Hochsensibel ist Stute Shira, laut Irene Eberhardt, Inhaberin des Friesengestütes „Auf der Moore“, ein pensioniertes Rennpferd. Und reagiert dennoch nicht im mindesten auf die Kursteilnehmerin in der Mitte der Reithalle. Irgendwas stimmt da nicht in der Chemie zwischen Mensch und Tier. Nach Minuten vergeblicher Mühe und höchster Konzentration zieht sich die Frau betrübt zurück. Das Pferd bleibt stehen und döst vor sich hin. Pferdeflüsterei gescheitert.
Durch Händeklatschen macht sich der nächste Teilnehmer bemerkbar. Die Stute spitzt die Ohren und geht vorwärts. Zunächst gemächlich, dann scheint sie irgendetwas an ihrem Gegenüber Rainer Friedrich anzutreiben. Sie trabt los, Friedrich begleitet sie auf einem kleineren Radius. Allein durch Bewegungen mit der Schulter führt er das Pferd mal im, mal gegen den Uhrzeigersinn, bleibt schließlich stehen und wendet den Blick ab. „Jetzt entlässt er sie aus der Verantwortung“, kommentiert Trainerin Susanne Henke das Geschehen. Eine Streicheleinheit für die Stute, Friedrich verlässt die Hallenmitte, Shira folgt ihm – Führungsstil anerkannt, Pferdeflüsterei gelungen.
Körpersprache anwenden
Rainer Friedrich und seine Ehefrau Siglinde haben bereits Erfahrungen im Umgang mit Pferden: „In Polen hatten wir eine Stute für Kutschfahrten“, erzählt der Geschäftsmann. „Die hat auf Körpersprache auch so reagiert.“ Präsenz über Körperspannung sollen die Männer und Frauen zeigen, wenn sie sich Shira nähern, rät Eberhardt. „Wenn ich einatme, bin ich präsent. Und Blickkonktakt ist wichtig.“ An der Reaktion der Stute wird deutlich, wem die viel beschworene Präsenz zu gelingen scheint. Bei einigen Teilnehmern trottet das Pferd fast träge durch den Sand, scheint zwischen geradeaus und seitwärts zu schwanken. Bei anderen Teilnehmern geraten die Ohren und langen Beine heftig in Bewegung – als ob Shira auf unsichtbare Anweisungen der Menschen reagiert.
Henke, Diplom-Biologin und Reitlehrerin sowie Pferdetherapeutin, demonstriert das Phänomen „Präsenz“. Wie von unsichtbaren Fäden gezogen, lässt sich das Pferd von ihr durch die Halle dirigieren. Wird immer schneller, ohne Berührung oder ein anfeuerndes Wort. Zu schnell sogar. In einer Kurve verliert es die Bodenhaftung und rutscht seitwärts durch den Sand. „Das kommt davon, wenn man zu viel Druck macht“, sagt Henke bedauernd und untersucht gemeinsam mit Eberhardt das Bein der Stute.
Die Führung übernehmen
„Take the lead“ – übernimm die Führung – haben Eberhardt und Henke ihren Kursus betitelt. Sie konzipierten ihr Programm nach den Methoden des berühmten Pferdeflüsterers Monty Roberts und einem von Henke vertretenen pädagogischen Konzept des Führungskräftetrainings, bei dem Emotionen und körperlichen Signalen eine große Bedeutung beigemessen werden. Im Kontakt zu Pferden sollen die Kursteilnehmer erlernen, wie ihre Körperhaltung sich auf ein Gegenüber auswirkt. „Pferde reagieren unmittelbarer als ein Mensch, der mit dem Verstand agiert“, begründet Henke die tierische Assistenz. „Wenn ich im Umgang mit Pferden gut bin, kann ich auch klarer mit Menschen umgehen.“
Die Teilnehmer des Führungskräftetrainings kommen aus allen Berufsgruppen: Harald Schlüter etwa ist Inhaber einer Marketing-Agentur. Er erhofft sich nicht nur bessere Führungsqualitäten, sondern „mehr Klarheit im zwischenmenschlichen Umgang“. Vertriebsmitarbeiter Sebastian Herbst will durch die Kursanmeldung „seinen Horizont erweitern“. Zumindest einen schnell sichtbaren Erfolg verbuchte er durch die Teilnahme von der ersten Minute an: „Ich hatte vorher Angst vor Pferden – die habe ich schon mal überwunden“.
Informationen über das „Pferdeflüstern – Training für Führungskräfte“ sind im Internet unter www.pferdefluestern.de abrufbar. Ein Seminar ist etwa für das Wochenende, 12. und 13. Juni, geplant. Informationen unter 0551/50429098 oder 05554/2457.
Ein Video zum Thema sehen Sie hier.
Von Katharina Klocke
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