Es ist kein Wunder, dass der jüdische Friedhof in der Nähe eines solchen Ortes liegt. Denn solche verfemten oder unwirtlichen Orte wurden den jüdischen Gemeinden früher im Zuge der allgemein üblichen Diskriminierung zugeteilt, wie Harald Jüttner von der heutigen Jüdischen Gemeinde berichtet. In Adelebsen musste die jüdische Gemeinde ihre Toten etwa in einem Steilhang begraben.
Der jüdische Friedhof in Göttingen ist mehr als 300 Jahre alt. Er wurde laut Jüttner vermutlich in der Mitte des 17. Jahrhunderts angelegt. Das älteste Grab stammt aus dem Jahr 1701. Ein jüdischer Friedhof sei ein „Haus für die Ewigkeit“, die Gräber würden niemals eingeebnet, so Jüttner. Traditionell sind die Gräber in Richtung Jerusalem ausgerichtet, in die Richtung, in die nach jüdischem Glauben einst die Auferstehung der Toten erfolgen soll. Das jüdische Totengebet sei ein Lobpreis Gottes, erklärt Jüttner. Auf dem Göttinger Friedhof weisen allerdings nur ältere Gräber Richtung Jerusalem, die späteren sind an die Topographie des Geländes angepasst und liegen weitgehend parallel zur Kasseler Landstraße.
Die Grab- und Gedenksteine auf dem Friedhof erzählen von der wechselvollen Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland. So gibt es für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten einen Gedenkstein von der Ortsgruppe Göttingen im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Eine preußische Pickelhaube auf einem Grabstein zeugt davon, dass es damals auch deutsch-national eingestellte Juden gab.
Wenige Jahrzehnte später zählte das alles nicht mehr, als der nationalsozialistische Vernichtungsfeldzug gegen das Judentum begann. Ein nach der NS-Zeit aufgestellter Gedenkstein erinnert zunächst noch eher zurückhaltend an den Holocaust: „Zum Andenken an die Mitglieder unserer Gemeinde, die in einer Zeit ihr Leben lassen mussten, in der die Liebe und die Achtung vor den Menschen gestorben waren.“ Deutlicher wird auf einem neueren Grabstein an die Verbrechen der Nationalsozialisten erinnert. Dort wird der Familienmitglieder gedacht, „die in den Jahren 1942-44 durch die Nazis umgebracht wurden“.
Der Friedhof wurde durch glückliche Umstände während der Nazi-Barbarei nicht zerstört. Doch bis in die Gegenwart hinein ist er immer wieder Schändungen ausgesetzt. Im Jahr 2000 wurden mehrere Dutzend Grabsteine mit Hakenkreuzen beschmiert und antisemitische Parolen aufgesprüht.
Die jüdische Gemeinde in Göttingen war durch die Vernichtungsaktion der Nazis allerdings so geschwächt, dass sie Anfang der siebziger Jahre nicht mehr weiterexistieren konnte. Mitte der neunziger Jahre konnte sie durch den Zuzug von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion wiederbelebt werden. Seitdem wird auch der Friedhof wieder belegt – von beiden jüdischen Gemeinden, die sich mittlerweile in Göttingen gebildet haben. Bedingt durch die Zuwanderer finden sich auf dem Friedhof mittlerweile nicht nur Inschriften auf Hebräisch und Deutsch, sondern auch in kyrillischen Schriftzeichen zu sehen.
Etwa 500 Grabstellen gibt es heute auf dem Friedhof. Darunter befindet sich nur ein einziges Mausoleum – dort liegt ein Kaufmann begraben, der ausgerechnet Deutschmann heißt. Ein besonderes Grab ist auch das eines britischen Kriegsgefangenen aus dem Ersten Weltkrieg. Der „Rifleman“ starb am 16. Oktober 1916 im Alter von 21 Jahren, „deeply mourned by his sorrowing mother, sisters, brothers and family“, wie es auf dem Grabstein steht. Dieser werde regelmäßig von der britischen Kriegsgräberfürsorge auf seinen ordnungsgemäßen Zustand begutachtet, so Jüttner. Auch der 2007 gestorbene ehemalige Göttinger Oberbürgermeister Artur Levi ist hier begraben. Der Friedhof werde durch eine Gärtnerei gepflegt, so Jüttner.
Auch in Geismar gab es einst einen jüdischen Friedhof. Er wurde 1937 beseitigt. Heute erinnern an ihn nur noch zwei Gedenksteine. Die Geschichte des jüdischen Friedhofs an der Kasseler Landstraße geht dagegen weiter.
| Führungen | Geschichte |
| Es finden regelmäßig Führungen über den Friedhof statt. Die nächste ist Sonntag, 8. Mai, mit Prof. Berndt Schaller. Treffpunkt ist die Gerichtslinde an der Straße An der Gerichtslinde. Männer werden gebeten, eine Kopfbedeckung mitzubringen. | Informationen zur Geschichte der jüdischen Gemeinden in der Region gibt es im historischen Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, das im Göttinger Wallstein-Verlag erschienen ist (2 Bände, 1678 Seiten, 59 Euro). |
Von Jörn Barke
Goettinger-Tageblatt.de Anmeldung
6
Kommentare
Religion und Staatsbürgerschaft Ungläubiger – 18.04.11
Ich habe den Witz nicht so ganz verstanden. Was soll komisch daran sein, dass ein Deutscher den Namen "Deutschmann" hat? So selten ist dieser Name nicht.
Oder will der Artikelschreiber sagen, dass ein echter Deutscher unbedingt evangelisch oder katholisch sein muss?
Eine eigenartige Verwechslung von Staatsbürgerschaft und Konfession. Die vielen Ungläubigen, die es in Deutschland gibt, müssen demnach wohl alle ausgebürgert werden?
Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
Religiösität nicht Nationalität Wolf – 18.04.11
Warum schreiben Sie "der ausgerechnet Deutschmann heißt"? Noch heute wird die Nationalität mit der Religiosität häufig gleichgesetzt bzw verwechselt. Da sind ist eine solche - vermeintliche Ironie - wenig hilfreich. Auf diesen Kommentar antworten Kommentar meldenKommentar schreiben
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet sein!