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Hannover Betrüger wollten Haus vor Mauerwurm retten
Nachrichten Hannover Betrüger wollten Haus vor Mauerwurm retten
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00:19 09.09.2018
Oskar H. (v.l.) wird von Anwältin Tanja Brettschneider verteidigt, Benno H. von Anwalt Harald Schremmer und Erich H. von Anwalt Karlheinz Hoppe. Quelle: Michael Zgoll
Hannover

 Die Trickbetrüger gingen sehr geschickt vor. So geschickt, dass vielleicht auch Jüngere als die 71-Jährige aus Oberricklingen auf die Bande hereingefallen wären. Geglaubt hätten, dass es ganz dringlich sei, ein von „Mauerwürmern“ befallenes Haus vor dem Ruin zu retten. Die Seniorin jedenfalls willigte ein und verlor 1300 Euro, zusätzlich zu den rund 300 Euro, die sie den vier Männern bereits für das Kärchern ihrer Gartenplatten gezahlt hatte. Seit gestern müssen sich die drei Brüder Oskar (41), Benno (34) und Erich (31) H. vor dem Amtsgericht Hannover wegen gemeinschaftlichen Betrugs verantworten. Weil ihre Verteidiger mit aller Macht versuchen, die Glaubwürdigkeit der Zeugin zu erschüttern und beweisen wollen, dass die Rentnerin möglicherweise die Falschen identifiziert hat, hat Richter Michael Stüber noch zwei weitere Verhandlungstermine anberaumt.

Zwei Brüder in U-Haft

Die Angeklagten sind bei Polizei und Justiz gut bekannt. Jeder der drei in Hannover geborenen Brüder hat schon mehr als ein Dutzend Straftaten begangen. Sie wohnen in Sahlkamp und der List, Benno und Erich H. sitzen derzeit in U-Haft. Es gibt auch noch einen vierten Bruder, der wegen fünf anderer Betrügereien angeklagt ist. Willi H. soll sich gemeinsam mit Benno H. als Handwerker ausgegeben haben, der undichte Fenster versiegeln wollte. Waren die beiden, so die Staatsanwaltschaft, erst einmal in die Wohnungen in Hannover und Langenhagen eingelassen worden, lenkten sie die Bewohner ab und sackten vornehmlich Schmuck ein. Der finanzielle Schaden soll hier im fünfstelligen Bereich liegen. Auch als vermeintliche Dachdecker sollen sich einige der Brüder Zutritt in Häuser verschafft haben.

Im Mauerwurm-Fall schilderte die 71-Jährige sehr detailliert, wie sie an einem Vormittag im Juni 2017 übers Ohr gehauen wurde. Zunächst sei sie von zwei Männern einer „Gartenbaufirma“ angesprochen worden, ob sie ihre Gartenplatten gereinigt haben wolle. Die Rentnerin willigte ein, kurze Zeit später begannen die beiden in Schutzanzügen und mit Gerätschaften versehen ihre mehrstündige Arbeit. Irgendwann tauchte der angebliche Chef der Gartenbaufirma auf und verstrickte die Seniorin in ein persönliches Gespräch. „Er war sehr vertrauenserweckend und höflich, wir haben uns sogar über unsere Kinder ausgetauscht“, erzählte die Frau. Plötzlich aber, bei der Begutachtung eines Mäuerchens im Garten, habe der Chef einen Wurm in der Hand gehalten und ganz erschrocken getan: Es handele sich um einen Mauerwurm, der ganze Häuser zerfressen und zum Einsturz bringen könne. Ein Rundgang durch den Keller brachte das erwartbare Ergebnis: Auch dort sollte es Mauerwürmer geben. In Wirklichkeit hielt der Betrüger offenbar Mehlwürmer in der Hand.

Opfer hebt alles ab

Der Chef holte einen vierten Mann, einen „Spezialisten“ herbei, der sprach von einem „sehr ernsten Fall“, der die 80 Jahre alte Immobilie akut bedrohe. Für 6000 Euro aber könne man der Seniorin helfen, werde dem Mauerwurm mithilfe eines per Spritze ausgebrachten Mittels den Garaus machen. Mit einem Auto, das mit Devotionalien wie Marienstatue und Rosenkranz ausstaffiert war und die Vertrauenswürdigkeit der Gartenbauer bekräftigen sollte, fuhr die Rentnerin mit dem „Chef“ zu einer Postbank-Filiale und hob ab, was sie noch auf ihrem Sparkonto hatte: 1300 Euro. Derweil inspizierten die anderen Handwerker ihre Wohnung und plünderten die Schmuckkassette der Frau. „Darunter waren auch eine Bernsteinkette, das erste Geschenk von meinem verstorbenen Mann, und Erbstücke von meiner Mutter“, berichtete die Seniorin. Sie schäme sich sehr, dass sie auf die Betrüger hereingefallen sei, habe sich nun aber ein Smartphone angeschafft, um sich künftig besser informieren zu können: „Inzwischen weiß ich ja, dass es keine Mauerwürmer gibt.“

Vor Gericht erklärte die 71-Jährige, die drei Angeklagten kämen ihr „sehr bekannt vor“; der vierte Mann wurde nicht ermittelt. Allerdings benannte sie als „Chef“ und als „Spezialisten“ jeweils andere der Brüder, als sie es 2017 bei der Polizei getan hatte. In diese Kerbe schlugen die Verteidiger Tanja Brettschneider, Harald Schremmer und Karlheinz Hoppe, stellten die Identifizierung der Angeklagten durch das Opfer generell in Frage. Das Gericht will nun noch einen weiteren Polizisten anhören, ein Gutachten über eine mögliche Spielsucht von Erich H. präsentieren sowie das Vorstrafenregister der drei Brüder aufblättern. Plädoyers und Urteil dürfte es am 17. Oktober geben.

Diese 82-jährige Rentnerin aus Mittelfeld wurde bei einer angeblichen Rauchmelder-Überprüfung bestohlen. Quelle: Michael Zgoll

Auch 82-Jährige wird Schmuck los

Im Prozess bei Amtsrichter Michael Stüber muss sich Erich H. wegen eines zweiten Betrugsdelikts verantworten: Er soll sich 2016 mit einem unbekannten Mittäter bei einer 82-Jährigen aus Mittelfeld als Handwerker ausgegeben haben, der die Rauchmelder in der Wohnung überprüfen müsse. Die in der Verhandlung als Zeugin sehr beherzt auftretende Seniorin gewährte den zwei Männern im Blaumann Einlass, da ihr tatsächlich eine Wartung angekündigt worden war. Als sie mit einem der sehr sympathisch wirkenden Betrüger eine Leiter aus dem Keller holte, schlug der andere zu und plünderte ihre Schmuckschatulle. Die Rentnerin hatte allerdings Glück im Unglück: Bei einer Hausdurchsuchung bei Erich H. fand die Polizei später die meisten ihrer Schmuckstücke wieder – in einer Jacke von H. „Ein paar Erinnerungsstücke, die mir total wichtig waren, sind aber weg“, klagte die Seniorin. Und auch wenn sie kein ängstlicher Typ sei: In ihre Wohnung bitte sie niemanden mehr, den sie nicht kenne.

Von Michael Zgoll

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