Es war schrecklich, das Eingesperrtsein. So etwas will ich nie wieder erleben.“ Wenn Anna Steinkamp (Name geändert) diese Worte sagt, ist ihr die Angst von damals noch anzumerken. Damals, das war die Zeit, als die inzwischen 48-Jährige krank wurde. „Ich hatte eine Psychose, wurde zwangseingewiesen“, erklärt Steinkamp, was sie mit eingesperrt sein meint.
Lange lief alles gut in Steinkamps Leben. Sie hatte Arbeit, einen Mann, zwei Kinder. Die Familie fühlte sich wohl. Dann häuften sich die Probleme. Steinkamp vermutete, ihr Mann habe eine andere. An einem Heiligabend kam es zum Bruch des Paares.
„Da begann mein Leben auf der Überholspur“, benennt Steinkamp, was folgte. Trotz ihrer Arbeit als Kassiererin und der zwei Kinder zu Hause machte sie Party, versuchte, das Leben zu genießen. Steinkamp schlief kaum noch. Auf „Action, Action, Action“ folgte 1999 ein Nervenzusammenbruch, die Psychose. „Plötzlich waren da Krankenwagen und Polizei“ – so viel weiß sie noch von ihrer Zwangseinweisung.
Erinnerungen an die erste Zeit in stationärer Behandlung hat sie nicht: „Da fehlen mir zehn Tage von meinem Leben.“ Steinkamp bekam Medikamente, wurde wieder entlassen. Doch weitere stationäre Aufenthalte folgten. „Ich bin mit der Zeit immer tiefer gefallen“, sagt Steinkamp. Ihre Kinder kamen beim Ex-Mann unter, sie selbst lebt seitdem mehr schlecht als recht von einer Erwerbsunfähigkeitsrente. Nur langsam rappelte sie sich wieder auf.
„Seit 2005 merke ich nichts mehr von der Krankheit“, ist Steinkamp heute froh, dass sie endlich die richtigen Medikamente bekommt. Dafür nimmt sie auch die Nebenwirkungen in Kauf: 40 Kilo hat sie zugenommen. „Ich musste meinen ganzen Kleiderschrank neu auffüllen“, berichtet sie. Für neue Anschaffungen ist das Geld jedoch knapp. Von der Rente bezahlt sie alles selbst. 30-Quadratmeter-Wohnung, Nebenkosten, GEZ-Gebühr, Telefon, Lebensmittel, Kleidung. Zuschüsse bekommt sie nicht. Ihre Rente liegt nur wenige Euro über einer Zuschussgrenze.
Hilfe bei finanziellen Fragen oder bei Behördengängen bekommt Steinkamp vom Albert-Schweizer-Familienwerk in Göttingen. Die Einrichtung verhalf ihr bereits zu einer neuen Gleitsichtbrille. Leisten könne sie sich auch keine Fahrt zu ihren vier Geschwistern, die sie gerne mal in ihrer Heimatstadt besuchen würde. „Wir telefonieren wenigstens regelmäßig“, so Steinkamp. Gerne würde sie auch einmal in den Urlaub fahren, dahin wo es warm ist. Leisten kann sie sich auch das nicht.
Mit ihrem Ex-Mann versteht sie sich inzwischen einigermaßen, Weihnachten wollen sie gemeinsam mit ihren Kindern verbringen. „Das ist mir total wichtig“, sagt Steinkamp. Im nächsten Jahr will sie erneut versuchen, Arbeit zu finden. „Vielleicht als Betreuerin für ältere Menschen“, sagt sie.
Von Björn Dinges
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