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06:00 26.10.2018
Viele Stühe, viele Meinungen: Der Schulausschuss kann sich nicht einigen, welche neue Schule Hannover braucht. Quelle: Clemens Heidrich
Hannover

Eigentlich ist die Rechtslage ganz einfach: Alle Eltern, die ihre Kinder für ein Gymnasium, eine Real- oder eine Hauptschule anmelden, haben auch das Recht an ihrer gewünschten Schulform aufgenommen zu werden. Nicht unbedingt am Standort ihrer Wahl, wohl aber aber an einer Schule derselben Schulform. Zurzeit entscheiden sich 53 Prozent der Eltern von Fünftklässlern für ein Gymnasium. Damit alle Kinder dort auch einen Platz bekommen, ist in den vergangenen Jahren die Klassenobergrenzen in vielen Schulen von 30 Schüler auf 31, teils sogar auf 32 angehoben worden.

Nach den Berechnungen der Stadt ist schon jetzt absehbar, dass das Zusammenrücken künftig nicht mehr ausreichen wird. In zwei, drei Jahren werden so viele Plätze fehlen, dass die Stadt ein weiteres Gymnasium bauen muss, selbst wenn der Anteil der Eltern, die ein Gymnasium favorisieren nicht weiter steigt, allein weil die Anzahl der Kinder steigt. Wo das neue Gymnasium stehen wird, ist noch offen.

Schulstreit tobt schon seit einem halben Jahr

Im Mai hat die Stadt in einer Verwaltungsvorlage die Errichtung eines 18. Gymnasiums vorgeschlagen, ihr bleibt ja auch rechtlich keine andere Wahl „Ich muss dem Elternwillen entsprechen und genügend Gymnasialplätze anbieten“, sagt Bildungsdezernentin Rita Mari Rzyski. Aber seitdem tobt eine hoch emotionale Debatte um Hannovers neue weiterführende Schule. Gestritten wird darüber, was Elternwillen eigentlich ist. Wären die Integrierten Gesamtschulen in sozial schwierigen Stadtteilen besser ausgestattet und hätten alle eine Oberstufe, würden sich auch mehr Eltern von leistungsstarken Kindern dafür begeistern, argumentieren die Gegner eines weiteren Gymnasiums. Und gebe es in Hannover eine Modellschule, in der man frei, ohne Leistungsdruck und Sitzenbleiben lernen könnte, würden auch viele Familien die wählen und kein Gymnasium, meinen die Initiatoren des „Bündnisses für eine Schule der Kulturhauptstadt“.

„Den einen Elternwillen gibt es nicht“, sagt Michael Balke, Elternvertreter im Schulausschuss der Stadt, „aber es gibt 53 Prozent der Eltern, die in Jahrgang 5 für ihre Kinder ein Gymnasium wollen, das muss man zur Kenntnis nehmen.“

Ab Jahrgang 7 verlassen viele Kinder das Gymnasium wieder

Richtig ist aber aber: In den 5. und 6. Klassen sind die Gymnasien voll, danach werden sie wieder leerer, weil viele Schüler dort scheitern, sitzenbleiben – wie zuletzt 153 Fünftklässler – oder lieber gleich an eine Integrierte Gesamtschule oder eine Realschule wechseln. Aber dort gibt es kaum freie Kapazitäten, derweil sind an den Gymnasien in den höheren Jahrgängen insgesamt mehr als 1000 Plätze frei. Viel Spielraum ergebe sich daraus aber nicht, sagt Dezernentin Rzyski, da die Gymnasialklassen zwar kleiner, aber nicht klein werden, dass man sie zusammenlegen könnte.

Wie die Antwort der Stadt auf eine Anfrage der CDU ergab, ist die Zahl der „Schulformwechsler“ in diesem Schuljahr gegenüber 2017 um 21 Prozent gestiegen, konkret auf 558 Schüler. Die meisten Abgänger verzeichneten die Gymnasien mit 52 Prozent, die Realschulen 24 und die Integrierten Gesamtscjhulen 20 Prozent, bei den Zugängen nehmen die IGSen den weitaus größten Teil aus (42 Prozent), die Realschulen 30 und die Oberschulen 18 Prozent. Kein Wunder, dass für die Schulleiter in Hannover dies ein Riesenproblem darstellt: „Bevor wir das nicht gelöst haben, sollten wir nicht über den Bau eines 18. Gymnasiums reden“, sagt Beate Günther, Sprecherin der Gymnasialleiter und selbst Direktorin der Schillerschule. „Wir brauchen beides“, entgegnet Rzyski: „ein neues Gymnasium und eine Lösung für die Schulformwechsler“. Das könnte auch der Bau noch einer weiterführenden Schule sein.

Um den Engpass bei den Wechslern zu beheben, plädiert die CDU für eine neueRealschule, die Schülervertreter im Schulausschuss wollen eine weitere Gesamtschule. „Hier können alle Kinder gemeinsam unterricht werden, es entstehen echt Freundschaften auch mit Schülern, die eine Beeinträchtigung haben“, sagt Schülervertreterin Amelie Bindert.

Gymnasien haben bei Inklusion Nachholbedarf

Kinder, die ein Handicap haben, besuchen nach der Grundschule tatsächlich meistens eine IGS und nur selten ein Gymnasium. Erklärtes Ziel der Schulpolitiker ist es, die Inklusion, also den gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung an Regelschulen, besser auf die Schulformen zu verteilen. Nach dem Vorschlag des Ampelbündnisses soll das 18. Gymnasium ein besonders inklusives sein. Die Rede ist von einem Modellversuch, der beim Land beantragt werden soll. Die Grünen fordern eine Elternbefragung bei der Gestaltung der neuen Schule.

Modellschulen mit breiter pädagogischer Freiheit, wie sie die Ampel will, gibt es in Niedersachsen zurzeit nur vier: in Hannover die IGS Roderbruch, die einzige IGS mit Primarstufe und die Glockseeschule, an der Kinder sehr autark und selbstbestimmt lernen, sowie die Michelsenschule in Hildesheim, ein Gymnasium, das zugleich berufsbildende Schule ist, und die IGS Göttingen-Geismar, die auf äußere Fachleistungsdifferenzierung verzichtet und alle Kinder zusammen unterrichtet. Zu einem Modellversuch gehört laut Auskunft des Kultusministeriums eine wissenschaftliche Evaluation, so ein Versuch müsse von landesweitem Interesse sein.

Am Ende dürfte sich die Ampel mit ihrem inklusiven Gymnasium durchsetzen. Entschieden wird nächste Woche im Verwaltungsausschuss, im Schulausschuss in dieser Woche kann kein Antrag eine Mehrheit gewinnen, nicht einmal der von Julian Klippert (Die Partei), überhaupt erstmal den Bau einer Schule zu beschließen und über den Inhalt später zu streiten. Arne Borstelmann (CDU) spricht vom „absoluten Chaos“, es dürfte einige Zeit dauern, bis die Scherben des monatelangen Schulstreits zusammengekehrt sind.

Von Saskia Döhner

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