Navigation:
Aktuelle Beilagen Anzeigen- und Abo-Service

"Alles frei erfunden"

Wilde Geschichten um Mord

Wenige Tage nach dem Mord an einer 26-jährigen Studentin wird die Gewalttat für religiöse und rassistische Propagandazwecke missbraucht. Mehrere israelische und deutsche Internet-Medien berichten, ein Araber sei der Täter und bereits festgenommen. Nichts davon ist wahr, versichert die Göttinger Polizei.
Lesezeichen setzen:


Göttingen. In der Version der Medienunternehmen Arutz Sheva (Israel), Haolam.de und Eipnews lauten die Hintergründe des Mordes an der Studentin in etwa wie folgt: Die Familie des Opfers lebt in einem arabischen Dorf in Galiläa. Die Mutter der 26-Jährigen ist jedoch Jüdin, was nach jüdischer Überzeugung bedeutet, dass auch die Tochter Jüdin ist. Die Polizei vermute diesen Sachverhalt und damit nationalistisch-ideologische Motive als Anlass für den Mord und habe bereits einen Verdächtigen ermittelt – einen Bürger eines arabischen Nachbarstaates von Israel. Mittlerweile habe die Polizei auch bestätigt, dieser Tatverdächtige sei bereits festgenommen worden. Warum und mit welcher Legitimierung sich der Verdächtige in Deutschland aufgehalten habe, sei bislang noch unbekannt. Ynetnews berichtet hingegen, die Ermittler gingen davon aus, dass die 26-Jährige Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden sei.

Alles frei erfunden und erlogen, sagt Jasmin Kaatz, Sprecherin der Göttinger Polizei. Ein politisches Motiv für den Mord werde derzeit ausgeschlossen. Im übrigen sei die getötete 26-Jährige muslimischen Glaubens gewesen. Außerdem gebe es nach wie vor keine Hinweise auf ein Sexualdelikt. Wichtige Indizien im Zusammenhang mit den Ermittlungen seien die Tatsachen, dass die Wohnung nicht gewaltsam aufgebrochen worden sei und offenbar nichts gestohlen oder geraubt worden sei. Auch die Staatsanwaltschaft Göttingen schließt einen fremdenfeindlichen Hintergrund weiterhin aus.

Eine Tageblatt-Anfrage bei Arutz Sheva zur Herkunft der fraglichen Informationen blieb unbeantwortet. Der wahre Grund der Geschichte von der angeblichen Täterschaft eines Arabers ist wohl eher in dem ideologischen Hintergrund der beteiligten Medien zu suchen. Arutz Sheva beispielsweise ist ein israelisches Medien-Netzwerk, das als religiös-zionistisch und anti-arabisch orientiertes Sprachrohr der isralischen Siedlerbewegung gilt. Eine ganze Reihe verschiedener Internet-Medien, viele von ihnen dezidiert israel-freundlich, übernahmen die dortigen Informationen offenbar ohne jede Gegenrecherche.

[Matthias Heinzel]

Nächster Artikel
Nächster Artikel
Vorheriger Artikel
Voriger Artikel

Meist gelesen

Anzeige

Tageblatt-Blog

Mission Olympia

Tageblatt-Volontär Michael Kerzel will abspecken und hat deshalb seine persönliche "Mission Olympia" ausgerufen. Und Sie können ihm dabei helfen – denn in Gemeinschaft funktioniert das bekanntlich am besten. mehr


 

Geschichtswerkstatt

Göttinger Zeitreise

Wir laden Sie herzlich zu einer Reise in die Vergangenheit ein und würden uns auch freuen, wenn Sie uns helfen, weitere Dokumente zu finden. Ein Film über die 1960er Jahre in Göttingen wird daraus entstehen. mehr


 

Anzeige

iPhone & iPad

iPad & iPhone

Das Tageblatt gibt es für das iPhone, das iPad und Android-Endgeräte. Hier erfahren Sie, wie Sie sich die Apps herunterladen können. mehr