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Hannover Der Kampf einer Mutter gegen die Depression
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20:17 10.10.2018
Sabine Thomas leidet unter Depressionen. Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

 Es war der Moment, in dem sich endlich alles zum Guten hätte wenden können. Ganz allein hatte Sabine Thomas ihre Tochter großgezogen. Jetzt war ihr einziges Kind flügge, hatte Abitur gemacht, einen Studienplatz. Mit den Schulden war es endlich vorbei, Rate für Rate hatte Thomas abgestottert. Auch der neue Vollzeitjob als Speditionskauffrau lief gut. Jahrelang hatte die heute 53-Jährige zuvor wegen ihrer Tochter Teilzeit gearbeitet. Der Vater hatte, als das Kind klein war, Selbstmord begangen.

In dem Moment also, als „alles abgearbeitet war“ – wie Sabine Thomas sagt – folgten aber keine stressfreien Tage. Es folgte – ausgerechnet an Heiligabend 2016 – ein Zusammenbruch mit schweren Angstzuständen. Die Diagnose, eine Woche später: Depression. Seitdem, seit mittlerweile fast zwei Jahren, ist Sabine Thomas in Behandlung. Am kommenden Dienstag, 16. Oktober, von 18 Uhr an, wird sie bei einer Veranstaltung der Patientenuniversität der Medizinischen Hochschule Hannover mit dem Titel „Depression erkennen und behandeln – Wie und wo bekomme ich Hilfe“ im Hörsaal F öffentlich über ihre Erkrankung sprechen.

Der Abend ist Teil einer zweiwöchigen Reihe mit rund 40 Veranstaltungen anlässlich des zehnjährigen Jubiläums „Bündnis gegen Depression“ der Region Hannover. Enttabuisierung, Aufklärung, Information, haben sich Bündnispartner wie die Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der MHH, die Region und die Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle im Selbsthilfebereich (Kibis), auf die Fahnen geschrieben. Auch heute redeten Betroffene häufig nicht offen über ihre Krankheit, sagt Henrike Nielsen, Sozialpädagogin bei Kibis. Eine Krankmeldung wegen Depression sei immer noch etwas anderes als eine wegen eines gebrochenen Fußes.

Dabei ist die Zahl der Betroffenen groß. Regionspräsident Hauke Jagau, Schirmherr des „Bündnisses gegen Depression“, weist darauf hin, dass in Deutschland pro Jahr mehr als 5,3 Millionen Menschen an Depressionen erkranken – Ursache für jährlich rund 10.000 Suizide. Aktuelle Zahlen der Kibis bestätigen solche Befunde in der Region: Mehr als ein Drittel aller Nachfragen bei der Kibis-Beratungsstelle bezogen sich 2017 auf psychische Probleme und Erkrankungen. Anfragen wegen Depression lagen mit großem Abstand vorn. Start der Aktionswochen ist am kommenden Montag, 15. Oktober; die letzte Veranstaltung wird am 27. Oktober sein.

Hätte Sabine Thomas früher erkennen können, dass sie nicht nur an zeitweiligen Verstimmungen, sondern an einer manifesten Erkrankung litt? Immer häufiger habe sie schon vor ihrem Zusammenbruch mit Krankheiten zu kämpfen gehabt, Erkältungen, Übelkeit, Durchfall, erzählt die 53-Jährige. Immer länger sei sie vom Hausarzt krank geschrieben worden, weil sie nur langsam wieder auf die Beine kam. Viele Bekannte hätten Monate vor dem Zusammenbruch persönliche Veränderungen an ihr festgestellt, sagt Thomas. Sätze wie „Du lachst nicht mehr“, „Ich kann nicht mehr mit Dir reden“, „Du bist nicht mehr die, die Du warst“, habe sie oft gehört: „Aber keiner wusste das als das Krankheitsbild Depression zu deuten.“ Dazu kam, dass Sabine Thomas keine Hilfe annahm. Der akribisch geführte Haushalt, der perfektionistisch ausgeführte Job, die Sorge für ihre Tochter, ihren Hund – das bestimmte immer umfassender ihr Leben. Für sie selbst blieb keine Zeit. Wenn Freunde sich mit ihr verabreden wollten, hieß es immer häufiger: „keine Zeit“. Selbst als die 70-jährige Mutter ihr beim Putzen helfen wollte, weil sie merkte, wie erschöpft die Tochter war, stieß diese sie weg. „Ich hätte mir Hilfe suchen können“, sagt Sabine Thomas: „ Aber ich dachte, ich muss funktionieren. Das war der große Fehler.“

Jetzt muss die 53-Jährige sich selber helfen. Nach ihrem Zusammenbruch, nach medikamentöser Behandlung, Reha, einer Therapie („nach monatelangen Absagen“) versuchte sie den vorsichtigen Wiedereinstieg in den Job. Er misslang. Derzeit ist sie wieder krank geschrieben. „Ich brauche Raum, um mit der Depression leben zu lernen“, sagt sie. Eine Selbsthilfegruppe hilft ihr dabei, Hoffnung zu schöpfen. Und eines kann sie mittlerweile wenigstens schon wieder sagen: „Die Zukunft kann doch immer wieder etwas Neues bringen.“

Von Jutta Rinas

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