Am schnellsten ist der hohe Ton des Dreiklangs, die tiefen Töne haben ein langsameres Tempo. Wer sonntags zehn vor zehn vor der Göttinger Johanniskirche steht, kann sehr schön die eigentümliche Harmonie dieses Dreiklangs wahrnehmen, zugleich die rhythmische Freiheit, in der die Schlagtöne aufeinander folgen.
Die Töne des Dreiklangs (B-Dur) stammen von den drei großen Glocken der Kirche. Den tiefsten liefert die 1828 von Glockengießermeister Siegmund Andreas Lange in Hildesheim gegossene Glocke, der dazu das Metall einer geborstenen Glocke aus dem Jahre 1348 mitverwendete. Finanziert wurde sie, wie eine Inschrift verrät, durch eine „Hauscollecte bey saemmtlichen verehrlichen Einwohnern“. Die Glocke hat einen Durchmesser von 180 Zentimetern und wiegt etwa dreieinhalb Tonnen.
1942 wurde diese Glocke beschlagnahmt und für etwaigen kriegsbedingten Metallbedarf nach Hamburg gebracht, wo sie ihr Schicksal mit vielen anderen Kolleginnen auf dem sogenannten Glockenfriedhof teilte. Doch konnte sie 1947 wieder an ihren angestammten Platz zurückkehren, ohne eingeschmolzen worden zu sein.
118 Zentimeter Umfang hat die Glocke, die den höchsten Ton des Dreiklangs, ein f, liefert. Sie ist der Benjamin im Dreiklang: Gegossen wurde sie 1958 von der hessischen Glockengießerei Rincker. Sie wiegt eine knappe Tonne (genau 981 Kilogramm) und trägt als Inschrift das Jesuswort „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ aus dem 24. Kapitel des Matthäusevangeliums. Gewidmet ist die Glocke „unseren im 2. Weltkrieg gefallenen, vermissten und umgekommenen Gliedern + Die Johannisgemeinde von 1958“.
Komplettiert wird der Dreiklang durch die Terz, den Ton d. Die Glocke, die diesen Ton liefert, ist die älteste erhaltene der Johanniskirche, gegossen 1616 von den lothringischen Wander-Glockengießern Thomas Simon und Francoy Breutel. Ihre Inschrift beginnt: „Anno 1616 den 2 Augusti bin ich durch Gottes Gnad durchs Fewer geflossen.“ Sie hat einen Durchmesser von 143 Zentimetern und wiegt etwa 1600 Kilogramm.
Der früheste Bau von St. Johannis, so hat es Franz Lübeck im 16. Jahrhundert in einer Chronik erwähnt, begann 1119, ein romanischer Bau. Sie soll wohl ebenso breit, aber kürzer als die spätere gotische Kirche gewesen sein, die von 1300 bis 1347 gebaut wurde. Die Türme stammen aus dem 15. Jahrhundert, die Turmhauben von 1661/62. Eine wesentlich spätere Ergänzung ist das Chorgewölbe mit seinen beiden Pfeilern, errichtet 1895 bis 1897. St. Johannis ist die Hauptkirche der Stadt Göttingen, darauf beruht auch der Name ihres Chores, der Göttinger Stadtkantorei.
In der kommenden Woche: die Glocken von St. Jacobi.
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Kommentare
St. Johannis Glocken Ingrid Fetkoeter, Kingston, NY, USA – 03.08.10
Vielen, vielen Dank für den Glockenklang aus meiner Jugend, den ich jetzt hier in NY mithören kann. Auf diesen Kommentar antworten Kommentar meldenGlocken aus der Region Andreas Maria Förster – 03.08.10
Ein tolle Idee eine Serie über Glocken der Regionden Lesern des Göttinger Tageblattes anzubieten.
Vielleicht könnten die weiteren Berichte bei der Beschreibung der Glocken ein paar Aspekt noch
aufgreifen:
(Rippe, Höhe, Klöppelgewicht, auf jeden Fall
das Gussmaterial, in der Regel Bronze und die
Schlagtöne bitte komplettieren, z. B. F(1) D(1) B(0). Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
Mein Hund häult beim Geläut PM – 02.08.10
Unser Hund (ein Sibirian Husky) hat die tolle Angewohnheit beim Geläut der Glocken von St. Johannis leidenschaftlich zu heulen wie ein Wolf, nur aufgeregter.Das Interessante dabei ist, dass er seine Glocken von St. Johannis zu kennen scheint. Denn er reagiert kaum auf andere Glockentöne wenn wir mal unterwegs sind!
Man kann ihn übrigens auch hier auf Youtube beim heulen finden ;)
http://www.youtube.com/watch?v=jBLcm_qAUp8 Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
Glocken aus der Region Friedrich Selter – 02.08.10
Die Glocken einer Region hörbar zu machen, ist eine originelle Idee. Denn ihr Läuten prägt einen Ort auf ganz unverwechselbare Weise, hat doch jedes Geläut seinen eigenen Klang. So geben Kirchenglocken uns ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit. Als ich einmal mit einer gewissen Sehnsucht an das Zuhause meiner Jugendzeit gedacht habe, kam mir der Gedanke, zur Läutezeit das Pfarrbüro jener Kirche anzurufen. Ich bat die Gemeindesekretärin, den Hörer für drei Minuten ins geöffnete Fenster zu legen, damit ich den Glocken lauschen konnte. Sicher war das ein ungewöhnlicher Wunsch, den sie mir aber gerne erfüllte. Mir kamen unwillkürlich ganz viele Erinnerungen und Gefühle aus vergangenen Zeiten wieder, ich fühlte mich wirklich an den Ort meiner Jugend versetzt. So wird es vielen gehen, die jetzt beim Hören der Podcasts überrascht feststellen, wie viele andere Sinneseindrücke und Gefühle das Hören der Glocken abruft. Gut, dass es sie gibt. Ich finde auch die Idee gut, die Arbeit während des Glockengeläuts für kurze Zeit zu unterbrechen um dem Raum zu geben, was einen gerade innerlich beschäftigt – oder einfach zu beten.Im Übrigen sind die geschichtlichen Erläuterungen von Herrn Schäfer wirklich hervorragend. Danke!
Anmerkung der Redaktion: Autorenname wurde nach Hinweis des Kommentarverfassers ausgetauscht. Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
Faszinierend Mr. Spock – 02.08.10
Ein sehr schöner Bericht.Gerne mehr davon!
Dass den Glocken einst die Schmelze drohte, wusste ich sogar noch nicht ;)
Danke. Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
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