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Jugendamtbetreuer

Untreue-System perfektioniert

Von Jürgen Gückel

Seine Aufgaben: Pflegschaften, Vormundschaften, Beistandsschaften. Seine Opfer: Waisen, Halbwaisen, unter Betreuung gestellte Jugendliche. Rund 70 von ihnen hat der im Göttinger Jugendamt tätige 56-jährige Bovender betrogen oder ihr Geld veruntreut. 340 000 Euro hat er beiseite geschafft und sich Wohnungen, Rolex, Maserati, Porsche und Mercedes gegönnt. Zwölf Jahre fiel er nicht auf. Jetzt erwarten ihn mehrere Jahre Haft.

Jugendamt im Neuen Rathaus: Ein Sachbearbeiter hat fast zwölf Jahre lang Mündel und Stadtkasse um 340 000 Euro betrogen.

© Hinzmann

Göttingen. Seit Montag verhandelt die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts gegen den Sachbearbeiter, der im Jugendamt als „einer der Besten“ galt. Wenn Unregelmäßigkeiten bei Chef oder Beschwerdemanager angesprochen wurden, so ein Polizist als Zeuge, sei das ohne Kontrolle als „unmöglich“ abgewiesen worden. Erst der Zufall brachte an den Tag, was der Angeklagte gesteht: Untreue, Betrug, Urkundenfälschung mit Schaden von 340 000 Euro von 1997 bis 19. August 2009.

An diesem Tag zeigte ein inzwischen erwachsen gewordenes ehemaliges Mündel der Polizei einen Verdacht an: Er habe bei der Sparkasse ein Konto eröffnen wollen, und man habe ihn als schon bekannten Kunden angesehen. Er habe doch schon ein Sparbuch mit stattlichen Umsätzen, habe der Banker gesagt. Es war eines von acht Sparbüchern auf den Namen eines Mündels, über die der Angeklagte das unterschlagene Geld auf sein Konto umleitete. Meist, so gesteht er, hätten die von ihm Betreuten nicht gewusst, dass die Sparbücher existieren. Auch im Amt hatte er sie nie angegeben, geschweige denn registrieren und wegschließen lassen. Bei der Hausdurchsuchung fand die Polizei ein Sparbuch aus 1991, das im Rathaus niemand vermisste. Begonnen, so der Angeklagte, habe er aber erst 1997 – viele Fälle sind längst verjährt.

Angeklagt sind noch 578 Fälle von Untreue, Computerbetrug oder Urkundenfälschung. Etliche Anklagepunkte werden wohl eingestellt, denn oft wurden die Beträge zweimal falsch verbucht (wegen des Umweges über die geheimen Sparbücher), ehe sie bei ihm landeten. Der wahre Schaden, der noch angeklagt ist, beträgt demnach wohl nur 200 000 Euro.

Neben gefälschten Unterschriften, unterschlagenen Erbschaften, Sparguthaben oder Versicherungssummen betrifft das Gros der Taten ein geradezu perfektes Untreue-System, über das nur noch der Angeklagte Kontrolle hatte, so Staatsanwalt Jens Christokat im Plädoyer. So hatte er immer dann, wenn für ein betreutes Kind Unterhalt eines Elternteils einging, die Bearbeitungsmaske des städtischen Computers so manipuliert, dass zwar das Kind als Empfänger des weiterzuleitenden Geldes erschien, dieses in Wahrheit aber auf eines seiner geheimen Sparbücher überwiesen wurde. Weil die Betreuten ohnehin Unterhaltsvorschuss von der Stadt bekamen, fiel denen nicht auf, dass Geld fehlte. Und das Sozialamt, dem der Ausgleich für den gezahlten Vorschuss fehlte, habe nie nachgefragt.

Das Urteil wird Donnerstag, 13.30 Uhr, erwartet. Nach einer verfahrensbeschleunigenden Absprache gegen Geständnis ist eine Strafe von weniger als vier Jahren zu erwarten.

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