster von Spinne. Zum Glück wirkt es beim Näherkommen ziemlich tot, beim Noch-mehr-nähern noch toter. Es ist die Haut einer Riesenspinne und Auslöser einer ersten Gänsehaut-Welle. Nur Mut, hinein in die Ausstellung, aber erst einmal vorsichtig um die Ecke gucken. Terrarien mit rund 100 Tieren sind aufgebaut, Kinder umringen sie ohne Scheu. Na also, es muss doch gehen. Die Gänsehaut kriecht den Nacken schneller hoch als ich in Richtung Terrarien.
Hinter Glas sitzen Psalmopeus, Pamphobeteus und Co. – allesamt handtellergroße Vogelspinnen und mehr oder weniger dicht behaart. Dazu einige Skorpione und Schrecken. Jedes Tier wird ausführlich beschrieben. Erklärungen wie „ist leicht aggressiv und bombardiert“ oder „springt bis zu zehn Zentimeter weit“ bringen den spärlich aufkeimenden Mut wenig voran. Dennoch: Die in ihren Behausungen behäbig herumlungernden Geschöpfe werden von Terrarium zu Terrarium weniger furchteinflößend. Sogar ein bisschen sympathisch, aber nur ein ganz kleines bisschen.
Aber dann: In der Mitte des Raums steht Sidney Sperlich. Das, was der junge Mann in der Hand hält , wohnt gerade nicht hinter sicherem Glas. Es lebt, krabbelt frei herum und erfüllt alle Kriterien für einen kräftigen Phobie-Schub. Keine Pause für die Gänsehaut.
Kinder lassen sich begeistert mit den haarigen Achtbeinern auf der Hand fotografieren, eine Mutter teilt hingegen mein Problem. Wegen einer dicken Spinne wochenlang die Garage nicht zu betreten, das kennt sie auch.
Menschen diese irrationale Panik zu nehmen, dass ist eine Herzensangelegenheit von Charlie Sperlich. Er ist der Herr der Riesenspinnen und Sidneys Vater. Charlie Sperlich bekam seine erste Vogelspinne von seinem Vater geschenkt, die Spinne namens „Dicke“ wurde 30 Jahre alt und war der Start der Sperlichschen Sammlung. „Zu Beginn stellte ich die Tiere in Kindergärten und Schulen vor“, sagt Sperlich. „Es sind doch wunderschöne Tiere.“ Damit hat er ja Recht. Aber selbst wenn man weiß, dass Spinnen nicht gefährlich, nützliche und faszinierende Tiere sind: Das interessiert die Panik nicht. Sperlich erklärt, dass Spinnen doch nur vor den Menschen weglaufen, es keinen Grund für Angst gebe. „Man muss nah ran gehen, um zu erkennen, wie schön sie sind.“
Wie nah ist nah? Ganz hübsch ist sie ja, die dreifarbige Vogelspinne auf Sidneys Arm, und so ruhig. Keine hektischen Bewegungen, die sonst schnell spitze Schreie provozieren. Mehr Gänsehaut geht nicht, kneifen gilt nicht. Aber nur auf den Ärmel des dicken Winterparkas soll der Ausflug der Riesenspinne führen. Sidney setzt das Tier ab, es bleibt völlig unbeeindruckt sitzen, mein Puls rast. „So, und jetzt auf die Hand“, sagt der Herr der Spinnen. Erst mal an der Jeans abtrocknen, die nasse Flosse, allen Mut zusammen nehmen und die Hand ausstrecken. Die Spinne möchte aber nicht zu mir. Braves Tier. „Sie spürt den schnellen Puls“, sagt Sperlich. Schließlich entschließen sich erst zwei, dann vier, dann acht behaarte Beine doch noch überzusetzen. Wow. Ich habe eine Tarantel auf der Hand. Ganz leicht und unglaublich flauschig fühlt sie sich an. Flauschiger als ein Steiftier. Und bestimmt viel flauschiger als eine südniedersächsische Kellerspinne.
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