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Hannover Was tun, wenn ein Fünfjähriger gewalttätig wird?
Nachrichten Hannover Was tun, wenn ein Fünfjähriger gewalttätig wird?
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00:18 15.10.2017
Von Gunnar Menkens
Plötzliche Brutalität: In vollem Lauf tritt der Fünfjährige den am Boden hockenden Vierjährigen gegen den Kopf. Warum? Das weiß keiner. Quelle: Privat
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Hannover

Torben, vier Jahre alt, wirkt gelangweilt, wie er da tief in der Hocke auf dem Rasen zwischen zwei Hütchen sitzt. Sie markieren das Tor, und Torben ist Torwart, deshalb steht er nicht ein paar Meter weiter bei den anderen Jungs im Feld. Dort erklärt gerade der Trainer dem kleinen Marcel (5), er solle lieber Pause machen, weil er zuletzt so unkonzentriert war beim Spielen. Marcel geht weg von der Gruppe. Beginnt zu laufen, rennt auf Torben zu, der nichts tut, sich nicht schützt, wer ahnt diesen Zorn, bis Marcel ihn mit seinem Fußballschuh aus vollem Lauf gegen den Kopf tritt. Torben kippt um, er weint. Der Trainer sieht die Szene nicht. Zufällig filmte Torge Wittke, Vater von Torben, die Szene, und sie wirkt sehr brutal.

Schockierender Gewaltausbruch

Das war Mitte August beim Training der SG Blaues Wunder am Bischofsholer Damm. In der G-Jugend kommen hier Kinder unter sieben Jahren zusammen. In diesem Probetraining wird mehr frei gespielt als geordneter Fußball geübt. Ehrenamtliche kümmern sich um die Kinder, als Trainer, Jugendwart, als Vereinsvorsitzende - und plötzlich wurden sie mit einer Situation konfrontiert, die keiner von ihnen erlebt hat. Ein schockierender Gewaltausbruch, ohne Anlass oder vorausgegangenem Streit, ein absoluter Einzelfall.

Es gab Gespräche mit beiden Kindern und deren Eltern, der Club bedauerte den Vorfall, und Marcel entschuldigte sich. Dennoch gibt es Fragen, die sich die Verantwortlichen im Club stellen. Wie soll ein Verein umgehen mit solch einer Attacke? Welche Reaktionen sind angemessen für einen fünf Jahre alten Jungen, der nie auffällig war, der einen Spielpartner aber sehr schwer hätte verletzen können? Torben hatte ja Glück, es blieb bei einer Schwellung im Gesicht. Kann es einen Weg geben, der allen gerecht wird? Beiden Kindern, dem entsetzten Vater?

Dirk Bornemann, Lehrer von Beruf und Präsident beim Blauen Wunder, fasst die Reaktion des Vorstands so zusammen: „Wir wollten Marcel eigentlich komplett aus dem Training rausnehmen, damit er keinem anderen Schaden zufügt.“ Er schlug eine Frist vor bis zur Wintersaison, dann sei das Kind vielleicht reifer fürs Training. Bornemann verabredete mit Marcels Eltern, dass ihr Sohn zunächst einige Wochen nicht kommen solle, bis man sich weiter beraten habe. Der Club bot Adressen der Familienhilfe an, brachte das Jugendamt ins Gespräch, um dort mögliche Probleme mit dem Kind zu besprechen.

Vater Torge Wittke ging unterdessen davon aus, dass eine Pause bis zum Winter sechs Monate dauert. Torben kam zum Training, bis dann im September plötzlich auch Marcel auf dem Platz stand. Allein, ohne seine Eltern. Und gegen die Absprache, betont Bornemann. Zurückschicken mochte den Jungen offenbar niemand. Die Situation verschärfte sich. „Ich war ziemlich überrascht“, sagte Wittke. Aus seiner Sicht brach der Präsident sein Versprechen, Marcel für einige Monate auszuschließen. Sein Sohn habe an diesem Tag Angst bekommen und wollte nicht auf den Platz. Dafür, dass Wittke Marcel mit Worten anging, kritisierte ihn Bornemann. Das Ergebnis des Zusammentreffens: Familie Wittke ging und will nicht zurück zum Blauen Wunder.

Opfer schützen - oder Täter?

Bald darauf entschieden die Eltern der übrigen G-Jugend-Kinder, dass Marcel eine zweite Chance verdient. Der Tenor: Der Verein könne das Kind nicht fallen lassen, vielleicht lerne es über das Mannschaftsgefühl, mit negativen Gefühlen umzugehen, der Club sei eine Chance, Marcel in gute Bahnen zu lenken. Der Vorstand beugte sich dem Elternwillen.

Davon bekam Torge Wittke nichts mehr mit. Er schrieb dieser Tage an Bornemann: „Ich bin wütend, enttäuscht und geschockt von Ihrem fahrlässigen Umgang mit Schutzbefohlenen.“ Er beklagt auch, dass ihm vorgeworfen wurde, nach dem Tritt aufs Feld gelaufen zu sein, um seinen weinenden Sohn in den Arm zu nehmen. Bornemann kann sich nicht erklären, dass es solch einen Vorwurf gegeben haben soll.

Marcel spielt weiter beim Blauen Wunder, Torben, der nichts getan hat, ist draußen. Mittendrin stehen die Ehrenamtlichen vom Blauen Wunder. „Wir sind mit dieser Konstellation nicht glücklich“, sagt Präsident Dirk Bornemann. „Ich wüsste aber nicht, was wir anders hätten machen können.“

Die Redaktion hat sich entschieden, das private Video wegen der erheblichen Gewalt nicht im Internet zu zeigen. Torben und Marcel haben in Wirklichkeit andere Namen.

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